"Deine Freunde" über Alkohol, anzügliche Mütter und Momente, in denen Kinder nerven

Wir treffen Flo, den Frontman von "Deine Freunde" auf einem Spielplatz. Zum Spielen sind wir aber nicht gekommen. Wir haben ein paar unbequeme Fragen im Gepäck. Irgendwer muss sie ja mal stellen... 

von Christine Rickhoff

"Deine Freunde", das sind Flo, Lukas und Pauli, drei Vollblutmusiker, die dafür sorgen, dass schon im Kinderzimmer nur noch Anlagen mit ordentlichem Bass akzeptiert werden. Bei Eltern sind sie fast genauso beliebt wie beim Nachwuchs, weil sie die Kategorie "Aktuelle Kindermusik" um die Unterkategorie "Gute Musik" erweitert haben. Fette Beats, intelligente Raps und eine geballte Ladung Ironie treffen bei den Familien der Nation auf dankbares (weil sehr ausgehungertes) Gehör. "Deine Freunde" füllen riesige Konzerthallen. Einen pädagogischen Auftrag lehnen sie vehement ab. Umso erstaunlicher, dass in Interviews immer nur bequeme und kindertaugliche Fragen gestellt werden. Wir haben uns mal die anderen vorgenommen... und erstaunlich ehrliche Antworten bekommen.


Sag mal, Flo, ich hab zur Vorbereitung echt viele Interviews von euch gelesen. Das war ganz interessant, aber ich hab mich gefragt, warum euch eigentlich immer nur superbequeme Fragen gestellt werden. Interessiert es denn keinen, ob ihr auch mal keinen Bock auf Kinder habt? Oder ob ihr manchmal einen kippt vor euren Auftritten?

Ich weiß es auch nicht. Interessiert es dich denn? 

Auf jeden Fall!

Na, dann stell doch mal unbequeme Fragen. 

Keine Sorge, das hatte ich auch vor. Irgendwer muss es ja schließlich mal tun... 

Ja, dann tus doch einfach mal.

Gut. Erste Frage: Werdet ihr in der Musikbranche überhaupt ernstgenommen?

Mittlerweile ja, weil in dieser Branche Erfolg ernstgenommen wird. Das freut uns und man fühlt sich natürlich auch gebauchpinselt, wenn man Anerkennung bekommt. Wirklich wichtig ist es aber nicht. Klar gibt es auch jetzt immer mal wieder Leute, die das, was wir machen, als Kinderkram abtun. Aber auch das belastet uns jetzt ehrlich gesagt nicht so sehr. Es ist ok, Sachen scheiße zu finden. Das Recht nehmen wir uns schließlich auch raus und das gestehen wir auch jedem anderen zu. Wenn man seine Arbeit in die Öffentlichkeit trägt, muss man auch mit Kritik leben können, oder nicht? Im Moment haben wir aber so viel Zuspruch, dass wir völlig entspannt sagen können: "Findet uns ruhig scheiße. Ihr seid in der Minderheit!"

Da hast du Recht. Eine Sache finde aber auch ich scheiße: Wenn ich meiner Tochter sage, dass sie aufräumen soll, antwortet sie manchmal mit einem Liedtext von euch...

Räum doch selber auf? (lacht)

Ganz genau. Das nervt echt. Was machst du, wenn dein eigener Sohn irgendwann deinen Text gegen dich verwendet?

Was ich dann mache? Damit leben, dass ich mir diese Bürde erschaffen habe. Vielleicht würde ich versuchen, ihn manipulativ auszutricksen oder so. Nee, ganz ehrlich, ich bin bereit, diese Kämpfe zu kämpfen. Ich bin ein ganz schöner Sturkopf und finde es eher spannend, ob die Kinder mir irgendwann meine Grenzen aufzeigen werden. Ach, was sag ich, ich bin mir sicher, dass das passieren wird. Vermutlich werden sie gewinnen. Ich werd schließlich immer älter und müder.

Hast du eine andere Textpassage je bereut?

Bereut jetzt nicht direkt, aber hinterfragt. In "Quatsch mit Soße" gibt es diesen Satz "Ich hab Jesus gesehen". Ich hab da damals gar nicht so viel drüber nachgedacht, es eher als Redewendung gesehen. Aber ich hab das unterschätzt. Ein sehr gläubiger Freund von mir hat mir später auf coole Art und Weise erklärt, warum er diesen Satz an der Stelle nicht so toll findet. Ich hab das sofort eingesehen und ich find die Zeile jetzt selbst ein bisschen blöd. Zumal sie eh gar nicht so richtig gut zum restlichen Text passt.

Würdest du vor Kindern fluchen?

Naja, was heißt fluchen? Also, ein "Scheiße" darf mir vor Kindern schon mal rausrutschen, "Hurensohn" nur unter erwachsenen guten Freunden. Ich finde, es gibt echt wichtigere Erziehungsziele, als den Wortschatz clean zu halten.

In "Keine Märchen" geht ihr nicht gerade zimperlich mit den guten alten deutschen Märchen um. Schon Wutbriefe von den Grimm-Nachfahren bekommen?

Nein, zum Glück nicht. Aber ich sag mal so: Eine Familie, die einen Großteil des Familienverdienstes aus alten Geschichten voller Moral-Appelle zieht, sollte auch keine Wutbriefe schreiben. In den sozialen Medien gibt es ab und an schon mal ein paar Beleidigungen und Kritik an unseren Songtexten, aber die erheitern uns eher. Und Posts von den Grimms hab ich bisher nicht gesehen. 

Welcher Song ist euer schlechtester?

Leider das Cover des Geburtstagslieds von Rolf Zuckowski. Rolf ist unser Freund und wir würden jederzeit für ihn in die Bresche springen. Deshalb nervt es uns im Nachhinein umso mehr, dass wir das Cover verkackt haben. Das war einfach zu kalkuliert und auch nicht gut genug. Wenn man schon ein Cover macht, was wir sonst ja auch gar nicht machen, dann sollte es verdammt geil sein. In dem Fall ist das Original einfach um Längen besser. Wir spielen das auch nicht mehr auf Konzerten. 

Hand aufs Herz: Kinder haben schon manchmal einen schlechten Musikgeschmack, oder?

Echt jetzt? Findest du? Also die meisten Kinder, die ich kenne, haben einen guten Musikgeschmack. Selbst wenn sie Helene Fischer hören, muss man ja einfach mal ehrlich sagen, haben sie doch zumindest ein gutes Gespür für Hits. Obwohl, stimmt gar nicht, es gibt doch Kinder mit schlechtem Musikgeschmack. Ein Junge in unserer Kita mag nur die Songs von David Garrett. Unsere Songs findet er doof. Ich versuch ihn noch zu überzeugen. Aber der ist ne Wand. Ich bleib trotzdem dran. 

Trinkt ihr Alkohol, bevor ihr auf die Bühne geht?

Äh, also betrinken würden wir uns niemals. Aber rein theoretisch könnte es sein, dass es eine Band gibt, deren Ritual es ist, sich vor dem Auftritt einen klitzekleinen klaren Wodka hinter die Binde zu kippen. Es mag sein. Aber man weiß es nicht.

Ist euch eigentlich gar nichts peinlich?

Fast nichts. Wir haben wenig Schiss vor den eigenen Abgründen und reden da auch offen drüber. Ich glaube, Peinlichkeiten bringen einander näher, also zumindest, wenn das Gegenüber mitzieht. Und weißt du, in meinem Leben sind schon so viele Peinlichkeiten passiert, dass es echt tragisch wäre, wenn ich mich für alle schämen müsste.

Apropos peinlich. Wie findet ihr eure Kindermusiker-Kollegen?

Es gibt nicht so viele Berührungspunkte, um ehrlich zu sein. Einmal im Jahr wird alles, was Rang und Namen hat in der Kindermusikszene, zu einem österreichischen Festival eingeladen. Das ist dann immer sehr lustig. Was deren Musik angeht: Ich bin, wenn es um Musik geht, ein Klugscheißer. Ich finde vieles nicht geil und bin auch ein HipHop-Nerd. Es gibt eine Menge Kindermusik, die ich uncool finde. Aber deshalb muss man ja nicht feindselig werden.

Sag mal, habt ihr denn schon mal eindeutige Angebote von Müttern erhalten?

Ich persönlich jetzt nicht, aber als wir auf der AIDA waren, hat eine dauerbetrunkene, leicht schielende Mutter andauernd Pauli angefasst und ihm ziemlich eindeutige Angebote gemacht. Das war echt grenzwertig. Lukas und mir hat das sehr leid getan, denn der letzte Mensch, mit dem man sowas machen sollte, ist Pauli. Der weiß in solchen Situationen überhaupt nicht, was er tun soll. Ansonsten haben wir ehrlich gesagt noch keine Angebote erhalten. Nun sind die Mütter ja aber auch mit ihren Kindern auf den Konzerten und es ist ja nicht so, dass die danach noch ein Bier mit uns trinken gehen könnten. Nach Verhallen des letzten Tons geht das durchorganisierte Familienleben sofort weiter. Tja, so ist das als Familienband.

Wohl wahr. So ist das als Familienband. Hast du denn zwischendurch mal keinen Bock auf Kinder?

Ja, hab ich. Ich finde das auch wichtig, dass man es sich nicht nur eingesteht, sondern auch zugesteht, sich einfach mal seine beschissene Ruhe zu wünschen. 

Nervt dich etwas daran, selbst Kinder zu haben?

Die Intensität nervt manchmal. Das, was es emotional mit einem macht. Kinder zu haben ist toll, keine Frage, aber je nachdem, wie man gerade drauf ist, kann es auch manchmal eine Last sein. Weil mir im Leben noch nie etwas wichtiger und keine Aufgabe größer war.

Magst du alle Kinder?

Naja, also darauf kann es ja eigentlich nur eine Antwort geben. Kinder sind nunmal Menschen und es begegnen einem ja immer mal wieder Menschen, mit denen man nichts anfangen kann oder die einem nicht sonderlich sympathisch sind. Auch kleine. Aber bei Kindern macht mich das nicht so fuchsteufelswild. Wenn ich ein Kind nicht besonders gut leiden kann, würde es das auch niemals merken. ich denke, mit Kindern sollte man generell nicht zu impulsiv sein. Die nehmen Situationen viel intensiver wahr.

Du arbeitest schon seit vielen Jahren in Kitas. Was wusstest du nicht über Kinder, bevor du selbst Vater wurdest?

Wie sehr man sie lieben kann. 



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