Wenn die Nachbarn einen nicht pennen lassen

Nachts kann unsere Autorin Dorthe Hansen nicht schlafen, weil die Nachbarn unter ihr nicht schlafen wollen. Dann macht sie sich so ihre Gedanken: Ertragen oder meckern?

Seit zwei Jahren wohne ich in einem Studentenheim, umgeben von jungen Leuten, ich könnte deren Mutter sein. Bin ich aber nicht, sonst würde ich denen was erzählen. Und das Studentenheim ist ein normales Mietshaus, eine Wohnung pro Etage, aber unter mir: die Studenten-WG. Drei Mädels. Nur sind es immer mehr, sie bringen abends jeweils zwei, drei, vier mit – und mich um meinen Schlaf.

Es gab eine Phase, da war dreimal die Woche Party bei denen. Gibt ja so viel zu feiern, wenn man jung ist. Mein Kind ist zu jung, um mitzufeiern. Es muss morgens früh raus, zur Schule.

Vamos a la Playa um drei Uhr nachts....

Anfangs hab ich sie feiern lassen, die Mädchen und ihre Meute. Hab bei der nächsten zufälligen Begegnung im Treppenhaus gefragt: Geht’s etwas seltener, geht’s etwas leiser? Bitte.

Das Haus ist hellhörig. Hustet der Nachbar in der Wohnung über mir, ist das so nahe, als wäre es mein Mann. Läuft die Waschmaschine in der übernächsten Etage, denk ich: Ach, richtig, du wolltest doch eine Maschine anstellen.

Die Studentinnen taten verständig, lärmten aber weiter, großes Hallo im Treppenhaus, wenn die Gäste kamen, dann, wirklich: „Vamos a la playa“, o-o-ooohh.

Es ist schrecklich, sich nachts aus dem Bett zu quälen, sich wieder anzuziehen, bei den Nachbarn zu klingeln. So beschämend. Aber die? Hören die Klingel gar nicht. Also klopfen. Hämmern. Pausen zwischen den Stücken abwarten. Faust drauf. Mir geht die Pumpe. Ich zittere. Tür auf. Lauter glühende Gesichter, und die Gastgeberin sagt: „Aber in letzter Zeit feiern wir doch gar nicht so oft …“ Jetzt werde ich laut. Dann sie. Ein Gast schiebt sie zur Seite und sagt: „Danke, dass Sie die Polizei nicht gerufen haben, wir sind jetzt leiser.“ Ich kann trotzdem nicht einschlafen.

Ich habe die Polizei nie gerufen, obwohl ich noch oft dort vor der Tür stand und mein Herz und meine Faust hämmerten. Hat die Polizei nicht Wichtigeres zu tun? Der Mieterschutzbund rät: Wenden Sie sich an Ihren Vermieter, mindern Sie in letzter Instanz die Miete. Ich will keinen weiteren Stress, nur nachts meine Ruhe.

Die anderen Nachbarn sind auch genervt, aber nicht so sehr wie ich, sie haben Abstand. Der Hustenmann von oben sagt: „Deine Wohnung puffert den Lärm ganz gut ab.“

Ein anderer wohnt im Gebäude auf der anderen Hofseite und hört alles, wenn die Balkongespräche der Mädels rüberhallen. Über Typen und so. Sehr detailliert. Deshalb stellt mein Nachbar manchmal am offenen Fenster den Schrei von Edvard Munch nach, die Hände fest an die Ohren gedrückt, die Augen schreckgeweitet. Ich muss lachen, wünschte aber, er würde tatsächlich mal gellend kreischen. Aber er hat sich im Griff.

Was mach ich bloß?

ICH MUSS MICH IN DEN GRIFF KRIEGEN. Ich bin die Einzige, die hier ein echtes Problem hat, die sich im Bett wälzt, die von einem Zimmer ins andere zieht, die morgens schief geht vor Müdigkeit und das Kind nicht aus dem Bett kriegt, weil es wieder zu spät einschlief.

Ich entdecke Ohrstöpsel, die Leute beim Film einsetzen, wenn was mit Explosionen gedreht wird. Ich schiebe sie mir tief in die Gehörgänge. Der Schaumstoff knistert, plustert sich mächtig auf. Dann ist alles weg. Ich höre kein Gelächter, keine Silvesterparty, kein Gläserklirren, keinen Staubsauger.

Ich höre nur mich, zwei Fragen in Dauerrotation: Bist du nicht doch ein bisschen empfindlich? Und warst du eigentlich schon immer so?


Hier schreibt Dorthe Hansen

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Nachts kann unsere Autorin Dorthe Hansen nicht schlafen, weil die Nachbarn unter ihr nicht schlafen wollen. Dann macht sie sich so ihre Gedanken: Ertragen oder meckern?

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