Das Auge isst mit! - Haute Cuisine für Dummies

Von "Haute Cuisine" versteht unsere Autorin so viel wie von "Haute Couture": Rein gar nichts. Aber sie hat einen guten Freund, der ihr einen einzigen Trick beigebracht hat. Und der macht sie zur Aphrodite der Kochkunst, zum Bond-Girl der Küche, zu Superwoman am Herd. Äh... Ofen. Na, ihr wisst schon.

von Marie Stadler

Ich kann so einiges in der Küche. Pizza belegen zum Beispiel. Tüten-Püree anrühren. Ach, Schluss mit dem Understatement, theoretisch kann ich sogar aus echten Kartoffeln Püree machen. Glaub ich. Chili con carte gelingt mir auch meist und ne gute Bolo hab ich noch immer hinbekommen. Jahaaa, wer kann, der kann.

Aber wenn es um die ganz feinen Feinheiten geht, um Zitronengras, Koriander, Trüffel und einen Hauch von Weinschaum, da muss ich passen. Oder um es ganz ehrlich zu sagen: Da will ich passen. Denn Essen schmeckt mir am besten, wenn es nach Essen schmeckt. Und nicht nach Parfum, Seife, Duftsäckchen oder Schaum.

Manchmal reicht ja auch ein kleiner Trick für das ganz große TADAAA

Meist bin ich mit meinem Können zufrieden. Nur manchmal fühlt sich das nicht ganz weltbeste, aber trotzdem solide Chili irgendwie nicht ausreichend an. Zum Beispiel, wenn mein Nachbar zu Besuch kommt, der immer gleich ganze Menüs zaubert. Oder meine Schwiegermutter, deren Chili alles ist, aber auf keinen Fall einfach nur solide. Dann reichen meine Skills leider nicht aus, um ein bisschen zu beeindrucken. Für solche Fälle habe ich zum Glück einen Trick. Ich habe einen befreundeten Chefkoch gefragt, ob es nicht diesen einen Angeber-Hack gibt, der aus jedem halbguten Essen ein Gedicht macht. "Klar gibt es den", antwortete der mir und erklärt, dass das Auge wichtiger ist, als ich das bisher dachte. "Das appetitliche Anrichten der Speisen", verrät mir der Profi, "ist schon die halbe Miete." Na dann. Äh, und wie mach ich das?

"50 Grad und Geduld" lautet die Lösung

Und dann werde ich eingeweiht in die Geheimnisse der kulinarischen Blendkunst. Um genau zu sein, ist es eigentlich nur ein einziges Geheimnis, nämlich getrocknete Gemüse- und Obstchips. Die verzaubern das harmloseste Gericht in ein erhabenes Kunstwerk. "Du kannst eigentlich fast alle Obst- und Gemüsesorten bei 50 Grad langsam im Ofen austrocknen." Soso, aha. Mein Freund erklärt mir, dass bei dieser Temperatur hauchdünne Scheiben Obst und Gemüse zwar knusprig werden, aber weder ihre schöne Farbe verlieren, noch einschrumpeln. Er zeigt mir eine Scheibe knusprig getrockneten Apfel und steckt sie in eine Kugel stinknormales Vanilleeis. Vor mir steht kein Eis mehr, sondern eine optische Offenbarung. Danach öffnet er ein Glas mit hauchdünn geschnittenen Tomatenchips, eingelegt in Olivenöl. "Bei den Tomaten bestäube ich das Backblech mit Puderzucker, lege die Tomatenscheiben drauf und lasse sie 5 Stunden im Ofen. Danach lege ich sie in Olivenöl ein." 5 Stunden. Puh. Egal.

Ich hab es ausprobiert – es wirkt

Seit ich die 50-Grad-Regel kenne, trockne ich alles, was mir in die Hände fällt. Schon mal solides Chili mit Tomatenchips gegessen? Siehste mal. Oder Tütenpüree mit Fenchelchips in Blumenform? Rote Beete als Farbklecks auf der weißen Pasta? Süßkartoffelchips mit Rosmarindip? Ernsthaft Leute, Haute Cuisine braucht echt kein Mensch. Es reichen ein bisschen Halbwissen, Gemüse, ein Ofen und ein bisschen Geduld, um Johann Lafer, Steffen Henssler und den guten alten Rach vom Hocker zu hauen! Probierts mal aus. Solide kann schließlich jeder.