Wie es ist, anders auszusehen

Ilka Brühl kam mit einer Gesichtsspalte zur Welt. Hier erzählt sie, wie es ist, nicht den Normvorstellungen der anderen zu entsprechen

von Nele Justus

Ich sehe schon mein ganzes Leben lang anders aus. Meine Mutter hatte während ihrer Schwangerschaft eine Virusinfektion, deswegen waren meine Atemwege in der Nase nicht richtig ausgebildet und ich wurde mit einer Gesichtsspalte geboren. Als Kind hatte ich mehrere Operationen. Mit jeder sah ich etwas normaler aus. Aber trotzdem blieb ich immer die, die anders war.

Ich habe mich zum Außenseiter gemacht

„Hexe“ haben mich manche im Kindergarten genannt. Andere zeigten mit dem Finger auf mich. Kinder können unglaublich grausam sein. Deswegen habe ich die ersten Jahre als die schlimmsten empfunden. Ich habe mich zurückgezogen. War sehr schüchtern. Alles Negative habe ich auf mein Aussehen bezogen. Heute denke ich, ich habe mich damit selber zum Opfer und zum Außenseiter gemacht. Wenn sich jemand nicht mit mir verabreden wollte, dann gab es für mich nur die eine Erklärung: Es musste an meinem Äußeren liegen. Standen meine Klassenkameraden in einem großen Kreis, habe ich mich nicht getraut, mich dazuzustellen. Stattdessen habe ich gedacht, dass die mich bestimmt nicht dabei haben wollen. Manchmal habe ich mich gefragt: Was wäre, wenn ich ohne diese Gesichtsspalte auf die Welt gekommen wäre? Wäre dann alles einfacher? Wäre ich glücklicher? Heute weiß ich: Jeder ist schön. Und: Glück findet man nur in sich selbst. Aussehen hat damit wenig zu tun. Es ist eher faszinierend, dass Menschen, die man selber als hübsch erachtet, sich häufig gar nicht schön finden.

Die vergangenen zwei Jahre haben mir innere Zufriedenheit gebracht. Woran das liegt, kann ich gar nicht genau sagen. Einen großen Anteil daran hat bestimmt mein Freund. Wir wohnen zusammen und er gibt mir das Gefühl, geliebt zu werden. So wie ich bin. Aber auch die Fotografie hat mir geholfen. Ich habe mich immer für einen unfotogenen Menschen gehalten. War die, die auf Bildern immer ein verkniffenes Lächeln hatte - mehr habe ich mich nicht getraut. Vor ein paar Jahren dann habe ich eine Fotografin angeschrieben, weil ich lernen wollte, wie man gute Porträtaufnahmen macht. „Ich könnte dich fotografieren!“, hat sie angeboten. „Das will doch keiner sehen“, war meine erste Reaktion. Aber dann habe ich mich überwunden und mich mit ihr verabredet. Beim Shooting waren wir sofort auf einer Wellenlänge. Drei Stunden liefen wir für die Aufnahmen bei knapp über null Grad im Regen herum. Die Kälte habe ich nicht gespürt. Ich war voller Adrenalin und total aufgeputscht. 

Auf die Fotos habe ich ganz viel positives Feedback bekommen. Am meisten freue ich mich, wenn ich merke, dass ich mit meinen Bildern anderen helfen kann. „Heute habe ich mich zum ersten Mal getraut, zu lächeln“, hat mir zum Beispiel eine Frau geschrieben. Dann weiß ich, dass es sich lohnt, weiterzumachen.

Es hat lange gedauert, aber ich habe gelernt, meine Scheuklappen abzusetzen. Selbstbewusst auf Menschen zuzugehen und meine Meinung zu vertreten. Es gibt noch immer Momente, in denen ich mich am liebsten verkrümeln möchte. Besonders, wenn ich mit Leuten zusammen bin, die ich nicht kenne. Dann bemerke ich, dass ich noch einen Weg vor mir habe. Aber er wird immer leichter.

Ilka Brühl, 25, zeigt auf ihrem Instagramaccount @ilkamiilka und bei Facebook, dass jeder Mensch schön ist.

Foto: Ilka Brühl

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Ilka Brühl kam mit einer Gesichtsspalte zur Welt. Hier erzählt sie, wie es ist, nicht den Normvorstellungen der anderen zu entsprechen

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