"Warum ziehen sich so viele vor ihnen aus?" - Herr Blum knipst Frauen nackt

Als der Amerikaner Matt Blum vor zehn Jahren begann, ganz normale Frauen nackt zu fotografieren – ungeschminkt und ohne spätere Retusche –, war nicht absehbar, welche Wogen das auslösen sollte: weltweite Berichterstattung und mehrere Tausend Anmeldungen für sein Nu Project. Knapp 300 Frauen zogen inzwischen für ihn blank. Aber blicken wir deshalb auch gnädiger auf den eigenen Körper?

von Dorthe Hansen

Herr Blum, sind die Leute heute eigentlich freizügiger als vor zehn Jahren?

Das würde ich nicht sagen. Unser Projekt ist heute wesentlich bekannter. Aber schon damals reagierten die Leute begeistert. Generell hat sich das Bewusstsein möglicherweise gewandelt. Immerhin gibt es heute eine Barbie mit Kurven.

Und doch vergleichen wir uns weiterhin mit geschönten Idealen in Filmen und Magazinen.

Das stimmt. Manchmal ist man Teil einer Bewegung, ohne direkt von ihr zu profitieren. Gut jedenfalls, wenn unsere Kinder nicht nur einen Schönheitstypus als Vorbild haben.

Ach nee: So hab ich dich noch nie gesehen

Warum ziehen sich so viele vor Ihnen aus?

Ich schätze, sie tun das eher für sich und aus ganz unterschiedlichen Gründen. Manch eine findet diese Erfahrung einfach spannend. Andere feiern damit einen runden Geburtstag oder einen Wendepunkt wie etwa eine Trennung. Und viele haben sich ermutigen lassen, weil sie sich in den Bildern anderer Frauen wiedererkennen.

Diese Bilder sind auf einer Webseite und in zwei Büchern für jedermann zu sehen.

Ja, darüber sind sie sich sehr bewusst. Es ist sicher auch ein Statement: Das bin ich. Aber wir verzichten bewusst darauf, Namen und Wohnort zu nennen.

Das Projekt hat sehr viel Aufmerksamkeit bekommen – haben Sie daran auch verdient?

Nein, die Produktion und die Reisen kosten sehr viel. Das erste Buch habe ich über Crowdfunding finanziert. Mit den Verkäufen konnten wir das zweite realisieren.

Wann ist beim Shooting eigentlich der richtige Zeitpunkt, die Hüllen fallen zu lassen?

Also, ich komme nicht zu den Leuten nach Hause und sage, okay, wir legen los. Wir reden miteinander, lassen uns Zeit. Mir ist wichtig, dass die Person sich wohlfühlt und nicht denkt, sie müsste performen. Einmal allerdings hat mir eine die Tür geöffnet und war schon nackt. Da war ich kurz überrumpelt.

Ungewohnt: Zu Hause nackt abhangen

Ist man anderswo anders nackt?

Es gibt überall Menschen, für die Nacktheit kein großes Ding ist. Aber doch, ganz allgemein: In Europa nehmen’s alle eher locker. In Skandinavien machten Frauen aus allen Gesellschaftsschichten mit: Regierungsbeamte, Anwältinnen, Ärztinnen – das wäre in den USA nicht denkbar. Selbst in traditionell katholisch geprägten Ländern wie Portugal ist die Bereitschaft groß. In Brasilien hingegen, wo an den Stränden Körperkult in kleinsten Bikinis zelebriert wird, zeigt man sich als „echte“ Frau besser nicht öffentlich nackt, das gehört sich einfach nicht. Und ich vermute, das ist ein Grund, warum so viele Frauen dort unbedingt bei unserem Projekt mitmachen wollten.

Die Leute zeigen nicht nur sich, sondern auch ihre Wohnung. Räumen die vorher auf?

Wir bitten sie, das nicht zu tun. Aber ehrlich: Wäre ich in deren Situation, ich würde es gar nicht aushalten, wenn meine Wohnung unordentlich wäre. Insofern ist es mir lieber, jemand räumt auf, statt die ganze Zeit über das Chaos nachzudenken.

Aber es gibt Chaos?

Letztens habe ich eine Frau in einem Zimmer fotografiert, das komplett vollgestopft war, sogar mit dreckiger Wäsche. Sie sagte: „Oje, ich wollte nie, dass jemand das hier sieht!“ Aber was sagt das Foto? Mir geht’s gut, ich bin schön – obwohl nicht alles perfekt aussieht.

Passiert es jemals, dass Sie keinen Draht zueinander finden?

Sehr selten. Wie in allen Lebensbereichen: Manchmal passt es nicht. Aber als Fotograf ist es durchaus auch mein Job, einen Weg zu finden, mit der Person in guten Kontakt zu kommen. Und ich glaube, dass man aus jedem etwas herausholen kann. Besonders, wenn man die Person in einem Moment erwischt, in dem sie vergisst, alles unter Kontrolle haben zu wollen.

Auch schön: Sich mal lächelnd zu betrachten

Auf Ihren Fotos erfreuen sich scheinbar alle an ihren nackten Tatsachen. Wie kriegen Sie das hin?

Ich hatte das Nu Project ursprünglich anders geplant – sehr selbstbewusst, aber ernst und im Studio fotografiert. Meine Partnerin Katy sagte: „Als Frau hab ich einen anderen Blick auf die Bilder.“ Und dann fand sie ausgerechnet jene gut, die ich aussortiert hätte: die heiteren, ein bisschen albernen. Und das war dann der besondere Dreh. Ich möchte nicht behaupten, dass jemand, der lächelt, bedingungslos glücklich ist oder gar selbstbewusst. Aber tatsächlich entsteht in so einem Moment eine ganz eigene Stärke. Katy hat mich auch erst darauf gebracht, die Frauen in ihrer persönlichen Umgebung zu fotografieren.

Und, zieht noch eine den Bauch ein?

Ganz bestimmt nicht! Wir fotografieren etwa eineinhalb Stunden – so lange hält keiner die Spannung. Das ist das Schöne daran, wenn man so viel Zeit investiert: Du arbeitest wirklich miteinander. Und was auch immer das Model sich vorgenommen hatte, über so einen Zeitraum kann sich niemand verstellen. Also vergiss, dass du keine Klamotten anhast, entspann dich einfach.

Welches sind denn nun die dicksten Problemzonen?

Da wird jeder sein eigenes Ding haben. Uns geht es ja auch nicht darum, Problemzonen zu feiern. Es ist richtig, sich gesund zu ernähren und sich zu bewegen. Aber es ist nicht gesund und nicht hilfreich, sich zu hassen, weil man vielleicht von irgendeiner Norm abweicht.

Weiß keiner: Ich hab grad nichts an

Warum lassen sich so viele ausgerechnet nackt im Arbeitszimmer fotografieren?

Nun, das liegt wahrscheinlich einfach nur daran, dass wir fragen: „Was würdest du jetzt machen, wenn wir nicht hier wären?“ Eine Frau fragte mich letztens, ob es okay wäre, wenn sie ihr Strickzeug holt. Ich dachte, okay, wenn sie meint. Und das Erste, was meine Frau sagte, als sie die Bilder sah: „Oh, ich liebe die Bilder, auf denen sie strickt!“

Wer hier schreibt:

Dorthe Hansen