...bis dass der Tod? – Langzeitbeziehung kann man jetzt lernen

Bis ans Ende aller Tage mit dem Partner zusammenbleiben? Eine romantische Vorstellung! Aber wie soll das gehen? Unsere Autorin hat eine Langzeitliebe-Fortbildung gemacht.

von Lena Schindler

Hätte nie gedacht, dass mir so etwas passiert. Durch auf links gedrehte Socken in der Wäsche habe ich die Fassung verloren und den wichtigsten Menschen in meinem Leben für alles Übel der Welt verantwortlich gemacht: Klimawandel, Kim Jong-un, abgelaufenen Joghurt im Kühlschrank. Eine Überreaktion, ungerecht, hysterisch, beschämend. Auf keinen Fall will ich hinnehmen, dass so etwas mal zu unserem Leben gehört. Viel zu wertvoll ist mir das, was mich seit acht Jahren mit meinem Mann verbindet. Viel zu traurig finde ich, dass meine Eltern aufgaben – so früh, dass ich mich nicht mal an sie als Paar erinnere. Ich will noch mit 90 Händchen halten! Und dafür besuche ich jetzt ein Seminar.

Volkshochschule des Glücks

Geocaching, Basenfasten, Excel – für alles gibt es Kurse. Für die ewige Liebe reise ich in die Hauptstadt zur Berliner „School of Life“, gegründet von Philosoph und Bestsellerautor Alain de Botton. Auf dem Lehrplan: „Wie gelingt es, ein glückliches Paar zu bleiben?“ In der Beschreibung für das dreistündige Seminar heißt es, die Langzeitliebe sei kein Zufall, sondern das Resultat von Fähigkeiten, die man lernen und üben kann. Na, dann mal los! Obwohl das Pärchenticket 20 Euro günstiger ist, entdecke ich unter den rund 20 Teilnehmern nur drei Männer. Erleichternd, denn offenbar ist nicht nur meine Begleitung verhindert. Anfangs drücken sich alle bei den Ratgebern zum Thema Liebe, Selbsterfahrung und Karriere herum, in einer Ecke bei den Küchentüchern mit dem Aufdruck „Cleaning As Therapy“. Bei Weinschorle und Häppchen kommen dann aber doch Leute ins Gespräch. „Anscheinend wollen nur Frauen ihre Beziehung retten“, sagt eine Teilnehmerin mit Blick in den Raum. Mein Eindruck ist eher, dass hier längst nicht alle an einem Punkt sind, an dem es beim Paartherapeuten mit Salzkristalllampen ans Eingemachte geht. Das hier sieht eher nach Prophylaxe aus. Die meisten Teilnehmer sind zwischen Anfang 30 und Mitte 40, viele haben kleine Kinder, sind eher zehn als 20 Jahre mit ihren Partnern zusammen – auf jeden Fall lang genug, um zu wissen, dass der Alltag böse zuschlagen kann.

Was läuft schief?

Holzstühle, Klemmbretter, Dozentin Barbara von Bechtolsheim am Beamer – und die Frage: Woran liegt’s, dass wenige Beziehungen dauerhaft halten? „Dass zwei Menschen zusammenpassen, ist nicht die Voraussetzung, sondern das Ergebnis von Liebe“, sagt die Lehrerin. Was sie damit sagen will: Wenn zwei Menschen sich füreinander entscheiden, wissen sie im Grunde gar nicht, wen sie da bei sich einziehen lassen. Erst später kommt alles raus, vor allem die Seiten, in die man sich vielleicht weniger stürmisch verliebt hätte. Dies zeugt zwar von Vertrauen und Intimität, ist aber trotzdem ein Schock, mit dem jeder klarkommen muss – viele flüchten allerdings. Die nächste Lektion sorgt für Schweigen. Gemäß de Botton sei die Idee, unser Partner müsse uns intuitiv verstehen, ohne Worte, romantischer Bullshit und ein Gral maßloser Enttäuschung. Rumms. Von keinem sonst würden wir derart übersinnliche Fähigkeiten erwarten ...

Wir müssen reden

Klar, aber wie? „Damit Ihr Partner nicht den Anschluss verliert, sollten Sie ihm regelmäßig emotionale Updates geben“, empfiehlt Frau von Bechtolsheim. Einspruch aus der mittleren Reihe: „Dauernd alles zu zerreden nervt total und nimmt die Leichtigkeit!“ Zu viel Kommunikation kann es aber in den Augen der Kursleitung gar nicht geben. Bevor wir jedoch alles raushauen, sollten wir uns fragen: Kriegt mein Partner etwas ab, das gar nichts mit ihm zu tun hat, sondern mit den eigenen Baustellen? Ist es wirklich ein Problem, das wir gemeinsam klären müssen? Um Überblick über das Seelenchaos zu kriegen, schlägt die Dozentin eine Eigeninspektion vor. Dafür sollen wir ein Haus zeichnen und „einrichten“. Wo gibt es dunkle Ecken, in die man schauen müsste? Was für Themen gehören in den Keller? Welche Eigenschaften ins Wohnzimmer? Ich schaue ratlos neben mich, wo mehrstöckige Gebäudekomplexe entstehen. Ein paar positive Dinge fallen mir dann doch ein: Treue, Verlässlichkeit, Fürsorge. Aber wo trage ich ein, dass ich oft in vorwurfsvolles Schweigen verfalle, anstatt das Gespräch zu suchen? Dass das Interieur meines Hauses puristisch bleibt, hat nichts mit Design-Affinität zu tun, zeigt aber, dass Hausaufgaben anstehen.

Komm mal runter!

Leider neigen wir dazu, unseren Ärger bei den loyalsten Menschen abzuladen, oft in einem Ton, für den wir allenfalls von Bushido Anerkennung kriegen würden. „Ich erteile eigentlich keine Ratschläge“, sagt die Dozentin: „Aber wenn ich Ihnen eins mitgeben darf, dann ist es, achtsam mit dem Partner umzugehen.“ Für mich bedeutet das, sich in Wutmomenten zu erinnern: Wie würde ich das, was mich so aufregt, jemandem sagen, bei dem ich mich nicht in der trügerischen Sicherheit wiege, dass er mich auch dann noch mag, wenn ich mich verhalte wie die Axt im Wald? „Maßvolles Reagieren“ heißt das im Fachjargon. „Also das ist mir jetzt zu theoretisch“, bricht es aus einer Prenzlberg-Version von Kirsten Dunst heraus: „Wenn ich richtig sauer bin, will ich gar nicht, dass sachlich gesprochen wird. Dann muss es laut sein!“ Begeisterung bei der Dozentin: „Schön, dass Sie das äußern. Das ist so echt.“ Und nachvollziehbar. Kennt jeder. „Was maßvoll bedeutet, hängt davon ab, was die Beziehung trägt.“ Manche brauchen mehr Dampf. Dabei darf die Leidenschaft nur nicht mit Respektlosigkeit verwechselt werden.

Alltag, du Sack!

Halten Diskussionen über dreilagiges Toilettenpapier und die korrekte Befüllung des Urlaubskoffers dort Einzug, wo alles mit Knutschen im Hausflur begann, ist das die härteste Herausforderung für jede Liebe. Darin, dass über Banalitäten mehr gestritten wird als um Bedeutsames, erkennen sich alle wieder. Passt man nicht auf, macht der Alltag alles platt. Das beschäftigt hier jeden (na gut, die Männer sagen nichts dazu, aber Langeweile sieht anders aus). Also wie bleiben Menschen spannend füreinander, die sich auch mit Beißschiene und Magen-Darm-Infekt kennen? Wie kriegen sie ein Sexleben hin, das sich nicht nur auf die Feiertage beschränkt? „Eigenständigkeit ist die wichtigste Voraussetzung, um die Faszination füreinander zu erhalten“, lernen wir. Also bei aller Zweisamkeit auch allein sein können, eigene Ziele verfolgen. Und: „Sich das Spielerische bewahren, denn dies hält alles in Balance“, erklärt Frau von Bechtolsheim. Dinge tun, die keinem Zweck dienen, außer Spaß zu machen. Sich mit Rotwein auf dem Balkon betrinken und über alte Teenagerfotos lachen – auch wenn morgen Montag ist. So was eben. In solchen Momenten ist der Typ neben einem nicht der Mann, mit dem man die gemeinsame Steuerveranlagung beantragt. Er ist derjenige, auf dessen Anruf man einmal so sehnsüchtig gewartet hat, dass ernste Zweifel an der Funktionsfähigkeit des Handys aufkamen. Die Gefahr, dass danach jeder allein auf seiner Betthälfte wegdöst, ist jedenfalls deutlich kleiner als nach einem Besuch in der Schlafzimmerabteilung von Ikea.

Und was jetzt?

Kurz nach dem Seminar sind alle im Berliner Regen verschwunden. Insgeheim hätte ich statt der Literaturliste zur Vertiefung des Themas lieber einen Katalog mit handfesten Tipps für die Langzeitliebe mitgenommen. Aber was sollte da schon drinstehen? Fragen Sie Ihren Mann jeden Morgen, wie Sie ihm den Tag verschönern können? Kaufen Sie Massageöl mit Erdbeergeschmack? So läuft das eben nicht. Alle, mit denen ich über dieses Seminar rede, fragen mich aber genau danach: „Und, wie geht das jetzt mit der Liebe, die nie endet?“ Ich habe verstanden, dass eine Beziehung mit der ersten Krise nicht endet, sondern erst richtig anfängt (vorausgesetzt, man gibt ihr die Chance dazu). Dass es den perfekten Partner nicht gibt, jeder von uns einen gewaltigen Knall hat – und es hilft, mit Neugier und Humor auf die Unvollkommenheiten des anderen zu gucken. Genau wie auf die eigenen. Dass es wichtig ist, sich den liebevollen Blick aufeinander zu bewahren, wie beim eigenen Kind, das manchmal nervt – und das wir deswegen kein bisschen weniger lieben. Dass der andere einen nur versteht, wenn man selbst es auch tut (was ich üben muss!). Und dass es vor allem sehr sinnvoll ist, gemeinsam Sinnloses zu tun. Falls mich also mal jemand fragen sollte, warum es bei mir in letzter Zeit aussieht wie Sau, werde ich sagen: Alles im Namen ganz großer Gefühle!

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