"Ich geb auf" – Warum ich meinen Job als Krankenschwester hinschmeiße

Lea* (Name von der Redaktion geändert) ist seit acht Jahren Krankenschwester. Sie wollte etwas wirklich Sinnvolles tun, ist dafür an ihre Grenzen gegangen und weit darüber hinaus. Jetzt gibt sie auf und sagt: "Betet, dass ihr niemals krank werdet." 

Protokoll: Marie Stadler

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich wollte Krankenschwester werden. Das war kein Notnagel, kein Zufall, kein Irrtum. Ich wollte genau das tun, was in der Jobbeschreibung stand. Ich wusste, dass es mir nichts ausmachen würde, Menschen zu waschen, zu wickeln, ihre eiternden Wunden zu versorgen. Ich hatte keine Angst vor der Begegnung mit dem Tod. Und auch die Nachtschichten, die Frühschichten, die für mich bedeutungslosen Feiertage ließen mich nicht zurückschrecken. Als ich meinen Vertrag unterschrieb, da wusste ich, dass ich nicht den leichten Weg gewählt hatte. Aber ich hatte nicht den Hauch einer Ahnung, was mich wirklich erwartete. Natürlich kann dich keiner darauf vorbereiten, wie es ist, wenn deine Herzmassage nichts gebracht hat und dir ein Mensch unter den Händen wegstirbt. Damit und mit vielen anderen Situationen musst du als Pflegekraft lernen, umzugehen. Daran kann keiner etwas ändern. Was aber nicht sein muss: Die ständige Überforderung und das Gefühl, es niemals gut machen zu können.

Was es wirklich bedeutet, Krankenschwester zu sein

Ich glaube, dass in fast allen Berufen gelernte Theorie und Praxis auseinander klaffen. In unserem Beruf ist es besonders schlimm. Ich hatte zum Beispiel gelernt, behutsam Menschen umzulagern. "Immer zu zweit!", hatten die Lehrer gewarnt. "Sonst ist euer Rücken bald im Eimer." Im Nachhinein gesehen ein fast lustiger HInweis, denn an den wenigsten Tagen und Nächten geben die Kapazitäten her, zu zweit ein und dieselbe Aufgabe zu erledigen. Um eine durchschnittliche Station einigermaßen zufriedenstellend zu betreuen, bräuchte man vier Pflegekräfte. Dann würde es einigermaßen funktionieren. Meist waren wir zu zweit. Selbst Pflegeschüler betreuen schon im ersten Lehrjahr Bereiche ganz alleine. Alles, was wir tun, müssen wir dokumentieren. Wer sich diese Zeit nicht nimmt, steht mit einem Bein im Gefängnis. Schließlich tragen wir die Verantwortung für Menschenleben, haben Zugang zu Betäubungsmittel, halten lebenswichtige Apparate am Laufen. Wenn es ganz schlimm ist mit der Überforderung, schreiben wir eine Überlastungsanzeige, die uns rechtlich entlasten kann, wenn etwas schief geht. Theoretisch müsste man das jeden Tag tun bei den Zuständen. Doch das macht man nicht. Das gibt Ärger.

Betet, dass ihr nicht krank werdet

Ich habe viel erlebt in den Jahren, die ich im Krankenhaus gearbeitet habe. Aber es gab diesen einen Tag, der mir für immer im Gedächtnis bleiben wird als der, an dem ich mental die Flinte ins Korn schmiss. Meine Kollegin hatte sich krank gemeldet, also begann ich meine Frühschicht alleine. 24 Patienten mit schweren inneren und äußeren Verletzungen musste ich im Alleingang waschen, lagern, mit Medikamenten versorgen. Ein Akt der Unmöglichkeit und ein Wettlauf gegen die Zeit. Ich rannte von piepsenden Monitoren zu eingekoteten Betten, versuchte, mit den Schmerzmitteln hinterherzukommen und die durchnässten Verbände zu wechseln. Als schließlich ein Angehöriger (völlig zu Recht) ausrastete, weil seine Mutter seit einer Stunde in einem nassen Bett lag, brach all meine Hilflosigkeit aus mir heraus. Ich keifte den Mann in einem Ton an, den ich aus meinem Mund nicht kannte und das, obwohl ich ihn eigentlich verstand. So kannte ich mich nicht und so wollte ich mich nicht kennen. Das war der Moment, in dem mir klar war: Ich muss hier weg. Und ich darf niemals selbst so krank werden, dass ich auf der anderen Seite stehe. Denn dort ist es noch unbequemer als auf meiner.

Alle reden, keiner tut was

Was mich wirklich sauer macht, ist die Tatsache, dass das Gesundheitssystem Geld hat. Es kommt nur nicht in der Pflege an. Die Überschüsse der Krankenkassen werden in Tausenden Kleckerbeträgen zurückgezahlt an die Versicherten. Wisst ihr was? Die brauchen eure 20,76 EUR nicht. Die bräuchten handlungsfähiges Pflegepersonal, wenn sie einmal in die Situation kommen, im Krankenhaus zu liegen. Die bräuchten jemanden, der auch mal zwei Takte mit ihnen redet. Jemanden, der ihnen rechtzeitig den Verband wechselt und ihr Erbrochenes nicht erst eine halbe Stunde später wegwischt. Seit Jahren wird geredet über den Pflegenotstand, so als sei das ein Problem der Zukunft. Aber das ist es nicht. Wir stecken mittendrin und wir brauchen JETZT Entlastung. Mehr Pflegekräfte, mehr Gehalt, mehr Wertschätzung. Ich frage mich, ob die verantwortlichen Politiker je erfahren werden, was sie den Patienten antun. Wahrscheinlich nicht, denn die meisten sind privatversichert, inklusive Einzelzimmer und Extrabehandlung. Herzlichen Glückwunsch, ihr da oben. Das könnte ich mir von meinem Gehalt wie die meisten Menschen schlicht nicht leisten.

Wieder einer weniger

Was mich als Krankenschwester jeden Tag begleitet hat, war mein schlechtes Gewissen. Den Patienten gegenüber, wenn ich eilig war, den Kollegen gegenüber, wenn ich mich krankgemeldet habe oder in meiner Überforderung zu schroff zu ihnen war. Den Schülern gegenüber, wenn ich keine Zeit hatte, sie ordentlich einzuweisen und den Angehörigen gegenüber, wenn ich keine Zeit für tröstende Worte fand. Selbst jetzt treibt mich mein Gewissen noch in den Wahnsinn. Ich bin eine gut ausgebildete Pflegekraft. Die Patienten mochten mich meistens, weil ich versucht habe, immer ein bisschen Sonne und Glück in ihr Zimmer zu bringen. Jetzt gehe ich. Wieder eine weniger. Wieder eine unbesetzte Stelle mehr. Wieder weniger Sonne und Glück in den Zimmern der Patienten. Ich gehe trotzdem, um mich selbst zu schützen. Um eine Veränderung in mir aufzuhalten, die ich nicht akzeptieren will. Ich bin nicht mehr ich auf Station und das macht mir Angst.

Ich hoffe, dass die Politik endlich aufwacht und handelt. So wie es ist, darf es nicht bleiben. Es gibt genug Leute wie mich, die keine Angst vor dem Job haben. Gebt uns einfach ein Umfeld, in dem wir gesund bleiben können. Wenn ihr das geschafft habt, komm ich gerne zurück. Aber jetzt muss ich erstmal wieder ich werden.

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