Alkoholabhängigkeit: „Ach, das Glas Wein“ – Ab wann beginnt die Sucht?

„Mit einem Glas Rotwein am Abend wirst du 100“, sagen die einen. „Gewohnheitsmäßiges Trinken ist Sucht“, mahnen die anderen. Aber was stimmt denn nun eigentlich? Unsere Redakteurin hat mal nachgefragt und interessante Antworten bekommen.

von Maja Kunicz

Das eine Glas Wein, um abends nach der Arbeit runterzukommen, der kleine Aperitif vor dem Abendessen als Pärchenritual oder das Feierabendbier jeden Freitag mit den Kollegen... absolut salonfähig, gefühlt kein großes Ding. Aber ist all das wirklich so harmlos wie wir glauben? Ich denke an die ein oder andere Phase in meinem Leben, in der ich gerne und viel gefeiert habe oder auch schon mal zwei Wochen am Stück jeden Abend mit einem Glas Rotwein habe ausklingen lassen. Ist das dann schon ein Warnzeichen? „Das kommt darauf an“, sagt Dr. Vera Schnell, Fachärztin für Suchterkrankungen. „Ein routiniertes Setting an sich ist nicht das Problem, vielmehr spielt die Häufigkeit des Alkoholkonsums eine große Rolle.“

Bin ich schon süchtig?

Das ritualisierte Freitags-Feierabendbier beispielsweise hält die Expertin in den meisten Fällen für eher unproblematisch. Ganz anders sieht es aber aus, wenn das Bier über einen langen Zeitraum zu jedem Feierabend dazugehört. „Weil Alkoholkonsum mit dem Dopamin-Stoffwechsel verbunden ist und wir uns da in einem Bereich des Gehirns bewegen, auf den man nicht so einfach bewusst zugreifen kann“, erklärt Dr. Vera Schnell. Die Sucht nach Alkohol ist ein schleichender Prozess an dessen Ende ein Punkt überschritten wird, an dem man sich selbst nicht mehr helfen kann. „Das kippt dann sehr plötzlich in die Krankheit“, sagt Dr. Vera Schnell. „Und aus der finden 98 % der Erkrankten nicht ohne fremde Hilfe.“

„Ich kann ja jederzeit aufhören mit dem Trinken“

Ich will wissen, ob es ein gutes Zeichen ist, wenn ich ganz einfach eine Weile auf Alkohol verzichten kann. Ist eine abstinente Woche ohne Anstrengung ein Zeichen dafür, dass mir der gewohnte Alkoholkonsum nichts ausmacht? Dr. Vera Schnell schüttelt vehement den Kopf. Drei bis fünf Jahre dauere es bei einer erwachsenen Frau, bis sich regelmäßiges Trinken auf die Steuerung des Stammhirns auswirke. Dann sei es aber auch schon zu spät. „Kann sein, dass man noch ein paar Monate davor gar kein Problem damit gehabt hätte, aufzuhören. Trotzdem hat man sich bereits zu diesem Zeitpunkt mit dem Alkoholkonsum Schlimmes angetan.“ Bei Männern kippe die Situation erst nach sechs bis acht Jahren. So lange brauche das Gehirn, um sich so sehr an die regelmäßige Dopaminausschüttung durch Alkohol zu gewöhnen, um dann nach Alkohol zu verlangen. „Dann trinkt man nicht mehr, weil man will, sondern weil man muss.“ 

Höfliches Schweigen ist unangebracht bei Alkoholabhängigkeit

David Kerber* ist genau das passiert. Ganz plötzlich war der Schalter wie umgelegt. Heute ist er Mitglied der Anonymen Alkoholiker. „Irgendwann hast du plötzlich keine Kontrolle mehr darüber, wie oft und wieviel du trinkst“, erzählt er. „Das offen zuzugeben ist dann ein sehr langer Weg“, sagt er und fragt nachdenklich: „Wer will schon Alkoholiker sein? Also ich nicht. Aber ich bin es.“ Höfliches Schweigen der Angehörigen, sagt er, sei ein Fehler. Wer bemerkt, dass Freunde, Verwandte oder auch der eigene Partner regelmäßig trinkt, kann in der Regel viel bewirken. „Solange die Sucht noch nicht vom Stammhirn gesteuert wird, kann der Betroffene noch das Ruder herumreißen und bewusst seinen Konsum einschränken.“, sagt Dr. Vera Schnell. Am meisten Einfluss habe dabei der Arbeitgeber. Allerdings kommt es auch immer auf das WIE an. „Vorwürfe bringen gar nichts. Ein gutes Gespräch und die deutliche Ansage, dass der Betroffene sich Hilfe suchen soll, ist dagegen am wirksamsten.“ Zu höflichem Schweigen hat auch Dr. Vera Schnell eine klare Meinung. „Das geht gar nicht! Wegschauen hilft wirklich gar keinem!“


* Name von der Redaktion geändert


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„Ach, das Glas Wein“: Ab wann beginnt die Alkoholsucht?

„Mit einem Glas Rotwein am Abend wirst du 100“, sagen die einen. „Gewohnheitsmäßiges Trinken ist Sucht“, mahnen die anderen. Aber was stimmt denn nun eigentlich? Unsere Redakteurin hat mal nachgefragt und interessante Antworten bekommen.

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