Gebt mir mein TV-Bier zurück! Craftbeer nervt

Das Leben kann so einfach sein – Craftbeer macht es komplizierter. Darf es in bestimmten Situationen nicht einfach wieder ein langweiliges Standardbier sein? So ganz ohne Flavour-Diskussionen? Ein Plädoyer für den wirklich entspannten Genuss.

von Alexandra Keller

Vielfalt ist immer gut. Eigentlich. Klar, wenn es um Kulturen, Vorlieben und Charaktere geht, kann es nicht genug Diversität geben. Aber manchmal macht Vielfalt einfache Dinge auch kompliziert – wie bei Craftbeer. Ging man vor ein paar Jahren in die Kneipe ums Eck wählte man zwischen Weizen und Pils. Das war die Stunde am Tag, in der man sich endlich einmal nicht zahlreichen Optionen gegenüber sah. Die Entscheidung war einfach: Hü oder Hott!
Viele Optionen hingegen bedeuten – neben Freiheit der Wahl – leider vor allem Stress. Ergo: 23 unterschiedliche Crafbeersorten auf der Karte bedeuten Stress.

Auch alles Neue sorgt für zusätzliche Anspannung. Ob mir ein Hanscraft & Co Mahonu Marina BBQ Dark Ale überhaupt schmeckt? Manchmal kann das Unbekannte kribbeln. Manchmal aber, nach einem langen Tag voller Entscheidungen, Arbeit und Familienzank, nervt es. Eine Fernsehbierschaumkrone – gebraut nach Reinheitsgebot immer und ewig gleich schmeckend – kann da primär auch ein Heimathafen sein.

Wenn Bier Bohème-Zugehörigkeit bedeutet

Und dann ist da noch der Hipster-Faktor. Von Sternschanze über Prenzlauer Berg bis Glockenbach-Viertel – dort ist das Craftbeer Zuhause. Hier diskutieren vorwiegend Männer mit Vollbart, Holzfällerhemd und ökologisch abbaubarem Turnbeutel auf dem Rücken über Aromen, Nuancen und Manufakturen an norwegischen Fjorden mit dir. Völlig ungefragt versteht sich. Und dabei geht es am Ende ja doch nur darum sich gepflegt einen anzuschickern, oder? Überhaupt: All dieses Gerede! Alles klingt nach: "Mein Bier ist intellektueller, feinsinniger, hipper als deins – du Mainstream-Landei!". Craft Bier trinken trennt – so soll es wirken – das akademische Prekariat vom herrkömmlichen RTLII-Pöbel. Warsteiner-Liebhaber, das sind doch die Cluburlauber unter den Trinkern! Achja. Die Welt ist so kompliziert geworden. Und dabei will man manchmal doch einfach nur abspannen und vor allem: Ungekünstelt seinen Bierdurst stillen.

Ihr wollt euch trotzdem ein wenig für die nächste Diskussion mit einem dieser Bismarckbartträger aufschlauen? Hier sind die abgefahrensten Sorten:

Floris Chocolat Bier: Für manche bedeutet es den Himmel auf Erden – Bier mit Schokoladengeschmack. Und da Belgien ja tatsächlich berühmt für seine Schokoladenkunst ist, ist es nur konsequent, dass diese Gesöff aus dem aus dem Beneluxland kommt.

Summer Wine Brewery Mokko Milk Stout: Jip, Milchbier. Irgendwo haben wir zwar mal gelesen, dass warmes Bier mit Milch als Brechmittel eingesetzt wird, hier geht es in Wahrheit ja aber nur um milchige Aromen. Trotzdem sicher nicht jedermanns Ding.

Midtfyns Chili Triple: Nein, dieses Bier hat wirklich nichts mit Entspannung zu tun. Eher mit Mutprobe. Und wen die Chili-Schärfe nicht umhaut, den wirft vielleicht die Promille vom Hocker. 9,2% Alkoholgehalt ist relativ mächtig für ein Hopfengetränk.

Mikkeller/Naparbier We Brew Gold: GOLD! GOLD! Wir haben GOLD gefunden! Leider ist der Anteil so gering, dass sich das Filtern nicht lohnt. Macht aber trotzdem was her beim nächsten Frimenevent.

Southern Tier Crème Brûlée Bier: Schmatz. Ein Name der direkt den Speichelfluss anregt. Und weniger Fett als das echte Dessert hat das Getränk auch noch. Schade nur, dass es den Yorker Tropfen in Deutschland nicht zu kaufen gibt.

Handcraft & Co. Mahoni Marina BBQ Dark Ale: Zu Bier gehört BBQin diesem Bier hat man beides. Glücklicherweise hat man dafür das Schwein diesmal am Leben gelassen. Das Speckaroma im Bier entsteht durch das Rösten des Malzes.

Snuffle Dog Beer: Welches Geräusch macht es, wenn Hunde Bier trinken. Genau: SNUFFLE. Nein, das ist keine Quälerei. Alkohol und Kohlensäure wurden sorgfältig entfernt und gegen Huhn- und Rind-Geschmack ersetzt.