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Pinke Gelnägeln für den Anwalt und Nailart bei einer Toten

Pinke Gelnägeln für den Anwalt und Nailart bei einer Toten
© Getty Images
Gepflegte Entspannung nötig? Der Bestseller in den Kosmetikstudios: die Pediküre. Drei Experten erzählen hier von ihrem Alltag. Manches haut echt aus den Socken
von Stefanie Höfle

KEINEN TERMIN?

Filiz Christoph: Es ist irre, sobald es draußen warm wird, wollen alle eine Pediküre. Gerade könnten wir fünf bis sechs Mitarbeiterinnen pro Salon dazubuchen. Wir haben teilweise bis zu 300 Anrufe pro Tag auf unserer Buchungs-Hotline. Das übersteigt leider unsere Kapazität.

Heike Berger: Das kann auch ich bestätigen. Im Sommer achten Frauen mehr auf ihre Füße. Im Winter ist es vielen egal. „Sieht man ja nicht“, höre ich oft. Finde ich merkwürdig. Das hat doch auch etwas mit Selbstachtung zu tun. Ich empfehle im Winter allerdings eine Lackpause. Aber Feuchtigkeitspflege sollte nicht vergessen werden. Dann haben wir es leichter.

Frank Schäbele: Deutschland war ja lange ein Land der medizinischen Fußpflege – die vor allem von den Omis genutzt wurde. Da kamen die Kundinnen brav das ganze Jahr. Seit etwa zehn Jahren ändert sich das stetig. Jetzt ist die Pediküre im Salon angesagt. Für viele Frauen zwischen 25 und 35 gehört es inzwischen zur Routine, einmal im Monat mit ihrer Freundin bei der Pediküre die Füße hochzulegen, sich aufhübschen zu lassen und dabei die neuesten Tratschgeschichten auszutauschen.

DAS WAR TOPSECRET!

Frank: Ich kann gar nicht zählen, wie viele Kundinnen mir eine Affäre gestanden haben. Ich werde echt in alle Intimitäten eingeweiht. Da war zum Beispiel diese eine Kundin, 79 Jahre und verwitwet, die sich extra für ihre Kur aufhübschen ließ. Als sie zurückkam, grinste sie über beide Ohren. Es hatte sich wohl gelohnt. „Herr Schäbele“, sagte sie, „ich hatte einen Kurschatten. Und meinen ersten Orgasmus.“

Heike: Wenn man fast eine Stunde zusammensitzt, kommt man natürlich ins Quatschen, besonders mit Stammkundinnen. Das ist dann wie ein Therapiegespräch. Allerdings bin ich vorsichtiger geworden, was meine Ratschläge angeht, nachdem sich Frauen beschwert hatten, dass diese nicht zum gewünschten Ergebnis geführt haben. Ich bin schließlich eine Nagelmodellistin und keine Zauberfee, die Beziehungen kittet.

Filiz: In unseren Beauty-Lounges gibt es einen offenen Bereich für Pedi- und Maniküre, da quatschen die Mädels eher über allgemeine Themen wie Urlaub, neue Bars oder Stars. Aber wir haben auch Kabinen für Waxing und Facials – da geht’s dann ans Eingemachte. Eine meiner Kundinnen hatte sich tatsächlich den Namen ihres Urlaubsflirts im Intimbereich tätowieren lassen, den ich weglasern sollte. Wahnsinn! Was ich heute auch weiß: Es sind nicht nur die bösen Kerle, die ihre Frauen betrügen. Es passiert auch andersherum. Die Quote ist fifty-fifty.

WIE DENN NUN?

Frank: Viele Frauen wollen wissen, wie oft sie sich zu Hause um ihre Füße kümmern müssen. Ich sage dann immer, dass es wie mit einem Waschbrettbauch sei, der muss auch ständig trainiert werden. Die Füße brauchen täglich Pflege. Die meisten Frauen cremen ihr Gesicht ein, kommen über die Schultern vielleicht noch bis zum Bauch und zum Po, dann ist Schluss. Mädels, bitte vergesst eure Füße nicht!

Filiz: Auch eine beliebte Frage: „Wie lange dauert das Trocknen?“ Die Antwort: Zwischen 30 und 40 Minuten, sonst ist der Lack gleich wieder hinüber. Jetzt zur Hochsaison schieben wir übrigens Kundinnen in der Mittagspause dazwischen, weil sie uns anflehen. Die müssen dann aber am besten in Flipflops kommen, damit sie pünktlich wieder zurück im Job sind. Wer hat denn schon anderthalb Stunden Pause?

SELTSAME BEGEGNUNGEN

Frank: Ein Kundin hatte sich in mich verguckt, begriff aber nicht, dass ich schwul bin. Sie war eine sehr attraktive Tabledancerin, die ernsthaft einmal ohne Slip in den Salon kam und vor mir wie Kim Basinger in „Basic Instinct“ ihre Beine demonstrativ von links nach rechts schlug. Ich lächelte und fragte, wo sie zum Waxing hingeht. Irgendwann hat sie aufgegeben.

Heike: Meine älteste Kundin ist um die 90 Jahre und legt sehr viel Wert auf ihr gepflegtes Äußeres. Und sie trägt halterlose Strümpfe, die ich immer mit ihr zusammen ausziehe. Ich helfe ihr natürlich gern, aber das Ganze dauert dann schon mal eine Viertelstunde länger als sonst. Aber es ist schön, sie glücklich zu machen.

GOOD LACK FOR YOU

Frank: Bei mir hat sich mal ein Richter zur Pediküre angemeldet. Als er Schuhe und Socken auszog, musste ich zweimal hinschauen: Er hatte tatsächlich pinke Gelnägel. Ihm gefielen lackierte Fußnägel einfach – und seiner Frau auch. Ich hätte das bei einem Mann wie ihm nie gedacht. Aber er kam dann eine Zeit lang regelmäßig vorbei für pinke, grüne oder blaue Nägel.

Filiz: Manche Kundinnen haben die irrsten Ideen. Wollen Weihnachtsmänner oder Emojis auf die Nägel appliziert haben. Wir finden das komisch, etwas prollig, aber erfüllen die Wünsche. Gehört zum Service.

MÄNNERSACHE

Filiz: Das sind die tollsten Kunden, die man haben kann. Am Anfang sind sie sehr höflich, nicht besonders redselig, weil sie so furchtbar angespannt sind. Weil sie nicht wissen, was auf sie zukommt. Meistens haben Männer die Pediküre geschenkt bekommen oder fahren mit der neuen Freundin zum ersten Mal in den Urlaub. Wenn sie zufrieden sind, kommen sie immer wieder. Am liebsten zu der Kollegin, die sie schon kennen. Sind Männer erst mal Stammkunden, kommen auch sie ins Plaudern: meist über ihr Hobby oder die Freundin. Oder sie lauschen gespannt, was die Frauen um sie herum für Themen haben. Das ist dann wie Mäuschenspielen beim Mädelstreffen.

Frank: In meinem Salon in Stuttgart hatten wir rund 20 Prozent männliche Kundschaft, viele davon Fußballspieler. Die Jungs sind alle viel kitzliger und empfindlicher an den Füßen als Frauen. Von wegen harte Kerle.

Heike: Bei mir gibt es manchmal reine Männertage. Als ob sich alle verabredet hätten. Die meisten wollen Füße und Hände gemacht haben, das wird anscheinend auch den Herren immer wichtiger. Meine Kunden sind ruhiger, würden nie Sexgeschichten ausplaudern. Genießen eher, dass sie die Füße hochlegen dürfen und entspannen können.

IGITTIGITT!

Filiz: Wir ekeln uns schon ab und an. Zum Beispiel wenn Kundinnen mit unfassbar viel Verhornung oder Stinkefüßen reinkommen. Wir starten dann ganz fix mit dem Fußbad und gehen kurz nach hinten, „etwas holen“ – dort atmen wir erst mal tief durch, bis der Gestank hoffentlich ein wenig verflogen ist.

Heike: Bei mir war mal eine Frau, die wirklich sehr schlimmen Fußpilz hatte. Ich habe ihr diskret gesagt, dass ich ihr aus hygienischen Gründen nicht helfen könne und sie ihre Füße erst mal behandeln lassen müsse. Dafür hatte sie aber kein Verständnis und kam nie wieder.

BIS ZUM ENDE

Filiz: Wir haben viele Buchungen für Junggesellinnenabschiede. Die Mädels starten meist bei uns mit einem Beauty-Event, trinken dabei schon Sekt und ziehen dann weiter auf den Kiez. Wir haben mal erlebt, dass die Braut in spe so sauer auf ihre Freundinnen war, dass sie einfach abgehauen ist. Die hatten sich mit dem Event so viel Mühe gegeben, aber wollten ihr dann ein absurd peinliches Kostüm überziehen. Da war dann schnell Schluss.

Heike: Eine Kundin kam rein und sagte, es sei die erste Pediküre ihres Lebens. Sie war fast ein bisschen aufgeregt. Ich entfernte die Hornhaut und machte ihre Nägel und Füße hübsch. Nach drei Wochen klingelte das Telefon, sie wollte die Fußpflege reklamieren. Ich wollte wissen, was denn falsch sei. Sie beschwerte sich tatsächlich darüber, dass ihre Hornhaut wieder da sei. Sie hatte wohl erwartet, dass sie nun für immer weg sei. Es half auch nicht, dass ich ihr erklärte, sie müsse schon selbst cremen und alle vier Wochen erneut zur Fußpflege gehen.

Frank: Eine sehr alte Kundin, die unwahrscheinlich viel Wert auf ihr Äußeres legte, sagte mal zu mir: „Herr Schäbele, wenn ich mal sterbe, will ich nur mit frisch lackierten Nägeln beerdigt werden. Mein Friseur weiß auch schon Bescheid.“ Ich schluckte und versprach ihr, diesen Wunsch zu erfüllen. Tatsächlich meldete sich Monate später die Tochter und fragte mich, ob ich ihrer verstorbenen Mutter den Wunsch erfüllen würde. Ich hab’s gemacht. Der Friseur kam auch.

 

DIESE GESCHICHTEN erlebten Frank Schäbele, Nail-Stylist und Artistic Director bei Alessandro International, zwölf Jahre lang Salonbetreiber in Stuttgart; Filiz Christoph, Gründerin der Beauty-Lounge-Kette Adam & Eve, und Heike Berger, Salonbesitzerin Vanity Nails & More, beide in Hamburg


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