"Ich bin halt ne Frau" - Warum wir endlich aufhören müssen, Klischees zu bedienen

Es ist einfach, sich über Leute aufzuregen, die in Schubladen denken. Dabei kennen wir alle Vorurteile, sehen Stereotypen und haben Klischees im Kopf. Sonst würden wir schlichtweg durchdrehen. Die Schubladendenker sind auch gar nicht das Problem. Das Problem sind vielmehr die Schubladen, in denen wir es uns selbst bequem machen.

von Marie Stadler

Frauen fahren nicht gut Auto, können nicht rechnen, dafür aber trösten. Männer kommunizieren nicht, sind handwerklich begabt und hätten gerne jeden Tag Sex. Hach, so unkompliziert, das mit dem Denken, wenn man bloß ein paar Schubladen auf- und wieder zumachen muss. Sehr bequem, wohl wahr. Aber ehe wir uns jetzt darüber aufregen, bleiben wir lieber mal realistisch: Ohne ein solches Vorgehen bräuchten wir alle einen Therapeuten. Ach was, am besten gleich drei. Denn es ist ein Ding der Unmöglichkeit, alles um sich herum in all seiner Komplexität wahrzunehmen und ganz ohne Schublade einzuordnen. Um es auf den Punkt zu bringen: Wir brauchen Klischees und Stereotypen im Kopf, um nicht verrückt zu werden. Denn auch wir haben einen begrenzten Arbeitsspeicher und eine Festplatte, die durchbrennt, wenn man sie komplett überfordert

Ich pass doch in keine Schublade!

Natürlich kann man jetzt schimpfen und wettern, dass man doch in keine Schublade passt. Nein, das wird wirklich keinem von uns in seiner Einzigartigkeit gerecht. Aber man könnte auch mal drüber nachdenken, wie häufig man sich selbst reinsetzt - mal bewusst, mal unbewusst. Ich zum Beispiel bin von der ganz üblen Sorte. Gestern erst wieder gemerkt. Die Bilanz meines Tages: Kind mit den Mathehausaufgaben zum Papa geschickt, wie selbstverständlich auf dem Beifahrersitz Platz genommen, einen Satz mit "Wir Deutschen" begonnen, mein Chaos mit meiner Kreativität entschuldigt. Um ehrlich zu sein, war das noch lange nicht alles. Es ist beschämend. Vor allem deshalb, weil hinter meinem vermeintlichen Unvermögen in diesen Fällen pure Faulheit steckt. Klar ist es angenehmer, sich durch den Feierabendverkehr kutschieren zu lassen, sich NICHT mit dem Satz des Pythagoras auseinanderzusetzen und die eigene Engstirnigkeit auf die Nationalität zu schieben. Nicht aufzuräumen, weil man ja ach so kreativ ist, ist auch ganz nett, schon klar. Aber wenn ich ehrlich bin... geschafft hätte ich das alles. Und ein gutes Vobild bin ich meinen Töchtern so nicht gerade.

Die selbsterfüllende Prophezeiung

Was mir Gedanken aber noch viel größere Gedanken macht: Je länger man sich selbst hinter Klischees versteckt, desto wahrer werden sie bestimmt. Mathe wird natürlich schwer, wenn man sich jahrelang nicht damit beschäftigt. Wer immer auf dem Beifahrersitz Platz nimmt, wird irgendwann ganz sicher schlecht einparken und auch der Mann wird nicht kommunikativer werden, wenn man ihn immer mit der Männer-reden-halt-nicht-Ausrede durchkommen lässt. Zu den ganzen Gender-Klischees kommen dann auch noch Berufsklischees, Nationalität, sexuelle Orientierung, Hobbies und vieles mehr. Am Ende blickt man ja selbst nicht mehr durch, wer man ist, wenn man sich hinter all diesen Typisierungen versteckt. Selbst ein Klischee zu bedienen, ist ja aber auch nicht immer nur eine Frage der Bequemlichkeit. Es dient einem Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder als Rechtfertigung, ein bisschen speziell zu sein. Der Fairness halber muss man es dazusagen: Manchmal bedient man es ja auch einfach nur deshalb, weil es stimmt. Dann kann man wirklich wenig machen. Hinterfragen sollte man es zwischendurch trotzdem mal. Denn manchmal glauben wir nur, einem Klischee zu entsprechen, weil man es uns eingeredet hat oder wir es uns selbst eingeredet haben. Und das oft schon von klein auf.

Typisch Mann. Typisch Frau. Woher kommt das?

Eine Studie der TU Berlin untersuchte 2015 Aufdrucke auf Mädchen- und Jungs-T-Shirts. „Little“, „sweet“, „happy“, „cute“, „lovely“ waren die häufigsten Adjektive, „Love“, „Girl“, „Star“, „Princess“ die Substantive auf Mädchen-T-Shirts. Dem standen bei den Jungs-Shirts die Adjektive „crazy“, „cool“, „wild“, „strong“ und die Substantive „Life“, „Team“, „King“, „Rebel“ gegenüber. Wir setzen uns also nicht nur selbst in Schubladen, sondern packen auch unsere Kinder schon mit rein. Muss das sein? Oder entsprechen die Aufdrucke vielleicht einfach den biologischen Unterschieden zwischen Mädchen und Jungs? Soziologin Dr. Petra Lucht ist sich sicher, dass es nicht so ist: „Die geschlechtsbedingten Vorurteile sind den meisten in unserer Gesellschaft gar nicht bewusst“, erklärt sie. „Männer dürfen gar nicht ,süß‘ sein, solange es die geschlechtsbezogenen Rollenbilder nicht vorsehen." Und sie warnt: "Geschlechterstereotype – das sieht man sehr eindrücklich an den T-Shirt-Sprüchen – werden uns übergestreift wie eine zweite Haut."

Und was ist schlecht daran, ein Klischee zu bedienen?

Aber ist es schlimm, wenn man sich in dieser zweiten Haut wohlfühlt? Man selbst muss sich nicht anstrengen, die anderen auch nicht. Eigentlich doch toll! Klischees sind eben für beide Seiten sehr entspannt. Schwierig wird es aber, wenn wir dadurch unter unseren Möglichkeiten bleiben. Wenn wir uns so sehr an ein Klischee gewöhnt haben, dass wir uns darin verlieren. "Typisch" zu sein, ist ja nicht immer verkehrt. Solange das "ich sein" darin Platz findet und wir der Welt in den wirklich wichtigen Momenten abverlangen, dass sie über uns nachdenkt. Weil wir eben manchmal doch ganz anders sind. In solchen Momenten muss man sich dann mal trauen, zu groß für eine Schublade zu sein, sich selbst ans Steuer zu setzen und sich den Satz des Pythagoras nochmal reinzuziehen. Der ist nämlich gar nicht mal so schwer, wenn man sich nur ein bisschen anstrengt.