Phänomen Ghosting – Wenn das Handy stumm bleibt

Zuerst ein tolles Date – und danach ist der andere einfach verschwunden? Ghosting treibt auch Männer in den Wahnsinn. Besonders den hier

von Marie Stadler

Mein Handy ist ein Folterinstrument, ferngesteuert. Warte auf eine Nachricht von dir. Ist wie in einem dieser Albträume, in denen ich in die Unendlichkeit eines tiefen Lochs falle, den Aufprall herbeisehnend, weil allein die Angst davor unerträglich ist. Falle, falle, falle. Aber es gibt keinen Boden. Keine Erlösung. Mein Handy – lautlos. Schweigt, wie du. Kriege zwei Erlebnisse nicht zusammen: uns vor ein paar Tagen. Und dich jetzt. Hatten schöne Dates. Das erste zwei Stunden im kalten Regen. Das zweite sechs Stunden mit warmen Worten – und heißen Küssen vor deiner Wohnungstür. Das dritte wird es nie geben.

„Danke für den schönen Abend“, hast du als Letztes gesagt. „Und bis bald.“ Schöner Abend. Bis bald. Zwei Sätze, mindestens eine Lüge. Habe dir danach geschrieben. Einmal, zweimal, dreimal. Nichts, nichts, nichts. Viermal. Nichts.

Bist zu einem Geist geworden. Keiner von denen, die im Nachthemd vor einem stehen. Oder im Negligé. Einer von den unsichtbaren. Und undurchschaubaren. Suche seit Tagen eine Erklärung. Erst war ich verunsichert, dann enttäuscht. Jetzt bin ich sauer! Schweinesauer! WAS. IST. LOS? Bist du tot? Könntest mir alles schreiben, alles! Dass du einen anderen hast, ich ein miserabler Küsser bin, mein Bart stinkt. Du einen Penis hast. Könnte mit allem umgehen. Nur nicht mit der Ungewissheit.

Bist als Geist erschreckend. Aber wirklich beängstigend ist, dass es mich so sehr beschäftigt. Geht’s noch!? Nur zwei Dates und ein Kuss, der nach Zigarette geschmeckt hat. Solltest mir egal sein. Sollte dich leicht vergessen, wie Margarine beim Einkaufen. Brot schmeckt auch trocken. Die Vernunft klopft zaghaft an. Kann sie schon hören, aber die Tür hat auf meiner Seite keine Klinke. Stehe in dem Raum mit den Emotionen, dort, wo ein Pitbull meinen Magen auffrisst.

Mein Handy – klingelt. Sehe plötzlich dein Bild auf dem Display, und mein Kopf fühlt sich an wie in einer Kirchturmglocke. Nach dem dritten, vierten Schlag kapiere ich es. Bist es wirklich. „Hey!“, sagst du. „Hey!“, sage ich. Die Worte hängen in der Luft und vibrieren. Höre dich atmen. Und ich weiß: Egal, was du als Nächstes sagen wirst. Der Spuk hat ein Ende.