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"Ihr schmeckts halt!" – Eine Ode an die futternde Frau

"Ihr schmeckts halt!" – Eine Ode an die futternde Frau
© Getty Images
Es gibt sie noch – sehr selten, aber doch: die munter futternde Frau. Unser Autor Roland Rödermund liebt sie umso mehr. Und lernt von ihr, mit jedem Happs!
von Roland Rödermund

Neulich erzählte mir eine Exkollegin ernsthaft, dass sie mittags nie aufesse. Aus Prinzip. Sie schob mir den halb vollen Teller rüber, was mich erst natürlich freute. Als sie meinte, die Bewunderung ihrer Kolleginnen für ihre Konsequenz übertünche den Resthunger, fiel mir allerdings das Schlucken schwer. Frauen sind so hart zu sich, viel härter als Männer. Für die gilt beim Futtern – Klischee hin oder her – meist ja die Devise „Wegschaufeln!“ – als wäre ein Gericht etwas, das man aus dem Weg räumen muss wie einen umgestürzten Baum. Ich finde weder das Reinhauen noch den verbissenen Verzicht sinnlich.

Sinnlichkeit beim Essen kenne ich von meinen Freundinnen. Ausgerechnet. Gehört die enthemmt schlemmende Frau doch zur vom Aussterben bedrohten Spezies. Heute sind alle light, fett- und spaßfrei. Aber nicht Chiara, Italienerin mit Riesenappetit. Typischer Satz: „Ich will aber noch eine Pizza!“ Der Nachdruck in ihrer Stimme liegt dann irgendwo zwischen großer Oper und Feldherr kurz vor der Schlacht – auch wenn wir gerade erst Antipasti und jeder eine Pizza inhaliert haben und einen leichten Dehnungsschmerz in der Magengegend verspüren. Sie bestellt also – wie verwegen ist das, bitte! – „eine Zwischenpizza“ vor der Pannacotta und schimpft über die Unsitte, sich Reste einpacken zu lassen, statt komplett aufzuessen: „In Italien ist man dann eine Memme!“ So, herrlich, die Zwi-Pi kommt.

Einfach leise mit der Flipstüte rascheln

Ich liebe meine Freundin für ihren ungezügelten Hunger. Mit ihr zu essen macht satt – auf eine schöne Art, denn Chiara käme nie auf die Idee, sich mit irgendetwas vollzustopfen. Sie achtet darauf, ob ein Koch sein Handwerk versteht.

Eine andere Freundin von mir setzt den Ernährungsschwerpunkt woanders. Kristina war als Foodie frühreif. Bereits im Kindergarten-alter blätterte sie begeistert durch Produktkataloge von Bofrost (weil ihre Familie dort nicht Kunde war). Und bastelte mit Hingabe Collagen aus Fotos von Kroketten und Eisbomben – quasi Fresskunstwerke als Wunschzettel! Diese Vorfreude aufs Essen zelebriert Kristina heute noch. Und allein die verbrennt wohl schon 2/3 der Kalorien. Bei ihr herrscht gerne mal kulinarischer Kontrollverlust. Man muss nur leise mit einer Flipstüte rascheln.

„Der Cheat Day ist das Binge Drinking der Mittdreißigerin!“, philosophiert noch so ein Fall: Natalie. Wo alle um sie herum intervallfasten oder Halbmarathon laufen, ist sie ein Revoluzzer – gönnt sich nicht einen „Mogeltag“ pro Woche, sondern vier. „Heut mach ich mir kein Abendbrot, heut mach ich mir Gedanken“ – den nicht verkehrten Spruch von Wolfgang Neuss dreht sie konsequent um: „Wollen doch immer alle im Augenblick leben. Mir ist das zu anstrengend, ständig auf dem Schirm zu haben, ob sich irgendwas ungünstig auf Bauch, Beine, Po auswirkt.“

Meine italienische Nimmersatt-Chiara macht fürs Hier und Jetzt Yoga. Aber richtig bei sich ist sie tatsächlich beim Essen. Meistens: Als ich mir erlaube, das letzte Stück Zwi-Pi anzufassen, landet ihre Gabel fast in meinem Handrücken. Hängt die Vehemenz vielleicht auch mit ihrem nervigen Zwischen-Lover zusammen? Sie schaut mich ratlos an: „Was hat denn bitte ein Mann mit meinem Essverhalten zu tun?“


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