GIN mir nicht auf die Nerven

von Sibylle Kerner

Bestellt eigentlich irgendjemand an einem Samstagabend in einer beliebigen Bar in einer beliebigen Stadt noch etwas anderes als "Gin Tonic"? Beziehungsweise natürlich nicht einfach so "Gin Tonic". Sondern: Bitte einen Gin Tonic mit XYZYZ-Gin (Hier bitte beliebigen Namen einsetzen) einem Hauch Zitrone und dem XYZ-Tonic. Ach, ja bitte ohne Gurke". Was ist falsch an Rum-Cola? Oder Wodka-Tonic. Campari oder Korn. Wieso mag niemand mehr Wein? Oder Bier? Es ist wie eine Seuche, Gin Tonic muss sein. Mittlerweile scheint jedes Stadtviertel seine eigene Gin-Brennerei zu besitzen. Und all diese Horden von Start-Up-Fritzen und Karo-Hemd-Trägern begleitet von ihren gelangweilten blonden Abiturienten-Freundinnen fahren sich den Gin Tonic intravenös ein. Dazu wird dann gefachsimpelt, welcher Gin wohl der Beste sei. Gähn. Und immer wieder die Anekdote, dass die Queen Mum auch Gin getrunken habe. Ja, bei der britischen Königsfamilie handelt es sich auch in weiten Teilen um Proleten. Den genau das ist Gin - ein Drink für Proleten. War er auch immer schon. Shocking! Da macht auch leider der Zeitgeist nichts dran. Schon T.C. Boyle beschreibt in seinem Abenteuerroman „Wassermusik“ den Gin als „Verderber und Zerrütter der niederen Klassen, klar wie Säuferpisse und scharf wie Wacholdersaft“. Denn eigentlich war Gin in seinem Mutterland Großbritannien die billigste Variante des Branntweins. Dafür sorgten unterschiedlichste Steuerrestriktionen und der Preisverfall für Alkohol auf Weizenbasis. Deshalb, liebe Gin-Avantgarde, fühlt euch nicht zu superior. Und bestellt doch einfach mal wieder Whisky. Oder Wasser.