Muss ich die Sonne jetzt wirklich essen? Der Hype um Vitamin D

Alle reden von Vitamin D. Aber müssen wir die Nahrung wirklich künstlich ergänzen? Ging doch früher auch ohne, oder?

von Diana Huth (Interview)

Dunkel, nass, kalt: Der Winter regt nun wirklich nicht zur guten Laune an. Und dann sind auch noch ständig alle erkältet. Immer häufiger scheint in der Apotheke auch Vitamin D angepriesen zu werden. Für das Immunsystem und gute Laune. Was ist dran am Vitamin-D-Hype? Frau Dr. Anne Fleck – bekannt aus der NDR Serie "Die Ernährungsdocs" – hat zu dem Thema eine ziemlich klare Meinung.

BARBARA: Ist das jetzt ein Pharmagag, dass uns bei jedem Apothekeneinkauf Vitamin D angepriesen wird?

Dr. Anne Fleck: Nein, das ist kein Pharmagag. Im Gegenteil, es ist bedauerlich, dass der Fingerzeig erst jetzt kommt.

Wie bitte?

Vitamin D Mangel ist extrem weit verbreitet, vor allem in Deutschland. Wir wissen heute, dass Vitamin D wichtig für die Knochengesundheit und das Immunsystem ist. Ein Mangel kann zu Osteoporose führen. In Skandinavien herrscht zudem das höchste Vorkommen von Multipler Sklerose und auch das ist klar mit Vitamin D Mangel assoziiert. Die Krebsforschung zeigt einen Zusammenhang von Vitamin D und Krebsabwehr. Und ein Mangel kann eine Insulinresistenz hervorrufen, das ist quasi die Rampe zur Diabetes.

Klingt ja grauenhaft! 

Besonders schlimm finde ich, wenn Kinder und Jugendliche einen chronischen Vitamin D Mangel entwickeln. Säuglinge bekommen explizit Vitamin D Mittel verschrieben, doch gerade bei Kindern und Jugendlichen ist die Prävention noch nicht ausgereift. Bedenklich, weil Jugendliche zwischen 10 und 18 Jahren heute deutlich weniger draußen sind und mehr vor Bildschirmen sitzen.

Und die Bildschirmstrahlung liefert natürlich kein Vitamin D.

Nein, Vitamin D bekommen wir über die Haut vom Sonnenlicht. Allerdings auch nicht immer. In unseren Breitengraden ist die UV-B-Strahlung der Sonne nur von April bis September ausreichend. Ein Sonnenbad im Winter bringt nichts. Selbst nackig über die Skipiste fahren reicht nicht aus!

Wäre aber immerhin ziemlich lustig und könnte auch gegen den Winterblues helfen, oder?

Stimmt. Der Winterblues, besser gesagt, die Lichtmangeldepression hängt auch mit einem niedrigen Vitamin D Spiegel zusammen. Eine Zufuhr von Vitamin D kann bei dieser – und auch bei anderen Depressionsformen – Besserung verschaffen.

Juhu, ein Lichtblick! Ist denn nicht genug Vitamin D in der Nahrung?

Da müsste man schon etwa 20 Eier, 4 bis 5 Liter Milch und ein Pfund Hering zu sich nehmen, um den Bedarf zu decken. Über Ernährung allein geht es nicht.

Also bleiben doch nur wieder Tabletten?

Nicht unbedingt. Mittlerweile gibt es viele Öle, die mit Vitamin D angereichert werden. Ich selbst gebe morgens Lein-, Weizen- oder Keimöl mit einer kleinen Vitamin D Dosis (800 Einheiten) in meinen Quark.

Warum in den Quark?

Weil Vitamin D, E, K, A – ich nenne sie die EDEKA-Vitamine – besser in Kombination mit Fett aufgenommen werden. So könnte man die Aufnahme von Vitamin D auch verbessern, wenn man es mit einem Kaffee und einem Löffel Sahne einnimmt.

Fett? Das klingt ja ganz erfreulich.

Die Verteufelung von Fett finde ich ganz abscheulich. Nicht Fett macht fett, sondern die Kohlenhydrate, die wir dazu essen. Vitamin D jedenfalls ist bei Fett in guter Gesellschaft. Das gilt auch für Tabletten. Manche Kapseln haben Fett direkt integriert. Wenn nicht, gern mit Fett ergänzen.

Und wie viel Vitamin D ist gut?

Das sollte immer in Abstimmung mit dem Hausarzt geklärt werden. Es lohnt sich, einen Bluttest zu machen um den individuellen Ausgangswert herauszufinden. Die Kosten dafür werden in den meisten Fällen allerdings nur nachträglich übernommen und auch nur wenn ein Mangel vorherrscht. Das ist besonders dramatisch, denn der Mangel schmerzt nicht und fällt erstmal nicht auf. Deswegen scheuen sich die meisten, den Test zu machen. Schade, denn wer einmal im Normbereich ist, bekommt schnell ein gutes Gefühl, wie viel Ergänzung in den Wintermonaten nötig ist.

Dr. Anne Fleck findet Sonnenurlaube super, hilft in den Wintermonaten aber täglich mit Vitamin D angereichertem Öl nach. Außerdem ist es ihr ein Anliegen, der Verteufelung von Fett entgegenzuwirken.

In ihrem Bestseller "Schlank!" beleuchtet sie, dass schlanke Menschen etwa genauso wie fettleibige Menschen gefährdet sind, bestimmte Krankheitsbilder zu entwickeln und gibt Tipps für eine ganzheitliche Ernährungsumstellung.

Foto: Dr. Anne Fleck