Traumtyp im Kittel: Warum Ärzte die neuen Stars im Netz sind

Früher hatten wir Sascha Hehn. Heute können wir echte Ärzte anhimmeln. Im Internet. Da sind sie die neuen Start - mit Fotoalbum, Videoblog und großer Fangemeinde. Bitte, was? Unsere Autorin Karina Lübke seziert dieses Phänomen

von Karina Lübke

Momentan konsultiere ich mehrere Ärzte im Internet. Wenn ich Dr. Mikhail Varshavsky auf Facebook oder seinem Instagram-Bilderbuch (1,5 Millionen Follower) durch den Alltag und die Nachtdienste an einer New Yorker Klinik begleite, bessert sich mein Zustand ohne große Wartezeit. Das liegt natürlich nicht nur an seinem Fachwissen, sondern daran, dass der 26-Jährige zu Recht vom amerikanischen „Peoples Magazin“ als sexyster Arzt 2015 diagnostiziert wurde: Mit strahlend weißem Lächeln, gutem Herzen und Muskeln, die nicht vom Umbetten der Patienten allein kommen, erweckt er Leidende von den Halbtoten und sammelt dabei Spenden für wohltätige Zwecke. Er beantwortet Fragen per Video („Ask a Hot Doc“), und einen Hund hat „Doctor Mike“ natürlich auch noch.

Und? Wie geht's uns heute?

Ärzte gehörten für Frauen und deren Mütter schon immer zu den Traumtypen; auch weil sie die einzigen Männer sind, die zuverlässig fragen, wie es einem geht, und sogar die Antwort abwarten. In der weiblichen Fantasiewelt herrschte deshalb noch nie Ärztemangel.Je nach Altersgruppe und Beschwerden hätte man liebend gern einen Termin bei dem väterlichen Professor Brinkmann in der „Schwarzwaldklinik“ gehabt, sich auch ohne Nachwuchs bei Kinderarzt George Clooney im „Emergency Room“ eingecheckupt oder von Doktor Derek Shepherd aus „Grey’s Anatomy“ abtasten lassen.

Das Auge will auch etwas geboten kriegen

Es war nur eine Frage der Zeit, wann der TV-Halbgott-Konsum Auswirkungen auf das wahre Leben zeigt: Jüngst hat eine Studie ergeben, dass sich auch in Deutschland die durch Arztserien optisch geschulten Patienten nicht nur kompetente, sondern auch „attraktive Ärzte wie im Fernsehen“ wünschen. Den Verordnungen eines Arztes, der aussieht wie das blühende Leben, folgt man eben motivierter. Weil mein eigener Hausarzt meinen optischen Kriterien leider nicht genügen kann, konsultiere ich gegen meine chronische Verbitterung gern die Praxis von Dr. Evan Antin, einem modelschönen kalifornischen Tierarzt für Exoten, der auf Fotos mit Waranen tanzt, Riesenschildkröten operiert oder flauschige Welpen gesund schmust. Oder ich schaue mir das Video von „Lazarus“, dem coolen Rapper und Doktor aus Detroit, zu seinem Song „Open Heart Surgery“ an. Mit so jemandem könnte man auch ohne Auslandskrankenversicherung beruhigt um die Welt fliegen.

Sexgötter in Weiß

Doktorspiele als Kopfkino wirken nicht erst seit Erfindung romantisch-dramatischer Arztheftchen besser als Antidepressiva. Und nun muss man sich dafür noch nicht mal mehr schämen, denn die jungen Ärzte wollen es ja nicht anders. Sie sind über Social Media jederzeit persönlich ansprechbare Sexgötter, an denen Stethoskope wie Accessoires wirken. Sie sind attraktiv wie Schauspieler, aber tatsächlich echt. Fachkundig und sogar promoviert!

In gefühlskalten Zeiten, in denen überwiegend Blender, Geld und Dummheit an der (Medien-) Macht sind, siehe Kanye West und Donald Trump, entwickelt man vielleicht gerade deshalb eine Herzschwäche für diese liebevollen Profis, weil solche Männer so selten geworden sind. Hier sind mal welche, die diese Welt nicht beherrschen, sondern gesund machen wollen. Männer, die nicht versuchen, andere zu besiegen oder zu verletzen, sondern zu retten. Manche von denen reisen ja sogar freiwillig in Kriegsgebiete, um Opfern zu helfen. Solche Männer rasten im Notfall nicht aus und heulen herum, sondern wissen, was zu tun ist – wo neuerdings schon Männer, die bei der Geburt ihres Kindes dabei waren, hinterher wegen posttraumatischer Belastungsstörung behandelt werden müssen.

Superman im Kittel

Ein Arzt als Mann im Haus kann fiebernde Kinder und apathische Haustiere gesund zaubern, Atemwege und blockierte Nerven befreien und wirkt allgemein wiederbelebend. Er kann beim Sex nebenbei einen Hautkrebsvorsorgecheck machen, am Wochenende Falten unterspritzen und darf für alles Rezepte ausstellen. Körper kennt der Arzt in- und auswendig, die hat er schließlich studiert. Er ist intelligent, fleißig und ein praktizierender Menschenfreund. Und während Politiker und die narzisstischen Wölfe von der Wall Street Meineide schwören, hat jeder Arzt schließlich mal den Hippokratischen Eid abgelegt: nach bestem Wissen und Gewissen Schaden abzuwenden. Und das ist viel mehr, als Frauen sonst von Männern gewohnt sind.

Zum Anschmachten
www.facebook.com/DoctorMike
www.instagram.com/dr.evanantin
www.youtube.com – Lazarus Open Heart Surgery

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