Das harte Leben eines echten Erfinders

Wenn Michael Lutter einen Einfall hat, geht’s richtig los: Dann zeichnet er Skizzen, bastelt Prototypen und steckt sein allerletztes Geld in Patente. Spinnt der?

Michael Lutter schleppt seine Ideen heute in einem Beutel mit sich herum. Zumindest jene, aus denen schon Gegenstände oder Prototypen geworden sind. Ein bisschen wie eine Wundertüte – mal gucken, was kommt. Er kramt eine Saftpresse hervor, also seine, und stellt sie auf den Tisch. Mit dem Kopf ist Lutter aber schon wieder woanders, bei dem Ventilator da in der Ecke, der von Dyson ist. „Dem habe ich auch eine von meinen Saftpressen geschickt. Weil er mir ein Vorbild ist“, erzählt Lutter und nickt Richtung Lüfter. Er meint James Dyson. Auch ein Erfinder, der mit seinem beutellosen Staubsauger weltbekannt wurde und mittlerweile Milliardär ist. „Er hat sogar geantwortet und mir Glück gewünscht.“


Verbesserung als Lebenssinn


Was Lutter und Dyson gemeinsam haben: Beide haben versucht, ein Produkt zu verbessern, das bereits existiert. Saftpressen und Sauger gibt es schließlich haufenweise. Doch vor fünf Jahren stellte sich Lutter in seiner Hamburger WG-Küche die Frage, warum es so ein Kraftakt ist, eine weiche Orange auszudrücken. „Wenn ich etwas erfinde, komme ich über das Problem. Und das der üblichen Saftpressen ist: Die rutschen weg“, sagt der 61-Jährige. Lutters Lösung: eine Saftpresse mit Silikonpad zum An-die-Wand-Kleben. „Normalerweise muss man beim Auspressen bis zu 20 Kilo Druck aufbauen, bei meiner Joozy reichen drei bis vier Kilo“, erklärt er, während er das Ding an die Wand pappt und eine imaginäre Orange damit auspresst. „Glas drunterstellen, zack, Saft fließt rein.“ Joozy ist seine bisher einzige Erfindung, die man schon kaufen kann. Von den 3000 Saftpressen, die er produzieren ließ, sind nur noch 500 übrig. Verdient hat er daran trotzdem nix, sondern sogar noch draufgezahlt. 30 000 Euro für die Produktionsmaschinen, 20 000 Euro für Prototypen und ein Designpatent.


Mit 17 von der Schule weg


Lutter greift in die Tasche und zieht seine nächste Erfindung heraus. Ein Stift, der aussieht wie ein moppeliger Tintenkiller. Ist aber keiner. Lutter nimmt seine Hornbrille von der Nase, malt mit der einen Stiftseite die Gläser braun und wirft die Frage in den Raum, die er sich beim Erfinden selbst beantwortete: „Was ist eine Sonnenbrille eigentlich? Glas mit Farbe, die vor UV-Licht schützt!“ Dann kann man die Brillengläser doch einfach anmalen, dachte sich Lutter. „So unvoreingenommen zu denken wird einem schon in der Kindheit abtrainiert.“ Er versucht, sich diese Denke zu bewahren, indem er alle Fragen und Antworten zulässt. Ob etwas wirklich funktioniert, ist erst mal egal. Mit der anderen, der alkoholgetränkten Stiftseite, killert er nun die Farbe von seinen Brillengläsern, während er eine Anekdote aus seiner Schulzeit zum Besten gibt: „Im Chemieunterricht, der Lehrer experimentierte mit Spülmittel, Wasser und Strom. Wasserstoff in den Seifenblasen, Feuerzeug ran, boom, kleine Explosion. Großes Hurra in der Klasse. Und ich? Schnips, schnips, schnips: ,Warum fahren Autos nicht damit?‘ Antwort vom Lehrer: ‚Das gehört jetzt nicht hierher.‘“


Mit 17 hatte Lutter keinen Bock mehr auf die Schule und begann nach seinem Realschulabschluss zu malochen: als Lagerarbeiter, Straßenfeger, Schiffsreiniger, als Landwirt und Konzertveranstalter. Später verdiente er sein Geld hauptberuflich mit Ideen – als Texter, Werber, Regisseur. „Ich hatte aber den Traum, etwas Eigenes zu schaffen, etwas, das bleibt.“


Seine beste Erfindung: Taxi Ad


Lutter ist kein zugeknöpfter Typ. Kann man schon an seinem Hemd erkennen. Die obersten drei Knöpfe: offen. Ideen geheim halten? „Pffft. Wenn du eine Idee hast, schreib sie auf ein Pappschild und geh damit unter Leute. Die muss raus in die Welt, so erfährt man, ob sie gut oder blöd ist.“ Doch Lutter erzählt nicht nur jedem von seinen Ideen, mittlerweile verschenkt er sie sogar. Wie Nailiq, seine elektrische Nagelfeile. „Es gibt unzählige elektrische Maniküregeräte mit flachen Schleifaufsätzen, um die Nägel zu kürzen. Aber die wurden so entwickelt, dass sie von einer Person bei einer anderen angewendet werden müssen“, erläutert Lutter. Mit seinem Gerät kann man Fingernägel gut bei sich selbst kürzen. Er bot es einer Industriedesignerin an, die überrascht war, dass er nichts dafür haben wollte. Nach genauerer Begutachtung sagte sie dennoch ab – keine Zeit. „Die weiß eben“, sagt Lutter, „dass sich die Umsetzung hinziehen kann.“ Dachträger für Werbeplakate, die man schnell auswechseln kann. Kennt man, Taxis in ganz Deutschland düsen damit herum. „Ganz ehrlich: Das ist doch keine bahnbrechende Erfindung, mehr eine Spielerei. Ich habe zwar immer nur nebenher daran gearbeitet, trotzdem vergingen zehn Jahre, bis das erste Taxi damit fuhr. Bürokratie halt.


Nach der Gründung der Firma hatte er bald keine Lust mehr. Vor Excel-Tabellen sitzen? Nicht sein Ding. Deshalb ließ Lutter sich auszahlen und bekam zumindest die Kohle, die er reingesteckt hatte, wieder raus. Immerhin: Taxi-Ad ist für ihn heute ein Türöffner. Potenzielle Partner und Investoren hören ihm zu, wenn er erwähnt, dass das „sein Baby“ war. „Wenn du mit einer neuen Idee ankommst, bist du erst mal der Spinner. Wie er hier“, Lutter nickt Richtung Ventilator und fährt fort, „der Typ ist rumgelaufen und hat gesagt, er habe den Staubsauger neu erfunden. Klar, dass da alle lachen. Das muss man abkönnen.“


Es soll ein Welthit werden


Griff in den Beutel, nächste Erfindung. Sieht aus wie ein zusammengeklappter, etwas zu groß geratener Zollstock, nur ohne Ziffern. Lutter streichelt darüber. „Meine Boxnobox“, sagt er, ein bisschen stolz, ein bisschen ehrfürchtig. Er faltet die weißen Aluplatten auseinander, klack, klack, klack, eine Box, so groß wie zwei Schuhkartons, steht nun vor ihm. Lutter redet über seine Boxnobox wie ein stolzer Vater, der aufzählt, was sein Kind schon alles kann: „Wie viel da reingeht! Und mit wenigen Handgriffen lässt sich die Kiste auf fünf Prozent der Originalgröße zusammenballern! Bei anderen Faltkisten ist bei 25 Prozent Schluss! Aber das Beste“, sagt Lutter und wird ganz hibbelig, „meine Falttechnik funktioniert für jeden Behälter, egal ob Koffer oder Frachtcontainer.“


Eigentlich suchte Lutter gar nicht nach einer Faltkiste: Er wollte den Fahrradkorb verschwinden lassen, oder eher, ihn so klein wie möglich machen, damit er in eine Handtasche passt. „Als ich dann aus Pappe und Klebeband den allerersten Prototyp bastelte, wurde mir ganz heiß. Ich wusste, das ist mehr als ein klappbarer Fahrradkorb, das ist etwas Großes“, sagt er und stützt sich auf dem Tisch ab. Also ging er zum Patentanwalt – man kennt sich. „Das ist eigentlich ein total emotionsloser Typ, der hat noch nie eine meiner Erfindungen kommentiert. Aber als er meine Boxnobox sah, sagte er: ,Oh, da haben Sie ja mal was Schönes.‘“ Lutter meldete ein Patent an, nicht für eine Kiste, sondern für ein Faltverfahren, 20 Seiten lang und gültig für Europa und Amerika. „Ich hab quasi einen Schraubverschluss erfunden“, sagt er, „der auf alle Flaschen passt.“


Was ihm allerdings noch fehlt: Investoren. „Meinetwegen können andere damit reich werden. Ich möchte nur, dass es irgendwann das fertige Produkt im Baumarkt zu kaufen gibt.“ Und ein bisschen Kohle zum Leben wäre auch nicht schlecht. „Gerade gehe ich an meine private Altersvorsorge ran. Lange wird’s nicht mehr reichen.“ Lutter pokert hoch: 50 000 Euro hat er in das technische Patent gesteckt. Alles auf eine Karte, oder eher: in ein Faltverfahren. „Ich bin halt Künstler. Ein Musiker geht doch auch immer wieder ins Studio, um neue Songs aufzunehmen, selbst wenn die vorherige Platte nicht so gut gelaufen ist.“ Und dann wagt Michael Lutter sich doch weit vor: „Ich hoffe, dass Boxnobox mein Welthit wird.“



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