EDEKA ist wie facebook. Nur krasser.

Wenn sich Großstädter über mangelnden Datenschutz auf facebook, WhatsApp und Co aufregen, können Dorfbewohner nur müde lächeln. Privatsphäre wird hier ausdrücklich klein geschrieben. Wirklich verstehen, was das bedeutet, kann man aber erst, wenn man einmal in der Anonymität einer Stadt gewohnt hat. "Wer sich auf ewig gegen die Angst vor Datenklau immunisieren möchte, muss nur einmal in unserem EDEKA vorbeischauen", sagt unsere Autorin Marie Stadler.

von Marie Stadler

Neulich habe ich einen kritischen Artikel über den sogenannten "gläsernen Kunden" gelesen. Der Autor beschrieb entsetzt, dass das Internet ihm Kleider in der richtigen Größe seiner Kinder angeboten hatte, dass Google ihm Seiten über sein Hobby anbot und ihm weitere Hobbys vorschlug, die erschreckend gut zu ihm passten. Ich habe mich gefragt, ob die Leute aus meinem Dorf den Artikel überhaupt verstehen würden. Helga, die immer dann einen Kuchen vor meine Haustür stellt, wenn ich viele Überstunden mache. Slim, der mir den Latte Macchiato mit laktosefreier Milch jeden Morgen in die Hand drückt, ehe ich ihn bestellt habe oder Sarah, die mir letztens Multivitaminsaft brachte, weil die Freundin ihrer Mutter ihr erzählt hatte, ich habe blass ausgesehen. Bei EDEKA. Natürlich!

EDEKA – sehen und gesehen werden

Ich glaube, ich war ungefähr 14, als mir bewusst wurde, dass eine Fahrt zu EDEKA für meine Eltern ungefähr den gleichen Stellenwert hatte wie für Hollywoodstars der Gang über den roten Teppich. Meine Mutter stand neben mir und starrte mich völlig entgeistert an. Wie gesagt, ich war 14, die Neunziger hatten auch mich in ihren Bann gezogen und ich befand ein bauchfreies Top auf knallengen Hüftschlaghosen, kombiniert mit todschicken Buffalo-Schuhen für das absolut richtige Outfit für einen schnellen Einkauf. Wer wusste schon, ob mir nicht mein Traumprinz über den Weg lief zwischen dem Müsligang und der Fleischtheke. Meine Mutter sah meine Chancen, in diesem Aufzug zu glänzen, geringfügig schlechter als ich. Völlig entsetzt machte sie klar, dass sie so nicht mit mir aufbrechen würde. Ich fürchte, mein modisches Selbstbewusstsein wurde genau an jenem Tag begraben, exakt in dem Augenblick, in dem meine Mutter: "So nehme ich dich nicht mit zu EDEKA!" ausrief. Das Wort EDEKA betonte sie so, dass kein Zweifel daran war: Überall sonst hätte ich so aufkreuzen dürfen. Aber nicht bei EDEKA. Denn wie man sich dort präsentierte, das war ungefähr gleichzustellen mit dem Stellenwert eines Profilfotos auf facebook, Xing und Instagram. Meine Mutter meinte es sicher gut. Sie wollte mich nur vor einer großen Blamage retten. Und sich vielleicht auch ein bisschen.

Mehr braucht man nicht zum Leben

Nach ein paar Jahren in der Großstadt hat es auch mich nun wieder aufs Land gezogen. Wir haben ein paar Wiesen, Kuhdungluft, einen Drogeriemarkt, eine Apotheke, einen Arzt, einen kleinen See und – ja, es ist wahr – einen EDEKA. In unserem Dorf ist man stolz darauf, denn mehr braucht man hier nicht zum Leben. Die Zeit scheint hier manchmal etwas stehengeblieben zu sein, die Kinder wirken kindlicher und die Kriminalität beschränkt sich auf Kaugummi-Ladendiebstahl und (wenn es mal ganz eskaliert ist) Kaugummiresten auf öffentlichen Wegen. Doch in einem Punkt ist man bei uns auf dem Land den Städtern auch heute noch sowas von voraus: Was Datenschutz betrifft, sind wir sogar noch krasser drauf als das gesamte Silicon Valley. Bei uns ist der Kunde nicht nur berechenbar. Nein, bei uns im Dorf kennt man sich gegenseitig besser als sich selbst. Denn – ihr ahnt es – wir haben ja einen EDEKA. Letztens habe ich da erfahren, dass ich eine Affäre habe! Wusste ich nicht mal selber! Und dass ich bestimmt bald befördert werde (hat der Chef dem Ingo, der Ingo der Lisa und die der Käsethekenfrau erzählt), war mir auch nicht bewusst.

Großstädter werden das nie verstehen

Wenn ich meine Freunde aus der Stadt zu mir einlade, finden sie es immer erstmal ganz großartig bei uns. Der Garten, die Ruhe, die Idylle. Alles super. Irgendwann kippt die Begeisterung dann aber meist. So ganz ohne Café, das wäre ja nichts. Ein einziges Restaurant im Nachbarort? Ziemlich gruselige Vorstellung. Aber das mit dem Grillen im Garten, ja, da sind sie dabei, das ist ne feine Sache. Letztens wollten wir spontan ein paar Würstchen brutzeln. Es war ein heißer Tag und meine Freundin aus der Stadt band sich kurzerhand ein Tuch um die Brust, das geradeso bis unter ihre Pobacken reichte. "Wollen wir noch kurz zu EDEKA?" Ich hielt die Luft an. Dann platzte es aus mir heraus: "So nehme ich dich nicht mit zu EDEKA!". Ich meinte es wirklich nicht böse. Ich wollte sie nur vor einer großen Blamage retten. Und mich vielleicht auch ein bisschen. Manche Dinge ändern sich auf dem Land eben einfach nie ...