"Die neue Frau meines Ex-Mannes ist wie eine Schwester für mich"

Micaela und Ulrike Peter haben eine sehr enge Beziehung zum selben Mann: Die eine ist die Ex-Frau, die andere die aktuelle Ehefrau. Kein Hindernis für eine Freundschaft, findet Mica – und hat uns erzählt, wie das Ganze funktioniert. 

von Tina Epking (Protokoll)

Ulli und ich haben nicht nur denselben Nachnamen, wir haben auch beide ein sehr enges Verhältnis zu demselben Mann. Ich war mit Helmut verheiratet, sie ist es. Wir beide haben einen Sohn mit ihm. 

Vergangenes Wochenende haben Ulli, mein Ex-Mann und ihr Sohn mich in meinem Haus am Schaalsee besucht. Das kommt regelmäßig vor, wir sind nicht nur befreundet, sondern auch familiär eng verbunden. Wir verbringen auch Weihnachten zusammen und fahren zusammen in den Urlaub. Wir sind tatsächlich eine glückliche Patchworkfamilie. Das war aber nicht immer so. 

"Mit Ulli war von Anfang an alles ganz anders"

Nach unserer Trennung vor vielen Jahren hatten wir beide wieder Beziehungen, aber alle neuen Partnerinnen hatten ein Eifersuchtsproblem mit mir: Weil ich die Mutter von Helmuts Kind war, weil wir eng befreundet sind und auch noch in einem Haus arbeiten. Wir stehen und standen uns immer  sehr nah, auch wenn wir kein Paar mehr sind. Wir haben uns damals entschieden, dass wir für unseren Sohn, der bei der Trennung drei Jahre alt war, immer noch eine Familie sein möchten. Deswegen haben wir zum Beispiel einmal im Jahr einen Urlaub zusammen gemacht, nur wir drei. Das war natürlich nicht ganz leicht für die neuen Freundinnen. Vor Ulli gab es keine Partnerin, die damit keine Schwierigkeiten hatte – was ich auch verstehen kann. 

Mit Ulli war von Anfang an alles ganz anders, sie war nie eifersüchtig auf mich. Sie war gerade ungefähr ein Dreivierteljahr mit Helmut zusammen, als der gemeinsame Urlaub mit unserem Sohn anstand. Wir wollten mit ihm eine Safari in Namibia machen. Ich habe damals damit gerechnet, dass dieser Urlaub vielleicht doch nicht stattfinden würde, ich hatte ja vorher oft genug erlebt, dass es deswegen Probleme mit den Freundinnen meines Ex-Mannes gab.

"Sogar unsere Eltern kennen und mögen sich"

Als ich aber vorsichtig deswegen nachfragte, erzählte mir Helmut, dass Ulli damit überhaupt kein Problem hätte. Ich kannte sie damals noch nicht gut und war völlig erstaunt. Ihre Reaktion hat mein Herz geöffnet: Ich war so dankbar, dass mein Ex-Mann endlich eine Frau an seiner Seite hatte, die ihm vertraut, die mit unserem Konstrukt leben kann und uns auch Familie sein lässt. Ich bin bis heute unendlich dankbar dafür, dass Ulli so ist wie sie ist. 

Sie war von Anfang an einfach extrem offen und auch selbstsicher genug, dass sie keine Gefahr und keine Konkurrenz in mir gesehen hat, sondern eine Bereicherung.  Ulli ist genau wie ich ein Familienmensch und fand es toll, dass es mich gab, weil sie es als Glück empfunden hat, nette Menschen in der Familie zu haben.

Für mich ist sie wie eine kleine Schwester. Dazu muss man wissen, dass wir einen extrem hohen Altersunterschied haben. Ich bin 50, Ulli 34. Als Helmut und Ulli sich kennenlernten, war sie noch sehr jung. Mittlerweile sind sie seit fast zehn Jahren zusammen. Für mich fühlt es nicht nur so an, als wäre sie meine Schwester, wir leben auch tatsächlich wie in einer großen Familie. Mittlerweile kennen sich sogar auch unsere Eltern und verbringen mit uns zusammen Weihnachten und Wochenenden.

"Wir mussten erst gucken, wer wo in der Familie steht"

Unabhängig von dem ganzen Familiensetting haben Ulli und ich aber eine ganz eigene Beziehung, wir treffen uns auch manchmal alleine oder gehen zu zweit wandern, wenn wir alle zusammen im Urlaub sind. Wir sprechen auch mal über ihre Ehe. Ich bin da so neutral, dass das gar kein Problem ist. Die beiden haben ganz andere Themen als wir sie hatten. Und obwohl sie die Jüngere ist, ist sie selbstverständlich auch für mich da, wenn ich Trost oder Rat brauche. Außerdem bin ich nun mal seit vielen Jahren Paartherapeutin und kenne beide sehr gut. 

Es war von Anfang an zwar eine Sympathie da, aber natürlich mussten wir auch zu Beginn erst mal gucken, wer wo in der Familie steht. Außerdem fand ich den großen Altersunterschied der beiden auch etwas klischeehaft und irritierend. Helmut ist 16 Jahre älter als ich, Ulli 16 Jahre jünger. Er war Professor und sie seine Assistentin. Ich habe eine gewisse Zeit gebraucht, um mich daran zu gewöhnen. Heute nehme ich den Altersunterschied gar nicht mehr wahr. 

Es gab aber sonst nie einen ernsthaften Konflikt zwischen uns allen. Es hat höchstens manchmal bei mir einen Schmerz ausgelöst, dass bei den beiden etwas klappt, was bei uns nicht funktioniert hat. Ich würde mit dem Wissen und der Reife, die ich heute habe, vieles anders machen. Mittlerweile  belegen wissenschaftliche Studien, dass die Partnerschaftszufriedenheit nach der Geburt der Kinder statistisch sinkt. Das war auch bei Helmut und mir so. Jedes Ende einer Beziehung mit Kindern finde ich traurig.

Sicher hat zu Ullis und meiner guten Beziehung beigetragen, dass die Ehe von Helmut und mir schon lange beendet war. Wir waren nur noch Eltern und gute Freunde, es gab keine Leidenschaft mehr zwischen uns. Wir hatten völlig unterschiedliche Vorstellungen von einer Partnerschaft. Deswegen war es für mich kein Problem ihn loszulassen. 

"Wir sind nicht nur befreundet, sondern arbeiten auch zusammen"

Als Ulli schwanger wurde und die beiden geheiratet haben, wurde dagegen zwischen uns alles noch unkomplizierter. Mein Ex-Mann und ich kannten uns ja schon viel länger, wir hatten damals schon 15 Jahre zusammen, auch als Freunde. Ulli wollte natürlich auch etwas Exklusives mit ihrem Mann, und sie wollte eine Familie gründen. 

Ulli und ich sind nicht nur befreundet und familiär verbunden, wir arbeiten auch zusammen. Sie ist Psychologin und Burnout-Präventionstrainerin, ich bin Psychologin, Paar- und Familientherapeutin. Auch das verbindet uns. gerade erst haben wir unser gemeinsames Buch "Zweisam Dreisam Einsam: Wie Eltern wieder Mann und Frau werden" veröffentlicht. Vielleicht hat es uns bei unserer harmonischen Familienkonstruktion geholfen, dass wir alle eine psychologische Ausbildung haben. Zu unserem Beruf gehört es schließlich, offen zu bleiben und nicht zu bewerten. Wir müssen im Job Verständnis für die ungewöhnlichsten Situationen und Personen aufbringen und Menschen so nehmen wie sie sind. 

Ich weiß, dass es nicht bei jeder Patchworkfamilie so unproblematisch laufen kann wie bei uns, tatsächlich kenne ich aber einige Paar und Ex-Paare, die sehr gut miteinander auskommen. Ich möchte gerne Paaren, die getrennt sind und neue Familien gründen, Mut machen. 50 Prozent aller Ehen in Deutschland werden schließlich mittlerweile geschieden. 56 Prozent dieser Geschiedenen hat Kinder, und  75 Prozent heiraten innerhalb von drei Jahren erneut. Statistisch gesehen ist es also normal, in einer Patchworkfamilie zu leben. Ich glaube, dass Stress und Streit mit den Ex-Partnern sehr unglücklich machen können: Ich sehe das nicht nur privat, sondern auch täglich in meiner Praxis als Paartherapeutin beruflich. Auch deswegen bin ich froh, dass wir diese Probleme nicht haben. Ich wünschte mir, es könnte mehr Familien und Paaren gelingen, das Potenzial und die Bereicherung in der Patchworksituation zu erkennen, statt in Unwohlsein, Unsicherheit, Konkurrenz oder Rivalität zu verharren. 

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