Mit Pipi gegen den Juckreiz – was ist eigentlich Urea?

Eigenurintherapie ist seit den Achtzigern wohl jedem ein Begriff. Aber steht dieses gewöhnungsbedürftige Verfahren wirklich in einem Zusammenhang mit der Flut an Urea-Produkten in Drogerie-Regalen? Wir haben das mal zusammengefasst.

von Paula Becker

Dreißig Produkte poppen auf, gibt man im dm Onlineshop den Suchbegriff „Urea“ ein. Dreißig! Schrunden-Schaum, Augencreme, Kinderbadesalz. Urea, das klingt nach griechischer Göttin, der Geliebten von Uranus vielleicht. Oder einer tropischen Wasserlilie in schillerdem pink. Tatsächlich kommt „ouron“ aus dem Griechischen und bedeutet: Harn. Punkt. Nix schillernd, nix Olymp, nicht einmal Hades. Warum eigentlich wollen wir uns ausgerechnet Harnstoff auf jede erdenkliche Körperpartie schmieren? Und wieso gibt es immer mehr Produkte in denen das Zeug Bestandteil ist?

Kurz: Urea ist der Bringer bei trockener und juckender Haut. Anders als andere Moisturizer – wie zum Beispiel Jojobaöl oder Lanolin – legt es sich nicht wie ein weich machender Mantel auf die Haut sondern sorgt innerhalb der ersten Hautschicht dafür, dass die Haut wieder eigenständig Feuchtigkeit bindet. Warum? Weil Urea nicht nur ein natürlicher Bestandteil des Urins, sondern eben auch unserer Körperhülle ist. Die Haut akzeptiert das aufgecremte Helferlein als körpereigen. Nur konsequent, dass Urea für Pflegehersteller immer interessanter wird.

Ok. Und welche Frage stellen wir uns jetzt wirklich? Hihihi. Neeeein, natürlich schmieren wir uns da nicht "Lulu", "Schi Schi" oder "Whee Whee" ins Gesicht. Zwar gab es Zeiten, da wurde Urea tatsächlich aus Pferdeurin gewonnen, die sind aber längst vorbei. Seit 1828 schon stellen Wissenschaftler den Stoff synthetisch her, was ihn besonders günstig – und somit bei Pflegeherstellern noch beliebter macht. Und extra hygienisch ist das natürlich auch noch. Glück gehabt.

Ganz so sehr aus der Luft gegriffen ist die Angst vor einer Invasion der Pipicreme aber gar nicht. Schließlich gab es in den Achtzigern schonmal diese merkwürdige Mode des Eigenurin-Trinkens. Als Allheilmittel. Schüttel. Die Wirksamkeit dieser, sagen wir, Idee, ist übrigens bis heute umstritten.1993 brachte die Radio und TV-Moderatorin Caren Thomas dann auch noch das Buch zum Hype heraus: „Ein ganz besonderer Saft, Urin“. Und offenbar auch ein ganz besonderes Jahrzehnt. In der neuesten Auflage spricht Thomas nun davon, dass Wissenschaftler mit Urin inzwischen sogar Handystrom erzeugen könnten. „Wo wäre der Entwicklungsstand heute bereits, wenn die Urin-Forschung mit dem gleichen Ehrgeiz und Mitteleinsatz betrieben würde wie zum Beispiel die Weltraumforschung?“, stellt sich Thomas weiter die Frage. Wer weiß also, was für Produkte wir 2027 in den virtuellen dm-Regalen finden.

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