Die Welt im Anti-Zucker-Wahn: "Hilfe, weißes Gift!"

Darf man noch was Süßes naschen, ohne saure Blicke zu ernten? Unsere Autorin fordert den Aufstand der Zuckerdosen – bevor sie ganz verbittert.

von Karina Lübke

Es ist so: Ich liebe Erdbeeren, von der Hand in den Mund. Als ich letztens meine Mutter besuchte, brachte ich ein Kilo mit. Ich fand sie wieder als einen Haufen roter Stückchen in einer Schüssel, verschüttet unter Raffinadezucker, dem Crack unter den Süßungsmitteln. Die Früchtchen sollten in dem roten Sirup „durchziehen“ und somit überhaupt erst genießbar werden. Meine modernen Einwände, Erdbeeren wären per se süß, machen meine Mutter höchstens sauer. Sie (80, schlank und fit) ist für die Zuckerindustrie das, was Helmut Schmidt für die Tabakindustrie war: der langlebige Beweis, dass die Droge, die mittlerweile vom Fitnessmodel bis zu Tim Mälzer als das schlimmste Problem der Weltbevölkerung gilt, „sooo ungesund“ nun auch nicht sein kann.

Zucker ist böse - sehr böse

Allerdings kann man mit einigen Päckchen Ahoi-Brausepulver heute ganze Yoga-Festivals zuckerschocken und Kindergeburtstage sprengen, ehe man rausfliegt und nie wieder aufgefordert wird, etwas zum Buffet beizutragen. In nächster Generation wird sich die uralte genetische Vorliebe für Süßes wahrscheinlich ausgemendelt haben. Man kann nicht mehr ins Internet schauen, ohne von Erweckungsberichten geflasht zu werden wie „So kam ich endlich vom Zucker los!“, „Zuckerfrei seit zwei Jahren!“ oder „Das passiert, wenn du 8 Wochen keinen Zucker isst!“. Danke, Letzteres weiß ich schon: Ich kriege sehr, sehr schlechte Laune – besonders in Phasen von PMS oder großem Stress, wo man mich und mein Hirn lieber in Zuckerwatte packen sollte. Aber sich mit ’nem „Löffelchen voll Zucker die bittre Medizin“ zu versüßen, ist verboten. „La Dolce Vita“ besteht nur noch aus säuerlichen Ernährungserkenntnissen, die sich wöchentlich updaten: Traubenzucker, Honig, Fruktose, Glukose, Aspartam, Agavensirup, Zuckerrübensaft, Bircolin, Xylit, Stevia, Inulin und Kokosblütenzucker waren alles schon unbefriedigende Ersatzstoffe für das süße Heroin.

Rettet die Zuckerdosen vor dem Aussterben

Kinder zuckerfrei großzuziehen grenzt für meine Mutter an Körperverletzung. Ich wurde erwachsen trotz Dosenpfirsichen und Wasser, das erst mit einem Schuss Himbeer- oder Waldmeistersirup als Getränk galt. Meine Mama sammelte verpackte Zuckerwürfel von ihren Reisen und hat auch zu ihrem Kaffeegeschirr noch Zuckerdosen, die in modernen Haushalten aussterben wie einst die Tabakpfeifen. Sweet memories! In meiner gut entzogenen Generation taugt so was höchstens als Minivase für instagramige Wiesenblümchenarrangements.

Nach meinem Besuch fuhr ich fröhlich winkend von dem Haus weg, in dem meine Mutter seit dem Tod meines Vaters allein lebt. Im Auto einen Sack voller Süßigkeiten „für die Fahrt!“ (180 km), den ich drei Mal dankend abgelehnt und beim vierten Mal dann doch mitgenommen hatte, weil ich schon den Angora-Nierenwärmer nicht annehmen wollte. Im Rückspiegel sah ich meine ebenfalls winkende winzige Mutter verschwinden. Nach zwei Kilometern Fahrt musste ich erst einmal rechts ranfahren, weil ich vor Tränen die Straße kaum noch sah. Ich brauchte dringend was Süßes.