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Corona-Tagebuch einer Mutter "Hilfe, ich bin unfair!" – Mama hat ein schlechtes Gewissen

Corona-Tagebuch einer Mutter: Mutter kuschelt mit ihrem Kind
© GaudiLab / Shutterstock
Man kann es drehen und wenden wie man will, unsere Autorin ist nach über 400 Tagen Corona-Ausnahmezustand ein bisschen unfair geworden und fragt sich: Ist es ein Verbrechen, grade einfach mal nicht die beste Version von sich selbst zu sein?

"Es ist 20 Uhr und ich will, dass du jetzt verdammt nochmal schläfst!" Es ist um genau zu sein 20.09 Uhr und ich motze ein Baby an, das mich mit riesigen Augen verwundert ansieht. TIEFPUNKT! Absoluter Tiefpunkt. Sonst singe ich um diese Zeit meist ein drittes Schlaflied, genieße diesen wunderbaren Babyduft und schaukle den kleinen Körper geduldig ins Land der Träume. Heute schaukelt mich meine schlechte Laune in ganz andere Länder. Zum Beispiel in eines, in dem man ein völlig verdutztes Baby anmotzt, das nunmal offensichtlich nicht müde ist, obwohl man findet, dass man sich jetzt ganz dringend mal ne Runde Netflix oder ein gutes Buch verdient hat anstatt Lalelu. Da wollte ich echt nie hin, in dieses Land. Aber leider bin ich da in den letzten Monaten öfter mal unterwegs.

Von allem zu viel

Egal, mit welchem Erwachsenen man spricht, in Corona-Zeiten hat jeder von irgendwas zu viel. Die einen haben zu viel Zeit mit sich alleine (Singles), die anderen zu viel Arbeit (Ärzte), wieder andere zu viele verschiedene Erwartungen, die es zu erfüllen gilt (Lehrer, Politiker) oder manch einer hat eben einfach zu viel Trubel um sich (Eltern). Wobei... im Grunde haben Eltern von fast allem grade ein bisschen zu viel, außer Alleinezeit und Ruhe.

Frau Müller bitte an Kasse 3 – Mama macht Pause

Ich wundere mich ehrlich gesagt nicht über meine eigene Gereiztheit. Manchmal fühle ich mich in meinem eigenen Haus wie in einem Kaufhaus am 23. Dezember. Ich bin die Frau an der Kasse. Alle starren mich an, jeder möchte sein verdammtes Anliegen klären und zwar DALLI! Und genau wie die Kassenlady starte ich morgens noch freundlich, kriege am Mittag noch ein kleines Lächeln hin, bis mir am Spätnachmittag der Kragen platzt und ich nur noch patzig rumpöbel, wenn jemand  eine Extrawurst möchte. Ich will dann ganz dringend „Frau Müller bitte an Kasse 3, ich mach jetzt Pause“ schnauzen, aber da da keine Frau Müller ist, schnauze ich eben einfach alle anderen an und weiß im selben Moment: Ich bin unfair. Mal wieder.

Es tut mir leid, Kinder

Mein Mann kann das ab, der ist selbst momentan nicht so ganz buddhamäßig unterwegs. Wir wissen, wie es gemeint ist, wenn einer mal auf die verbale Pauke haut. Aber für die Kinder tut es mir wirklich aufrichtig leid. Ich weiß, dass sie im Moment kein bisschen verstehen, was man meint, wenn man ihnen was von „zu viel“ erzählt. Denn sie haben gerade von allem zu wenig. Zu wenig Schule, zu wenig Kontakt zu Gleichaltrigen, zu wenig Oma-Opa-Verwöhnung, zu wenig Geborgenheit und Sicherheit. Und während ich irgendwie dieses „zu wenig“ in ihrem Leben auszugleichen versuche, mit all dem „zu viel“ auf meinen Schultern, mecker ich auch noch rum, als wäre alles ihre Schuld. Das mag zutiefst menschlich sein aus meiner Sicht. Gut ist es aus ihrer Sicht nicht.

Warum reißt man sich für seine Kinder so wenig zusammen?

Letztens, als ich mich völlig entnervt in einen Videocall eingewählt habe, hat mich mein eigenes Kameralächeln etwas nachdenklich gemacht. Warum setzt man in der übelsten Genervtheit für irgendwelche Kollegen ein nettes Gesicht auf und schafft das dann bei den eigenen Kindern – also den allerallerwichtigsten Menschen in seinem Leben – nicht? Und vor allem: Warum geht es mir nach 30 Sekunden Lächeln wieder so gut? Ich muss sagen, ich kam ganz schön zerknirscht aus diesem Call und habe mir eines vorgenommen: Ich muss meine innere Frau Müller finden, die Kasse 3 übernimmt und lächelt, wenn ich unfreundlich werde. Denn wenn ich in der Lage bin, in einem Videocall zu lächeln, obwohl mir gerade zum Schreien zumute ist, dann muss es diese innere Frau Müller doch irgendwo in mir geben, oder? Ich habe das noch nicht abschließend rausgefunden. Aber ich suche nach ihr. Ich hab sie verdient und die Kinder erst recht. Also „ERNSTHAFT JETZT MAL, FRAU MÜLLER, GEFÄLLIGST AN KASSE 3, SIE LAHME ENTE! Und entschuldigen Sie bitte, falls ich unfair bin. Ich hab seit 400 Tagen Pandemie!“

Dieser Artikel ist ursprünglich auf Eltern.de erschienen.

Barbara

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