Keine Mahlzeit ohne Flecken auf der Bluse? Dann bist du sehr intelligent!

Kriegst Du Hitzewallungen, wenn Du an eine weiße Seidenbluse und Spaghetti Bolognese denkst? Und trinkst du lieber Sprite als Cola, weil das sicherer ist? Dann bist du vermutlich ein sehr kluger Mensch. Warum das so ist? Unsere Autorin hat sich intensiv mit der Suche nach der Antwort beschäftigt. Und mit Rotweinflecken. und Fettflecken. Und Erdbeerflecken. Und ...

von Marie Stadler

Ja, ich bin bekennende Kleckerin. Bei der Arbeit liegt jederzeit eine Ersatzbluse bereit und auch zu wichtigen Außenterminen nehme ich sicherheitshalber immer was zum Wechseln mit. Manchmal fühle ich mich wie ein Kindergartenkind mit Wechselsachenbeutel, aber das ist mir egal. Denn ich bin die, die es jedes Mal schafft, sich die Sauce über den Latz zu kippen, mit hellen Schuhen aus Versehen in Matschpfützen zu versinken, sich gegen frisch gestrichene Geländer zu lehnen oder genau unter einer Amsel mit Verdauungsproblemen zu stehen. Im exakt richtigen Moment. Natürlich!

Das schöne, weiße Hochzeitskleid

Spätestens als ich an meiner Hochzeit mein schneeweißes Hochzeitskleid mit Bratensauce übergossen hatte, war es endgültig amtlich: Ich bringe es einfach nicht fertig, einen Tag ohne Flecken-Intensiv-Behandlung zu beenden. Damit war ich ja bis dahin auch klargekommen. Aber seit diesem Tag weiß es jeder im Sinne von JEDER. "Naaaaa, wie damals auf deiner Hochzeit, was?" Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich diesen Satz schon gehört habe, während ich mit einem nassen Stück Papier versuchte, Kirschsaft, Rotwein, Pesto oder Sojasauce aus meiner Kleidung zu reiben. Wir hätten nicht so viele Leute zur Hochzeit einladen sollen! Echt nicht! Aber gut, es ist, wie es ist: Seit ich also verheiratet bin, ist es raus. Ich bin Kleckerin. Seit immer und für immer. Dass mein Gatte durch und durch ein kontrollierter Perfektionist mit der Körperbeherrschung eines Shaolin ist, macht die Sache übrigens nicht unauffälliger. 

Für das Klecker-Gen gibt es eine wissenschaftliche Erklärung

Aber was andere für eine Schwäche halten, ist eigentlich ein deutliches Indiz dafür, dass ich klug bin, Es gibt nämlich eine ziemlich plausible Erklärung für die Unfähigkeit, unbeschmutzt durchs Leben (oder wenigstens durch eine einzige Mahlzeit) zu kommen. Das Zauberwort heißt Feedforward und beschreibt die Fähigkeit, motorische Handlungen auszuführen, die zur Aufgabe passen. Wenn man zum Beispiel einen Löffel anhebt, schätzt das Gehirn automatisch ab, welche Kraft ich dafür aufwenden muss, um den Löffel in der optimalen Geschwindigkeit zu heben, ohne die Flüssigkeit darauf zu verschütten. Menschen, die mit diesem Feedforward ein Problem haben, sind oft sehr intelligent. Oder um es mit den Worten des Autors Steven Johnson zu sagen: „Je unorgansierter Ihr Gehirn ist, desto klüger sind Sie.“ Kluge Menschen sind nämlich oft unkonzentriert oder mental mit wichtigeren Dingen beschäftigt als mit dem Gewicht von Suppenlöffeln. Dieses Ausschöpfen der Kapazitäten wirkt sich dann auf die Hirnleistung bei alltäglichen Dingen aus. So ist das nämlich!

Irgendwie trotzdem doof

Eine wirkliche Glanzleistung ist diese Kapazitätsverteilung letzten Endes dann aber doch nicht. Denn während andere ihr Gehirn abends ausruhen oder es mit Tolstoi und Goethe füttern, müssen wir uns mit Dr. Beckmanns Fleckenteufeln rumschlagen. Genau acht gibt es für vierzig Fleckenarten, wobei ich zugeben muss, dass ich weit mehr Arten kenne. Habe mal überlegt, umzuschulen und mich bei Dr. Beckmann als Expertin zu bewerben. Kam dann aber nicht dazu, mich weiter damit zu beschäftigen. Musste meine Ersatzbluse anziehen und meine Tastatur retten. Hatte den Kaffee umgehauen. War ja grad mit wichtigeren Gedanken beschäftigt.