Kreisch! Barbara trifft Robbie Williams

Was ist Luxus? Und was einfach nur Verschwendung? Darüber spricht Barbara Schöneberger mit Europas größtem Popstar.


von Stephan Bartels

Barbara: Viele Leute definieren Luxus als etwas Überflüssiges. Schön, aber eigentlich unnötig

Robbie: Ich empfinde etwas ganz und gar nicht Überflüssiges als Luxus: meinen Job.

Barbara: Das musst du erklären.

Robbie: Wenn man eine Leidenschaft findet und damit noch Geld verdient, muss man in Wirklichkeit nicht arbeiten. Das ist für mich Luxus. Und für dich?

Barbara: Für mich ist es das Fehlen von Optionen. Ich bin glücklich, wenn ich nicht zwischen zu vielen Dingen wählen muss.

Robbie: Das ist dein Luxus?

Barbara: Ja. Wir haben ein kleines Haus in Österreich. Dort bin ich so gern, weil es keine Disco, keine Bar, keine Leute zu treffen gibt. Ich empfinde Optionen oft als störend.

Robbie: Fehlende Optionen sind aber doch das Gegenteil von Luxus.

Barbara: Nicht, wenn einen die Fülle an Möglichkeiten erschlägt. Das muss doch in deinem Leben auch so sein – du kannst doch alles tun, wonach dir gerade ist, oder?

Robbie: Theoretisch ja. So gesehen ist es auch Luxus, dass ich zwischen meinen Möglichkeiten den Lebensweg sehe, der für mich richtig ist.

Barbara: Und es hätte alles anders kommen können. Stell dir vor, du hättest einen anderen Weg genommen. Dann würdest du jetzt in einem Büro sitzen.

Robbie: Das wäre nie passiert! Ich kann lesen, aber ich bin lausig im Buchstabieren, von Mathe wollen wir gar nicht erst reden. Ich habe wirklich ein Minimum an Fähigkeiten, aber ich habe ein maximales Talent, diese bescheidenen Möglichkeiten zum Leuchten zu bringen.

Barbara: Ich wäre definitiv in einem Büro. Mathe kann ich zwar auch nicht, aber dafür verdammt gut buchstabieren.

Robbie: In was für einem Job?

Barbara: Wahrscheinlich Eventmanagerin. Oder ich wäre eine PR-Frau mit einer großen schwarzen Brille.

Robbie: Brillant! Ich sehe dich vor mir! Und egal, was du gemacht hättest: Ich bin mir sicher, du hättest genau diese Gucci-Schuhe getragen. Sind die neu?

Barbara: Na, das will ich doch hoffen, die habe ich gerade erst in Mailand gekauft.

Robbie: Sehen aber Vintage aus. Die sind auf jeden Fall auch Luxus!

Barbara: Ja, aber ich kombiniere sie mit diesem H&M-Kleid.

Robbie: Ah. High Fashion mit High Street.

Barbara: Absolut. Das haben wir von Prinzessin Kate gelernt.

Robbie: Ich kenne das aus dem Kinderzimmer. Ayda sagte neulich zu mir: „Guck mal, ich habe bei Charlie High Street und High Fashion kombiniert.“ Unser Sohn ist zwei! Der ist in drei Monaten aus der Haute Couture rausgewachsen!

Barbara: Er sollte die Sachen seiner Schwester auftragen. Die rosa Kleidchen mit den Schmetterlingen drauf.

Robbie: Wenn er damit klarkommt, wäre es für mich okay. Wer kauft bei euch die Kinderkleidung?

Barbara: Nicht mein Mann.

Robbie: Weiß er, wie viel du dafür ausgibst?

Barbara: Nein, und da sind wir schon beim nächsten Luxus: nicht von einem Mann abhängig zu sein. Ich erlebe oft, dass eine Frau die Kreditkarte ihres Mannes zückt, um sich etwas zu kaufen. Wie kann das heute noch so sein?

Robbie: Äh ... bei uns ist das so. Aber ich denke, meine Frau ist es wert. Jedenfalls hört sie nicht auf, mir das zu sagen.

Barbara: Und sie hat ja recht. Ich habe sie gesehen. Sie sollte so viel High Fashion kaufen, wie sie will.


„Ich bin jetzt ein arbeitender Daddy, deshalb macht alles mehr Sinn als früher.“


Robbie: Und sie sieht fabelhaft darin aus. Apropos: Teddy, meine Tochter, hat vor einem Jahr angefangen, mir Sachen zu sagen wie: „Papa, dieser Anzug sieht so gut an dir aus.“

Barbara: Sie ist vier, oder?

Robbie: Genau. Eine Vierjährige mit Stilempfinden.

Barbara: Ich stelle es mir schwer vor, deinen Kindern zu vermitteln, wie die normale Welt aussieht. Ihnen klarzumachen, dass sie ein privilegiertes Leben haben und es ihnen besser geht als vielen anderen.

Robbie: Es ist schon schwer genug zu begreifen, was mit mir passiert ist. Ich führe ein irreales Leben, wirklich. So unfassbar anders als das, in dem ich aufgewachsen bin.

Barbara: Kannst du dich daran noch erinnern?

Robbie: Natürlich! Und klar hat sich was verändert mit dem Erfolg und dem ganzen Geld, auch in meinem Kopf. Aber ich mache immer noch hinter Ayda sämtliche Lampen aus. Diese Verschwendung! So bin ich nicht erzogen worden!

Barbara: Aha.

Robbie: Wir haben dieses unglaubliche 3000-Quadratmeter-Haus in Beverly Hills. Ich habe wirklich oft das Gefühl, dass mich nur irgendein reicher Onkel dort wohnen lässt.

Barbara: Weißt du, was ich mache? Ich sammle Pfandflaschen. Aber es kommt vor, dass ich die dann Monate im Auto herumfahre und es nicht schaffe, sie zurückzugeben. Irgendwann bin ich darüber so sauer, dass ich sie aus dem Fenster werfe.

Robbie: Verschwendung! Ayda kauft immer diese riesigen Kerzen mit drei Dochten. Die werden zum Fernsehen angezündet. Ab diesem Moment wandert mein Blick zwischen Ayda und der Kerze hin und her. Und sobald sie eingeschlafen ist, puste ich die Kerze aus. Kerzen riechen toll, aber sie riechen auch nach verbranntem Geld.
Barbara: Ich merke schon, du bist doch nicht der Richtige, um über Luxus zu reden.

Robbie: Weißt du, ich versuche wirklich, dieses Leben zu genießen. Aber ich habe eine graue Jogginghose und ein graues Sweatshirt – und ehrlich gesagt: Das bin ich. Das ist meine natürliche Kleidung. Wenn es nach mir ginge, müsste ich für den Rest meines Lebens keine Klamotten mehr kaufen.

Barbara: Typisch Mann. Weißt du noch, was du dir von deinem ersten selbst verdienten Geld gekauft hast? Diese graue Jogginghose, nehme ich mal an.

Robbie: Als es 1990 mit Take That losging, bekam ich 250 Pfund in der Woche und hatte endlich das Geld, mir eine Versace-Jeans zu kaufen, auf die ich schon lange scharf war. Sie bedeutete die Welt für mich.

Barbara: Wenn das Gianni Versace gewusst hätte.

Robbie: Wusste er. Drei Jahre danach war ich nämlich mit Elton John bei ihm in seiner Villa am Comer See, und ich fand, er müsse unbedingt wissen, wie wichtig seine Jeans für mich war. Also habe ich es ihm erzählt.

Barbara: Und?

Robbie: Es hat ihn kein bisschen gejuckt. War trotzdem ein netter Abend bei ihm.

Barbara: Hattest du in den letzten 25 Jahren mal Angst, es könnte alles vorbei sein und dein Geld verloren?

Robbie: Nein, ich bin in der wirklich luxuriösen Situation, dass ich mir nie Gedanken um Geld machen musste. Aber das war auch nie wichtig, denn ich habe zu keinem Zeitpunkt meines Lebens über meine Verhältnisse gelebt.

Barbara: Das ist toll! Ich bin mir sicher, das können nur wenige Leute von sich behaupten, die einmal zu Geld gekommen sind.

Robbie: Was sich verändert hat: dass ich eine Frau und Kinder habe, die die feineren Dinge des Lebens zu schätzen wissen. Das treibt mich an die Arbeit. Ich bin jetzt ein arbeitender Daddy, deshalb macht alles mehr Sinn als früher.

Barbara: Was gönnst du dir selbst?

Robbie: Nicht viel. Eigentlich brauche ich nur eine funktionierende Internetverbindung, das war’s.

Barbara: Aber was wäre, wenn all das andere nicht mehr da wäre?

Robbie: Tja, was dann? Mein Vater lebt in Stoke-on-Trent über einem Friseursalon, zwei Zimmer für 50 Pfund die Woche. Ich habe zu ihm gesagt: „Dad, zieh los, such dir ein Haus, egal, was es kostet – ich kaufe es dir.“ Er hat mich verständnislos angeschaut und gefragt: „Warum? Ich bin glücklich hier.“

Barbara: Das heißt, wenn all dein Geld beim Teufel wäre ...

Robbie: ... wäre ich genau wie er. Ich brauche ein Bett und ein Klo, Fernseher wäre nett und Internet fantastisch. Was brauchst du zum Leben?

Barbara: Ich wollte immer ein Haus mit einem Garten. Das habe ich, und deshalb bin ich quasi wunschlos glücklich. Ich kenne keinen Neid, ich liebe mein Leben. Und ich liebe mich selbst, das ist letztlich der Anfang von allem auf dem Weg zum Glück.

Robbie: Barbara, das ist fantastisch! Das ist der heilige Gral, der Stein der Weisen!

Barbara: Dessen bin ich mir be­wusst. Ich habe die richtigen Men­schen um mich herum, ich habe den richtigen Mann – wenn das stimmt, dann ist der Rest einfach.

Robbie: Wie bist du aufgewachsen?

Barbara: In einer Mittelstands­familie, als Einzelkind. Wir hatten immer genug, aber nie zu viel. Im Grunde war meine Kindheit sehr normal. Genauso normal waren meine Pläne, ich habe nie von einem Prinzen geträumt.


„Ich bin voller Selbsthass und Neurosen. Um das zu verber­gen, bin ich auf der Bühne dieser Entertainer.“


Robbie: Lieben sich die Frauen in Deutschland alle so wie du?

Barbara: Kaum vorstellbar. Du aber auch nicht, oder?

Robbie: Ich bin voller Selbsthass und Neurosen. Um das zu verber­gen, bin ich auf der Bühne dieser Entertainer der großen Gesten, der so tut, als hätte er Superkräfte und sei eine große Persönlichkeit. Das hat zu meinem Vorteil funktioniert. Äußerlich jedenfalls. Innerlich kämpfe ich täglich darum, mich selbst zu mögen, aber meistens verliere ich. Ich beneide dich.

Barbara: Was soll ich machen? Ich habe es in meinen Genen, ich habe Eltern, die ein Leben lang schon glücklich miteinander sind. Ich hatte dieses Umfeld, das mir jede Angst davor genommen hat zu scheitern.

Robbie: Hattest du Misserfolge?

Barbara: Klar. Aber keine Angst vor ihnen. Ich nehme Misserfolg nie persönlich.

Robbie: Kannst du meinen inneren Kampf, mein Ringen um mein Selbstwertgefühl dann überhaupt nachvollziehen?

Barbara: Ich verstehe das, aber ich kann es nicht wirklich fühlen. Das geht mir auch so, wenn ich Zeit­schriften lese, auch und gerade für Frauen. Ich kann mit diesem Motor Selbsthass nichts anfangen. Alles in meinem Leben passierte eher bei­läufig und ohne Druck.

Robbie: Klingt so unanstrengend.

Barbara: Das muss auch so sein. Wenn es anstrengend wird, gehe ich nach Hause.

Robbie: Ich auch. Kannst du dir vorstellen, was aus uns geworden wäre, wenn wir uns wirklich ange­strengt hätten?

Barbara: Wir hätten Stars werden können.

Robbie: Oder richtig berühmt in unseren Heimatländern!

Barbara: Aber weißt du, es bedeutet mir auch nichts. Für mich ist mein Job in etwa so emotional aufwüh­lend wie der einer Arzthelferin. Und ich mag das, dieses komplett normale Leben, das ich führe.

Robbie: Hast du Zukunftsangst?

Barbara: Nein. Du?

Robbie: Na ja, mein Beruf ist Pop­star. Ich denke, das ist ähnlich wie bei einem Profifußballer: Du kannst bis 35 oder 36 spielen, wenn du Glück hast, als Torwart vielleicht bis 39. Ich bin 42, und so langsam kom­me ich ans Ende meines Popstar­lebens, bald muss ich meine Karten gut ausspielen, um glimpflich durch den Rest des Lebens zu rutschen.

Barbara: Das denkst du wirklich?

Robbie: Das ist zumindest das, was die Neurose in meinem Kopf mir einredet. Ich frage mich: Was pas­siert mit mir? Sind da draußen noch genügend Leute, die mich hören wollen? Lässt man beim Radiosender meine neue CD mit spitzen Fingern in den Mülleimer fallen? Könnte ich es ertragen, ein Ex­-Popstar zu sein, einer, der mal was war, was er nicht mehr ist? Und dann denke ich: Fuck! Jesus, lass nicht zu, dass mein Ego zerschmettert wird!

Barbara: Hör mal, du hast über 77 Millionen Platten verkauft. Du könntest es dir leisten, ganz andere Sachen zu machen.

Robbie: Du meinst: experimentie­ren? Interessant sein? Mal keine Hits haben?

Barbara: Ja, diesen Luxus könntest du dir gönnen.

Robbie: Ich habe es schon mal geschafft, keine Hits zu haben. Danke, kein Interesse. Ich möchte im Mainstream­-Showbusiness sein, so lange es geht und so gut ich kann.

Barbara: Und du hast immer noch deine Tiger­-Unterhosen an.

Robbie: Das ist wahr. (Zeigt seine Unterhose.) Hast du auch Arbeits­unterwäsche?

Barbara: Ja, die ist im Nude­Look und presst alles zusammen. Weniger Tiger, mehr so Wurst.

Robbie: Ich habe den Tiger auf der Bühne getragen, um selbstironisch und lustig zu sein. Jetzt trage ich ihn praktisch immer.

Barbara: Oh, häufiges Waschen schädigt den Tiger bestimmt. Aber das ist wohl eher Aydas Problem ...

Robbie: Nun, um ehrlich zu sein: Sie weiß nicht, wo im Haus die Waschmaschine steht.

Barbara: Und du?

Robbie: Ich habe eine Ahnung. Es muss eine da sein, denn es ist immer saubere Wäsche da. Aber ich würde problemlos lernen, sie zu bedienen, wenn es sein muss. Einmal war ich kurz davor.

Barbara: Wann war das?

Robbie: In einer Entzugsklinik. Da hätte ich eigentlich selber waschen sollen. Und was passiert? Ich treffe einen Abhängigen, der eine Wasch­ Obsession hat. Der hat sich meiner Klamotten gleich angenommen. Ich weiß bis heute nicht, ob das gut oder schlecht für mich war.

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