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Tupper ist out. Jetzt soll ich mich auf Partys schminken.

Tupper ist out. Jetzt soll ich mich auf Partys schminken.
© Getty Images
Was früher die Tupperparties waren (ganz früher die Dildoparties), sind heute Kosmetikabende. Klingt erstmal harmlos. Ist es aber gar nicht, weiß unsere Autorin, seit sie sich einmal nichtsahnend darauf einließ und die Büchse der Pandora öffnete.
von Miriam Kühnel

Früher, als ich noch ein Waschgel von Bebe Young Care und eine Creme der EDEKA-Eigenmarke hatte, da war die Welt noch in Ordnung. Das war, bevor man mich zu meiner ersten Kosmetikparty einlud. Um genau zu sein zu der einzigen, zu der ich in meinem ganzen Leben und weit darüber hinaus jemals gehen werde. Noch meine Urenkel werden sich gegenseitig vor Kosmetikpartys warnen. Dafür werde ich sorgen.

Erstmal hatte sich alles ganz easy angehört. Ein paar Freundinnen, eine Runde Sekt, eine Hauttypberatung, kein Kaufzwang. Wir peelten unsere Hände, genossen unsere streichelzarten, mindestens 20 Jahre jünger aussehenden Hände und kicherten wie Schulmädchen, als sich erstmal alle abschminken sollten. Dann wurde es ernst. Der Reihe nach wurden wir aufgerufen zum Hautcheck. Was wir denn für Hautprobleme hätten, wollte die (möglicherweise selbsternannte) Kosmetikexpertin wissen. Während meine Freundinnen ihre Problemhaut beschrieben, kam ich mir vor wie ein Schulmädchen, das gleich drangenommen wird. Ja, ich habe manchmal einen Pickel. Aber ich weiß nicht, ob das so ist, weil ich fettige, normale, Misch- oder Was-auch-immer-Haut habe. Hab ich mich irgendwie nie mit beschäftigt. Die anderen wussten Bescheid. Aber genauestens. "Mischhaut", sagte ich, weil das zumindest ja nicht ganz gelogen sein konnte. Die Expertin nickte verständig. Dann gab sie uns allen viele kleine Tiegelchen und Döschen, Tübchen und irgendein Serum gegen Probleme, die ich nie hatte. Früher mal. Eine Stunde zuvor.

Eine halbe Stunde später saß ich im Einzelgespräch. Die Beraterin fragte nicht, OB ich etwas kaufen wolle. Sie fragte, WAS ich alles kaufen wolle. Eine ganzheitliche Pflegelinie sei schon sinnvoll. Dann ein kritischer Blick auf mein ungeschminktes Gesicht. Was gegen Falten würde sie mir schon auch empfehlen. Und die Gelmaske für die Nacht. Regeneration könne meine Haut gut gebrauchen. Ich wurde panisch. Hatte ich es verkannt? Hatte ich einfach nicht bemerkt, dass meine Haut aus knappen zwei Quadratmetern Problemzone bestand? Ich kreuzte zögernd die Anti-Aging-Linie für 56 Euro an. Die Beraterin war erleichtert. "Es gibt ja wirklich Frauen, die ihre Haut über Jahre missachten und sich dann im Alter wundern." Sie war froh, dass wenigstens ich vernünftig wurde. Das Serum sei als Ergänzung fast zwingend erforderlich. Der Sekt in meinem Kopf machte, dass ich ihr glaubte.

In den nächsten Tagen wurde ich fast hysterisch beim Reinigen und Eincremen der Haut. Ich sah Fältchen, Rötungen, Pickelchen, verstopfte Poren. Als meine Lieferung endlich kam, hastete ich ins Badezimmer und schmierte mich von oben bis unten mit allem ein, was meiner Haut in ihrem Leben bisher verwehrt geblieben war. All die Wirkstoffe kannte meine Haut gar nicht. Selig ging ich ins Bett (natürlich mit der Gelmaske) und hoffte auf ein Wunder.

Um es kurz zu machen: Es gab kein Wunder. Meine Haut sah so aus wie immer. Meine erste Schminkparty ist nun sechs Monate her. Es hat sich nichts verändert außer mein Kontostand. Keine meiner Freundinnen hat eine Veränderung bemerkt. Alle haben Angst, die Pflege zu wechseln. "Wenn man diese Serie absetzt, bekommt man ganz schlimme Pickel", hatte die Beraterin gesagt. Vor einem Monat dann ist es passiert. Ich habe meine randvolle Kosmetiktasche in einem Hotel vergessen. Zack, weg. Einfach so. Mir blieb nichts anderes übrig als meine alten zwei Tübchen rauszukramen. Als wäre ich eine neu entdeckte und direkt mal vom Aussterben bedrohte Tierart, inspizierten mich meine Freundinnen. Ich hatte den Ausstieg geschafft aus der Kosmetiksekte. Ich war die Heldin! Und ich fand mich plötzlich wieder schön. Auch mit Fältchen. Die Kosmetikexpertin habe ich auf WhatsApp über meinen Ausstieg aus der Pflegeserie mit Weltherrschaftsambitionen informiert. Sie reagierte, als habe ich gerade das Pariser Klimaabkommen in Frage gestellt. Ich habe durchgehalten und kein neues Serum bestellt. Ja, verdammt, ich war wirklich eine echte Heldin!


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