Kann man sich an grausame Filme echt gewöhnen? Ein Selbstversuch

Seit sie "Düstere Legenden" gesehen hat, steigt unsere Autorin nicht mehr in ihr Auto, ohne vorher auf den Rücksitz zu spähen. Könnte ja einer mit ner Axt auf sie warten. Logisch. Ob jemand wie sie es lernen kann. Spaß am Gruseln zu entwickeln? Ein Selbstversuch mit vielen Schweißperlen.

von Christine Rickhoff

Ich hatte einen neuen Freund. Ziemlich cooler Typ. Einziger sichtbarer Haken: Bekennender Horrorfilmfan. Um genau zu sein, liebte er all das, was ich links liegen gelassen hätte in den Videothek (jahaaaa, sowas gab es da noch). Psychothriller, Splatter, all dieser Mist – ihm konnte es nicht blutig, eklig und gruselig genug sein. Bisher war ich immer davon ausgegangen, solche Vorlieben hätten etwas mit zwielichtigen Charaktereigenschaften zu tun. Aber zwielichtig sei er nicht, sagte er. Er sei zwar so einiges, aber zwielichtig echt nicht. Nun ja. Was hätte ein zwielichtiger Charakter an seiner Stelle gesagt?

Am Charakter liegt es nicht

Doch Wissenschaftler geben ihm recht. Ob ein Mensch Filme mag, die mit der Angst spielen, hat eher etwas mit der Lebenserfahrung und Medienreife zu tun. Der grundlegende Unterschied zwischen mir und ihm ist laut Experten, dass er Realität und Fiktion unterscheiden kann und den Film als ästhetisches Kunstwerk wahrnimmt, während ich mitten im Geschehen sitze und deshalb um mein Leben fürchte. Mh. Kann man das so auf sich sitzen lassen? Hatte man mir gerade wirklich mangelnde Medienreife nachgesagt? Mein neuer Freund befand, es sei einen Versuch wert, mich horrortauglich zu coachen. Ich klapperte vorsorglich schon mal mit den Zähnen, dann schlug ich ein.

Schwedische Horrorfilme sind tatsächlich gut

Wir fingen harmlos an. Mit dem Enthusiasmus eines Missionars legte er die DVD ein. "Schwedisch", sagte er, als müsste mir das was sagen. Ich hatte mich in die hinterste Ecke des Sofas verkrochen und meine Finger umklammerten sofort seinen Arm, als er zu mir kam. Dass ich mich nicht mehr an den Film erinnern kann, mag daran liegen, dass ich die meiste Zeit hinter seinem Rücken verbracht habe. Das, was ich sah, gefiel mir aber erschreckenderweise ganz gut. Ich verstand, was die Wissenschaftler mit "Ästhetischem Kunstwerk" gemeint haben könnten. Ja, auch Blutstropfen im Schnee im schwachen Licht einer flackernden Straßenlaterne sind auf irgendeine perfide Art und Weise ästhetisch. Und er hatte für den Anfang gut gewählt. Allzu grausam sind die Schweden nicht. Bullerbü-Horror trifft es ganz gut.

Dann die Klassiker

Kurz dachte ich nach dem Schwedenfilm, ich hätte es geschafft. Hatte ich aber nicht. Wir schauten "Final Destination", "Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast" und "Halloween". Ich tat sehr mutig, musste aber auffällig oft auf die Toilette (um mich zu erholen), in die Küche (um Kinderlieder zur Beruhigung zu summen) und zum Kühlschrank (um Alkohol in mich reinzuschütten). Da ich mit drei Promille beim Abspann immer recht entspannt aussah, befand mich der Herr als reif für die Abschlussprüfung: Kino. 

Die Wissenschaft kann mich mal

Wir sahen uns "Drag me to hell" an. Das ist so ziemlich der albernste Horrorfilm, den man sich vorstellen kann. Mit irgend so einer irren Alten, die halb verfault noch mal zum Leben erwacht. Ich sehe ein, dass das Ding eher zum Lachen als zum Weinen war, aber ohne Gin, Toilettengänge und vertrauter Umgebung war mir genau danach zumute. 

Bei "Twilight" hat es ihn erwischt

Wir schauten keine Horrorfilme mehr. Wahrscheinlich hatten wir jetzt gleich viel Angst: Ich um mein Leben, er wenigstens um seine Oberarme. Irgendwann saßen wir aber wieder im Kino: In der hintersten Reihe, zum Knutschen bei Twilight. Zum Knutschen kamen wir aber gar nicht. "Wenn der die weiter so behandelt, ramm ich ihm einen Pflock in sein verdammtes Vampirherz", zischte mein Begleiter mit weit aufgerissenen Augen. "Das ist nur Fiktion", sagte ich beruhigend, aber er hörte gar nicht zu, Er war mittendrin im Film. Und ich dachte nur: Wie unreif!