Flexitarier: Ein Dasein zwischen Fleisch-Lobbyist und Hardcore-Veganer

Sie wechseln die Diät wie die Unterwäsche, sind launischer als Karpfen und derart von sich selbst überzeugt, dass es schmerzt: Flexitarier – die wohl schwierigsten Kantinenpartner der Welt.

Carl Armbruster

Stellt euch mal kurz das zickigste Haustier der Welt vor – wahrscheinlich ein unter chronischen Kopfschmerzen leidendes kongolesisches Flusspferd namens Paula, das seit zwei Wochen nicht mehr planschen war. So. Und nun multipliziert den Nervtötungs-Faktor dieses Dings achtfach und man landet bei den nervigsten Menschen: Den Flexitariern.

Jetzt muss man das Wort noch kurz erklären. Also: Ursprünglich steht Flexitarier ja für Menschen, die sich hauptsächlich von Pflanzen und Wurzeln und allem, was nicht blutet ernähren: Vegetariern. Gelegentlich jedoch auch von Bio-zertifitiertem Fleisch oder Fisch (logo). In kleinen Mengen und quasi zeremoniell runter geschluckt – daher das "Flexi". Man nennt es auch bewusster Fleischkonsum. Die Tiefkühl-Salami auf der Pizza gehört definitiv nicht dazu.

Im Land der Heuchler

Der Begriff hat sich seit seiner Entstehung der 2000er aber gewandelt und ist mittlerweile ein Universalbegriff für alle, die gefühlt im Stundenzyklus zwischen einem Dasein als Veganer, Vegetarier und Fleisch-Lover wechseln. Und die tun das auch so lauthals, dass es jeder mit bekommt. Absolut sympathisch, nicht?

Ernährung ist in den Augen der Gesellschaft heute ja schwieriger denn je: Isst du mal Billigst-Knackwurst, wirst du von deinen hippen Freunden fast schon als AfD-Wähler beschimpft. Legst du um 12.00 Uhr deine Salatbox auf den Tisch, denken alle, du bist auf Diät. Ist die Salatbox von McDonald's, bist du ein Hypokrit – ist die Salatbox vom Bio-Bauer, bist du anti-kommerz. Schrecklich. Dazu die ganze Gluten- und Laktose-Hysterie. Obwohl oftmals fehldiagnostiziert – wenn überhaupt –, tragen viele den Unverträglichkeits-Badge wie der Oberstufen-Bully die neusten AirMax. Schrecklich, schrecklich.

Mettwurst-Aufstrich weil Liebeskummer

Aber die Flexitarier, die treiben's auf die Spitze. Echt jetzt. Das Problem dabei ist ja nicht, dass sie bei der Diät variieren – wir hauen uns am Sonntagabend ja auch die Jumbo-Quattro-Stagioni rein und surfen am Montag wieder ganz linienbewusst die Salatbar. Vielmehr nervt total, wie selbstüberzeugt sie ihre Speisevorlieben immer rechtfertigen. Essen sie gerade Fleisch, ist es garantiert, weil Paleo "das beste überhaupt" ist. Oder, weil der Eisenhaushalt schief hängt. Oder weil nur der Mettwurst-Aufstrich gegen akuten Liebeskummer hilft. 

Sind sie gerade fleischlos, funkeln sie ganz böse über den Kantinentisch auf unsere Burger – weil: Das arme Kalb! Schrecklich. Vegan ist dann schonmal ihre Religion – bis es beim neuen Hipsterkaffee-Brunch das stadtbeste Rührei gibt. Dann ist scheinheilig wieder Sense! Immerhin kennen wir die Lieblingsspeise der Flexitarier: Heuchlerkuchen mit veganem Sponge und Fleisch-Streuseln. Guten Appetit!