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Warum wir uns auf Fotos nicht ausstehen können

Warum wir uns auf Fotos nicht ausstehen können
© Getty Images
Boah, wie sehe ich denn aus?!? Geht euch das auch so, wenn ihr Fotos von euch seht? Kein Grund, die Nummer des nächsten Schönheitschirurgen rauszusuchen. Das geht nämlich den meisten so und hat eine ganz simple Erklärung.
von Theresa König

Eigentlich mag ich mich. Im Großen und Ganzen. Wenn ich mich im Spiegel anschaue, finde ich das Ergebnis sogar recht passabel. Wirklich! Ich bin keine, die ständig an sich rummäkelt oder auf der Suche nach Bestätigung ständig so sinnbefreite Fragen in den Raum wirft wie „Schatz, findest du mich zu dick?“ oder „Sieht die Frau da am Nebentisch nicht viel besser aus als ich?“. Weit gefehlt.

Und trotzdem gibt es da dieses Phänomen. Dass ich immer, wenn ich Fotos von mir sehe, denke: „Oh Gott, wer ist diese Frau mit dieser komischen Fratze?!?“ Wäre ich Heidi Klum, ich würde mir keine Foto geben und mich in die nächste Runde schicken. Richtig: Manchmal liegt das missglückte Ergebnis schlichtweg am Fotografen. Das ist meistens mein Mann. Der drückt fast immer im falschen Moment ab. Wenn die Augen gerade auf Halbmast sind und ich so aussehe, als hätte ich mit Pete Dotherty eine Woche lang durchgekokst. Oder wenn ich gerade genüsslich in einen Burger beiße und mir der Ketchup vom Kinn tropft als hätte ich gerade einen Liter Blut auf ex gekippt. Aber selbst, wenn er ein hochdotierter Profifotograf wäre, würde ich beim Ergebnis wahrscheinlich denken: Würg, das geht doch besser, oder?

Im Spiegel ist alles besser

Jahrelang habe ich mich gefragt, warum ich mich auf Fotos nicht ausstehen kann. Bin ich vielleicht doch zu selbstkritisch? Aber jetzt habe ich endlich die Erklärung gefunden. „Mere Exposure“ nennen Psychologen nämlich diesen Effekt. Was das bedeutet? Dass wir Sachen, die wir häufig sehen, viel positiver wahrnehmen. Zum Beispiel unser Spiegelbild. Das mögen wir ja eigentlich ganz gerne. Weil wir es aber auch schon seit Jahrzehnten mehrmals täglich beäugen. Warum wir uns auf Fotos blöd finden? Weil wir uns darauf nicht spiegelverkehrt sehen – so wie wir es gewohnt sind – sondern auf einmal richtig ausgerichtet. Und das finden wir dann sonderbar, ungewohnt, und eben nicht so schön wie sonst.

Was das jetzt für uns bedeutet? Dass wir uns an alles gewöhnen können. Selbst an Fotos von uns. Je häufiger wir die anstarren, desto besser finden wir uns drauf. Das gilt übrigens für alle Lebenslagen. Der „Mere-Exposure“-Effekt wird nämlich gerne von Marketing-Leuten angewendet. Deswegen werden Jingles im Radio bis zum Erbrechen wiederholt. Bei Gerüchen, Nahrungsmitteln und Trends funktioniert das genauso. Deswegen ist und bleibt Muttis Gulasch einfach das Beste, und aus demselben Grund haben wir uns irgendwann auch an Dauerwelle, Radlerhosen und die Plateau-Turnis von Buffalo gewöhnt und fanden die irgendwann „gar nicht mal mehr so übel“. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier. Wussten wir schon immer. 


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