Hilfe, meine Eltern bauen Cannabis an!

Die Eltern sind Gärtner aus Leidenschaft. Allerdings züchten sie statt harmloser Rosen zu Hause Cannabis. Und rauchen das Zeug auch.

Hier schreibt Julie Wildgen

California Skunk“ war einer der ersten Düfte, den meine Tochter in die Nase bekam. Denn ihre Geburt war in unserer Familie Anlass für ein kleines Erntedankfest. Kaum hatte der stolze Großvater die Wochenstation geentert, umgab dieser Geruch den schlafenden Säugling, der mich von jeher an Meerschweinchenkäfig erinnert. Er entströmte einer mit selbst angebautem Gras vollgestopften Teedose eben dieser Sorte, über die ich mich kein bisschen freute. Weil ich seit 20 Jahren nicht mehr kiffe. Und eine hübsche Rassel als Baby-Willkommenspräsent irgendwie passender gefunden hätte.


Aber am liebsten schenkt man ja das, was man selbst gern auf dem Gabentisch hätte. Seit 40 Jahren buddeln meine Eltern unermüdlich in geheimen Beeten. Als ich noch ein Kind war, wucherte ein ausufernder Cannabis-Hain in unserem Garten, der Cypress Hill vielleicht zur Kiffer-Hymne „I Wanna Get High“ inspiriert hätte, wären die Jungs in den 90ern mal mit dem Tourbus in Ostfriesland liegen geblieben: mannshoch und mit Potenzial für einen Ausflug in die nächstgelegene Vollzugsanstalt für die verantwortlichen Gärtner. „Das ist Tabak“, log meine Mutter, als sie eins der dekorativ gezackten Blätter in meiner Blumenpresse entdeckte.


Von Urban Jungle bis Sommerflieder-Beet

Trotz Scheidung eint meine Eltern bis heute die Liebe zu ihren Zöglingen. Mama hegt ein kleines Cannabis-Beet zwischen Sommerflieder und Forsythien, bei meinem Vater hingegen herrscht Urban Jungle. Dort übernachten geht nicht mehr, seit seine „grünen Göttinnen“ im Gästezimmer zu jenem Wahnsinnskraut hochgetunt werden, das meiner norwegischen Freundin Linda (seit 15 Jahren in Hamburg, akzentfreies Deutsch) an einem denkwürdigen Abend und für einen bemerkenswert langen Zeitraum ihrer Fremdsprachenkenntnisse beraubte. Dekoriert hat Papa die mit Zeitschaltuhr und Belüftung ausgestattete Grow-Anlage mit einem Kunstdruck von da Vincis „Abendmahl“, Jesus mit gigantischer Tüte im Mundwinkel.


Dieser Gestank. Die horrende Stromrechnung. Das ewige Fachsimpeln über Wurmhumus, Natriumdampflampen und Sinsemilla. Diese Torffasern, die dauernd unter den Socken kleben. Das NERVT. „Warum züchtet ihr keine Rosen?“, versuche ich meine Mutter zu provozieren, wenn sie mir einreden will, es ginge vor allem um die Kultivierung einer einzigartigen, sensiblen, aber doch kraftvollen Heilpflanze. „Viel zu konservativ, viel zu landadelig!“, heißt es dann. Und irgendwie sei es doch nett, sich nach der Gartenarbeit einen „kleinen Spinello“ zu zwirbeln, um sich bei „Wer wird Millionär?“ so richtig wegzulachen. Mich aber irritiert die alberne Redseligkeit genauso wie der „After Eight“-Fressflash, der meine Mutter überkommt, wenn sie sich gemütlich einen reingedübelt hat.


Ein Gruß von den Kanaren


Und nein, ein Hieb aus dem väterlichen Verdampfer zur rauchfreien Bedröhnung würde mich kein bisschen entspannen, denn ich bekomme von Gras Kreislauf. Aus mir spricht also auch der Neid: Ich bin so spießig, dass ich nicht mal was rauchen kann, ohne dass mir der kalte Schweiß ausbricht. Das ist sicher auch für meine Eltern nicht leicht, aber die müssen sich wenigstens keine Sorgen machen, dass ich verhaftet werde. Ich aber schon. Etwa wenn Mama ihre Ernte in einer leeren Shampooflasche bis auf die Kanaren schmuggelt – aus Angst, die Putzfrau könnte sie versehentlich entsorgen. „HIGH, meine Kleine!“, schrieb sie damals auf der Urlaubskarte … Die Liebe zum Selbstangebauten treibt wirklich seltsame Blüten. Und die von Muttis Homegrown hauen offenbar noch mehr rein, als ich dachte.


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