Lass mich essen, was ich will – Ein Plädoyer gegen selbsternannte Ernährungsgurus

Bunte Teller auf Instagram, Ernährungstipps von hier bis Panama und Rezepte im Überfluss – nichts scheint im Moment wichtiger zu sein als die Frage, wie man sich ernährt. Sollen auch alle gerne drüber nachdenken. Aber was ich esse, geht einfach niemanden was an.

von Marie Stadler

"Oha, du hast ja Hunger!" Majas Augen starren auf meinen Teller in der Kantine! Sofort fühle ich mich verfressen und schiele mit schlechtem Gewissen auf die halbe Portion Salat, die sie sich genommen hat, dann wieder auf meine Süßkartoffelpommes und die riesige Portion Cole Slaw. "Ja, äh, also ich verzichte ja im Moment abends auf Kohlenhydrate und deshalb ... " Ich halte inne. Fange ich gerade ernsthaft an, mich dafür zu rechtfertigen, dass ich mir das Essen genommen habe, das mir schmeckt? Nur weil jemand anders, dessen Meinung dazu mir schnurzpiepe sein sollte, sich dazu berufen fühlt, mein Essverhalten zu bewerten? Warum machen Menschen das?

Nein, ich bin nicht du

"Also, ich vertrage so viel Kraut ja nicht", plappert Maja munter weiter, erzählt mir dann noch, dass Cola Light schlimmer ist als Cola mit Zucker und mir platzt innerlich der Kragen. Ich will ihr den Mund zuhalten oder wenigstens meinen Teller nehmen und mich ganz und gar alleine irgendwo hinsetzen, wo es keinen interessiert, dass ich mir Fett mit Kohlenhydraten reinhaue und dann auch noch ne Cola Light hinter die Binde kippe. Stattdessen sitze ich neben ihr, höre mir alles über ihre Abnehmerfolge durch Intervallfasten an und kaue missmutig auf den labberigen Pommes rum, die plötzlich gar nicht mehr so lecker sind. 

Egal, was ich tue, es geht dich nichts an

Als ich einer Freundin von den vielen Ernährungsgurus erzählt habe, die ich kenne, stöhnt sie wissend auf. Sie als Vegetarierin könne niemals mit Leuten essen, ohne ihre Ernährung zu diskutieren, sagt sie. Von "Krass, das könnte ich nicht" bis über die Diskussion, ob Fisch nicht auch irgendwie Fleisch sei und wie sie das Fleisch vom Bio-Öko-Öko-Metzger bewerte. Jedes Mal muss meine Freundin Rede und Antwort stehen. Das gleiche Phänomen dürften Menschen mit jeglicher Lebensmittelunverträglichkeit, merkwürdigen kulinarischen Vorlieben oder während irgendwelcher Diäten kennen. Dabei ist es doch eine ganz klar erkennbare Grenze: Mein Tellerrand. Meine Sache. Ist das so schwer?

Selbst Maja kennt es

Als ich das nächste Mal mit Maja essen gehe, nehme ich mir vor, ehrlich zu sein. Ich sage ihr, dass sie meinen Teller nicht bewerten soll. "Hab ich das gemacht?", fragt sie zerknirscht. Ich nicke. Und Maja tut es leid. "Ich weiß auch nicht", sagt sie. "Irgendwie spielt die ganze Welt verrückt mit dieser ganzen Essenssache." Und dann erzählt sie mir, dass die ganzen Foodphilosophen sie auch ganz wahnsinnig machen und verunsichern. Ich schlage ihr vor, dass wir einmal die Woche zusammen in die Kantine gehen und einfach das essen, wonach uns ist. Und dass wir nicht darüber reden. Maja ist sofort dabei. "Das wird super", sagt sie und ordert augenzwinkernd eine doppelte Portion Kroketten. 

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