Schiefe Zähne: Will ich mit 40 echt noch ne Zahnspange?

Unsere Autorin hat sich mit 16 geweigert, metallene Brackets auf ihren Zähnen zu tragen. Die Quittung dafür: Schiefe Zähne, ein nicht ganz so bezauberndes Lächeln und die ewige Frage: Soll ich jetzt noch oder nicht?

von Miriam Kühnel

Ich liebe es, zu lachen. Also manchmal. Wenn ich mich in einer Runde nicht ganz so wohl fühle, lächle ich lieber japanisch: Entweder ganz mit geschlossenem Mund oder aber wenigstens mit einer schützenden Hand davor. Denn wenn meine Zähne blankziehen, dann schiebt sich vor allem einer ins Rampenlicht: Mein Vampir-Hexen-Eckzahn. Und auch, wenn den eine Menge Leute "süß und sympathisch" finden. Ich finde ihn vor allem ... äh... schief. 

Zahnspange mit 40? Ich weiß nicht

Ich hatte mich beinahe mit meinem Dracula-Gen abgefunden, als mich letztens meine Zahnärztin darauf ansprach, ob wir denn nicht mal was dagegen machen wollten. Erst lachte ich (und zwar extrajapanisch), dann kam ich ins Grübeln. Ein bisschen verlockend sahen die Vorher-Nachher-Bilder im Prospekt ja doch aus. Aber will ich mit 40 wirklich noch Fehler ausbügeln, die ich als 16-Jährige verbockt habe? Ist ja echt ne Grundsatzfrage. Und will ich echt bei der Arbeit vor jedem Essen eine Schiene aus dem Mund nehmen? Ganz so "unauffällig", wie die Prospekte das einem vorgaukeln, scheint mir das nicht. Auch nicht zu verachten: die Kosten. Zwar kommen einem spätestens nach einem Hausbau oder einem Familienurlaub mit drei Kindern die genannten Summen nicht mehr ganz so astronomisch vor wie noch vor 20 Jahren, aber dennoch: Tausende Euros bleiben Tausende Euros. 

Die Optionen, seine Zähne zu korrigieren

Fängt man einmal an, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, dann sieht man sie plötzlich überall, die Optionen für ein vampirzahnloses Lächeln. Von sogenannten unsichtbaren Alignern, über Zack-und-weg-OPs in Schönheitskliniken bis hin zu innenliegenden Brackets, die man nicht sehen kann. Ich begann, Websites zu durchstöbern, Prospekte zu wälzen und sah überall nur noch perfekte Zähne. Ich war kurz davor, dem Elend ein Ende zu setzen. Doch dann blätterte ich in einem alten Fotoalbum. Darin sah ich mich mit 16, mich mit 20, mich mit 25. Immer mit dabei: Der Zahn. Und plötzlich begriff ich: Er ist zwar noch immer weder süß, noch sympathisch, aber er ist mittlerweile ein Teil von mir. Und zwar eines, mit dem ich offensichtlich sehr gut leben kann.

Meine Makel und ich - wir sind ein prima Team

Was mir all die Gedanken über meinen Zahn gebracht haben? Ich habe beschlossen, Freundschaft mit diesem störrischen Kameraden zu schließen. Denn wenn ich mal ehrlich bin, ist er am Ende auch nur einer von zwanzig Makeln. Wo kämen wir da hin, wenn wir die alle eliminierten? Klar könnte ich mir mein Fett aus dem Hintern in die Brüste spritzen, meine Fesseln zierlicher modellieren lassen und meine Oberarme ne Runde straffen. Dann könnte man noch was an der Stirnfalte machen lassen, schwieriger wären die zu schmalen Fingernägel und der zu lange zweite Zeh. Mann, die Liste der Makel wird lang, wenn man erst einmal anfängt. Aber wer wäre ich ohne all das? Vielleicht eine Frau, die sich immer wohlfühlt in ihrer Haut und nie mit Hand vor dem Mund lacht. Vielleicht aber auch eine profillose Perfekte, der das Lachen längst vergangen ist vor lauter Perfektionswahn. Nein, so fangen wir erst gar nicht an. Und so sehe ich den Zahn einfach als gute Übung, denn ich sag mal so: Vermutlich kommt der ein oder andere Makel in den nächsten Jahrzehnten erst noch dazu. Und dann will ich lieber WILLKOMMEN sagen als Pläne zu schmieden, wie ich ihn wieder los werde. Der Preis, um perfekt zu sein, ist mir einfach zu hoch.


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