Sportmuffel? Warum es gar nicht schlimm ist, keinen Sport zu machen

Unsere Autorin hat alles probiert, um Spaß am Sport zu finden. Ohne Erfolg. Dann ist sie auf einen Sportwissenschaftler gestoßen, der es endlich mal ausspricht: Sport wird völlig überbewertet! Befreiend, oder?

von Marie Stadler

Das Leben hat ja durchaus eine Schwäche für Ironie. Meines zum Beispiel hat mir zwei linke Beine, ein miserables Bindegewebe, das schlechteste Ballgefühl der Nation (nein, das hat nicht unser WM-Kader, sondern ich) und – weil das so gut zu mir passt – ein Umfeld voller Sportler geschenkt. Und ich frage mich: HÄÄÄ???? Warum muss ausgerechnet meine Chefin Triathletin sein, meine beste Freundin ein Volleyballwunder und mein Mann ein ausgebildeter Personal Coach? Ich verstehe das einfach nicht.

Ich will sportlich sein. SOFORT!

Spätestens als ich meinen Mann kennenlernte, war für mich klar: diese Peinlichkeit, der unsportlichste Mensch aller Zeiten zu sein, muss ein Ende haben. Eine Frage des Willens, da war ich mir sicher. Einmal waren wir locker ein paar Kilometer zum Bahnhof gejoggt, um den Zug zu bekommen. Na gut, wir kamen nur ein paar Meter weit. Ich war so fertig und gleichzeitig so beschämt, dass ich in meiner Not vortäuschte, ich sei umgeknickt und hätte mir den Fuß verstaucht. Der Tiefpunkt meiner Beziehung, ich weiß, ich weiß. Doch an diesem Tag war meine Motivation auf dem höchsten Hoch meines Lebens. Ich wollte sportlich sein. Sofort. Und so meldete ich mich gleich am nächsten Tag im Fitnessstudio an. 

Fitness, Zumba, Surfen, Volleyball

Ich will es kurz halten: Meine aktive Mitgliedschaft beschränkte sich auf zwei motivierte Wochen. Dann endete ich als Karteileiche. Ich versuchte Zumba, Surfen, Volleyball, Tennis, Klettern, Aerobic, Schwimmen und Kickboxen. Immer mit dem "Das-ist-es-jetzt"-Gefühl in der Minute davor. Aber dann kam ich bei den Schritten nicht mit, schluckte literweise Salzwasser und ließ mir fünfzig Mal den Baum des Surfbretts aufs Hirn knallen, sah Bällen dabei zu, wie sie an mir vorbeirauschten und Gegnern ins Gesicht, während sie mich ohne Anstrengung niedernieteten. Ja, ich weiß, es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Aber was, wenn man einfach keinen Spaß am Meister werden hat? Das Gefühl nach dem Surfen hätte ich zum Beispiel echt einfacher haben können. Ich hätte mich nur triefendnass vor eine Straßenlaterne stellen und meinen Kopf fünfzig Mal dagegen ballern lassen müssen. Also warum zum Teufel sollte ich Geld für dieses Gefühl ausgeben?

Endlich ein Sportwissenschaftler, der Ahnung hat

Dann stieß ich auf ein Interview in der Süddeutschen Zeitung. In dem sagt Sportwissenschaftler Hans Bloss den schönsten Satz, den ich je gelesen habe, nämlich: "Ja, wir können tatsächlich auf Sport im Leben verzichten." Sport, so sagt er, sei etwas für Privilegierte. Spätestens seit ich Mutter bin, weiß ich, was er meint. Viel wichtiger als das Pumpen, Ball werfen und sich den Mast auf den Kopf fallen lassen ist seiner Meinung nach einfach ausreichend Bewegung. Den Fahrstuhl links liegen zu lassen, kleine Spaziergänge zu machen und alltägliche Bewegungen achtsam und energisch auszuführen helfe schon, ein gesundes Leben zu führen. Er geht sogar noch weiter. Leistungssport sei in vielen Fällen sogar kontraproduktiv für die eigene Fitness und Gesundheit. Herr Bloss, ich möchte es ihnen hier und heute sagen: Ich liebe Sie!

Und mein Mann findet mich trotzdem gut

Ich habe es also aufgegeben. Ich werde niemals Sport machen. Zumindest nicht so, wie andere Leute das definieren würden. Ich werde einfach weiter mit den Kindern im Garten toben, zumindest die ersten Meter zur Bahn rennen (natürlich nur, bis ich umknicke) und meist die Treppe statt den Aufzug nehmen. Mehr ist einfach nicht drin und muss ja auch nicht. 

Als ich den Tod meines Projekts "Sportskanone" bekanntgab, lächelte mein Mann übrigens nur milde. "Das weiß ich doch längst", sagte er gelassen. "Und nervt dich das nicht?" fragte ich zurück. "Ich meine, wir werden niemals den Zug bekommen!" Er zuckte nur die Schultern und seufzte: "Dann trag ich dich halt. So bleib ich wenigstens dein Held." Also notieren Sie das gerne, Herr Bloss: Keinen Sport zu machen, kann auch für Beziehungen echt gut sein!

Wer hier schreibt:

Themen in diesem Artikel