"Abhauen, gaffen oder helfen?" Was uns bei Unfällen durch den Kopf geht

So eine Situation kennt jeder von uns. Da liegt jemand auf der Straße und braucht Hilfe. Erster menschlicher Reflex: Panik. Kein Grund sich zu schämen. Es kann schließlich nicht jeder Meredith Grey sein...

von Viola Kaiser

Da lag sie, kriegte keine Luft und röchelte so, dass mir angst und bange wurde. Mein erster Gedanke: "Fällt es auf, wenn ich abhaue?". Mein zweiter: "Das kannst du nicht bringen". Ich lief also zu der Frau und fragte, was los sei, ob ich helfen könne. Erleichtert stotterte der junge Mann, der ratlos neben ihr gestanden hatte, ob er einen Arzt holen solle. "Ja, bitte ganz schnell", sagte ich. Und dabei ging es mir in erster Linie – aber nicht nur – um das Leben der schwer atmenden Frau. Ich wusste, wie froh ich sein würde, wenn endlich jemand käme, der genau wüsste, was zu tun sei. 

Fernsehärzte sind gar nicht so doof

So lange aber niemand kam, tat ich etwas, das hochgradig albern aber trotzdem effektiv war. Ich imitierte Lebensretter aus Filmen, hielt die Hand der Frau, sagte ihr, dass gleich Hilfe käme. Als sie drohte, ohnmächtig zu werden, sagte ich so bestimmt "Lass die Augen auf" und "Wachbleiben!", dass sie sich nicht traute, wegzutreten. Wenn ich mich nicht irre, hatte ich das bei "Stirb langsam", "Grey's Anatomy" oder irgendeinem anderen lebensfernen Format gesehen. Etwas Besseres fiel mir nicht ein. Aber sie beruhigte sich etwas bis der Arzt kam, der ihr schnell helfen konnte. Sie hatte einen allergischen Schock erlitten und er sagte mir später, dass es gut gewesen sei, als ich so tat, als hätte ich alles im Griff. Am nächsten Tag war sie glücklicherweise wieder fit.

Erste-Hilfe-Kenntnisse muss man auffrischen

Ich dagegen begann noch Tage später zu zittern und wurde nachdenklich, wenn ich mich an die Situation erinnerte. Was hätte ich gemacht, wenn sie wirklich einen Herzstillstand erlitten hätte? Was, wenn es keine nette, junge, sauber aussehende Frau gewesen wäre, sondern ein ungepflegter, ungesund aussehender Mann? Womöglich noch voller Erbrochenem oder Blut? Ich weiß es nicht. Aber ich wollte wissen, was ich beim nächsten Mal tun könnte, wenn ich in so eine Situation kam. Erst dachte ich daran, meine Erste-Hilfe-Kenntnisse bei einem Kurs aufzufrischen. Mein neues Helden-Ich wurde zurückhaltender, als ich sah, dass das nur mit einem Aufwand von mindestens einem ganzen Samstag klappen würde. Außerdem hatte ich erst vor drei Jahren, als mein erstes Kind zur Welt kam, einen Kurs zur Auffrischung gemacht. Theoretisch wusste ich, was zu tun war. Es war nicht die Unwissenheit, die mich verunsichert hatte, sondern meine Angst. 

Lieber tun als lassen

Ich rief erstmal einen befreundeten Unfallchirurgen an und erzählte ihm, wie ängstlich ich gewesen sei. Dann fragte ich ihn, ob ich bei der Herzmassage sehr viel falsch machen könne. "Etwas zu tun, ist immer besser als nichts zu machen. Und Respekt haben wir alle – auch Mediziner". Wichtig wäre nur, bei einem Herzstillstand dafür zu sorgen, dass es wieder in Gang käme. Aber wie mache ich das noch mal richtig? "Du kniest dich neben den Patienten, verschränkst die Hände und drückst mit gestreckten Armen und geradem Rücken auf die Mitte des Brustkorbs etwa fünf bis sechs Zentimeter tief. Ein bis zwei Kompressionen pro Sekunde ist die Regel". Kann ich dabei wirklich nichts kaputtmachen, frage ich später auch noch mal eine befreundete Krankenschwester. "Ein paar gebrochene Rippen sind immer besser als tot zu sein", antwortete sie mir. Beatmen ist übrigens gut, muss aber nicht sein. Wer es sich traut, hält die Nase des Betroffenen zu, und atmet leicht von seinem Mund in dessen Mund.

Wenn gar nichts geht: einfach da sein

Und wer das alles nicht kann, ist auch nur ein Mensch. Die 112 wählen, Händchen halten, Körperkontakt suchen und dem Betroffenen sagen, dass bald Hilfe kommt: Das kriegt man in der Regel hin. Selbst wenn man nervös ist und überhaupt keine Ahnung hat. Das alles hilft zumindest ein bisschen. Ich weiß das jetzt aus eigener Erfahrung.

Wer hier schreibt:

Viola Kaiser

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