"Ich habe angezeigt" – Eine sexuell misshandelte Frau erzählt

Wenn dieser Text nur einen einzigen Menschen ermutigt, eine Vergewaltigung anzuzeigen, hat er sich gelohnt, sagt unsere Autorin. Sie wurde betäubt, sexuell misshandelt und dabei fotografiert.

von Bettina Strang

Am Morgen nach meiner Vergewaltigung war ich wie in Watte gepackt. Jede Körperzelle wusste, dass ihr etwas Ungeheuerliches widerfahren war. Ich wusste das die wenigen Stunden danach nicht. Auf meinem Gehirnbildschirm flackerten nur Erinnerungsfetzen wie Signalbojen in einem Meer aus Unbehagen.

Ich war am Vorabend verabredet gewesen mit einem Mann, den ich von früher kannte. Damals hatten wir uns einmal geküsst. Mehr als 20 Jahre war das her. Dass es diesmal, nachdem wir ein paar Wochen lang losen Whatsapp-Kontakt gehabt hatten, ein One-Night-Stand werden würde, war zwar nicht konkret ausgesprochen worden. Aber zwischen den Zeilen herauszulesen. Eine unverbindliche, aber irgendwie vertraute Bettgeschichte erleben. Das war der Grund für meinen Besuch bei T. gewesen. Und was war schon dabei? Machen das nicht alle?

Er drückte mir gleich ein Glas Wein in die Hand

Meine leisen Zweifel hatte ich beiseitegewischt, als ich schließlich bei ihm klingelte. Doch als T. die Tür öffnete, durchfuhr mich ein unbestimmtes Gefühl: Geh weg, hier bist du falsch. Hätte ich in dieses Gefühl hineingefragt „Was kann schon passieren?“ – das ausgemalte Worst-Case-Szenario wäre vielleicht gewesen, eine abgeschmackte Nacht zu erleben. Einfallsloser, gefühlloser Sex. Aber ich fragte nicht. Ich ignorierte meine Intuition. T., der smarte, renommierte Arzt, in dessen verlebtem Gesicht immer noch der junge Sonnyboy hervorblitzte, drückte mir gleich ein Glas Wein in die Hand. „Schön, dass du da bist.“

„Einvernehmlicher Sex“ formulierte ich es später hölzern und mit klamm ineinandergekrallten Fingern. Erst im Nachhinein sollte mir auffallen, wie routiniert T. die erste intime Begegnung des Abends forcierte. Quadratisch, lieblos, schnell. Danach ging er in den Nebenraum und kam mit einem Longdrink zurück. Ich nahm einen großen Schluck. Einige Minuten später wurde mir speiübel.

Bis heute gibt es das schwarze Loch in meinem Gedächtnis

Filmriss. Bis heute gibt es das schwarze Loch in meinem Gedächtnis. Stunden, von denen ich nicht weiß, was mit mir und meinem Körper geschah. Vielleicht wäre ein vollständiger Blackout gnädiger gewesen. So aber lebe ich mit den deutlichen Erinnerungen an Handlungen und Praktiken, denen ich nicht zugestimmt habe. Die ich nicht ablehnen konnte. Ausgeschaltet. Benutzt. Wie eine Puppe. Er fotografierte es. Mich. Wieder und wieder. Blitzlicht und Kameraklicken versetzten mich innerlich in Panik. Keine Bilder! Bitte! Doch ich hockte gefangen in meinem Körper. Kein Schreien, kein Wehren, kein Flüchten möglich. Ich hörte, was er sagte, und spürte, was er tat.

Jede Nacht geht einmal zu Ende. Diese auch. Aber erst ein paar Tage später wich die Starre. Wie die meisten von so einer Tat betroffenen Menschen hatte ich das Gefühl, selbst schuld zu sein. Ich schämte mich, hatte Angst, fühlte Ohnmacht. Erst nach und nach wurde mir vollkommen klar, dass ich betäubt worden sein musste. Dass sich der Filmriss, der wehrlose Zustand nicht mit etwas Wein und einem Schluck Hochprozentigem erklären ließ.

Es war befreiend, erzählen und meine Ängste aussprechen zu können

In meiner inneren Not wandte ich mich an den Frauennotruf Hamburg. Das Gespräch vor Ort bescherte mir den ersten Entlastungsmoment. Es war befreiend, erzählen und meine Ängste aussprechen zu können. Zum Schluss erhielt ich die Empfehlung, eine Rechtsberatung in Anspruch zu nehmen.

Sexueller Missbrauch widerstandsunfähiger Personen nach § 177 StGB und gefährliche Körperverletzung. Das sei der Straftatbestand, den ich anzeigen könne. Allzu viel Hoffnung machte man mir nicht. Es werde Aussage gegen Aussage stehen. Ich hatte keinerlei Beweise. Und wenn ich mich zu diesem Schritt entschlösse, sei das sicher kein Spaziergang. Dennoch: „Vielleicht erreichen Sie nichts für sich. Aber, im Wiederholungsfall, für eine andere Frau.“ Denn selbst wenn die Ermittlungen eingestellt würden – die Anzeige sei aktenkundig. Sollte es zu Wiederholungstaten kommen und sich noch mal eine Frau zu einer Anzeige entschließen, wäre deren Gewichtung auf dem Boden bereits bestehender Vorwürfe eine andere.

Ich bin nicht besonders stark oder mutig

Kurz erschien es mir attraktiver, eine Kiste in mir zu öffnen, alles hineinzuwerfen, abzuschließen und nie mehr daran zu rühren. Einfach vergessen. Es ist nicht passiert. Dabei passierte es jeden Tag neu. Das eigene Leben wegbröckeln zu sehen. Sich auf banalste Dinge nicht mehr konzentrieren zu können. Nachts wach zu liegen. Nicht mehr zu funktionieren, wo ich doch immer funktioniert hatte. Räume nicht zu ertragen. Menschen nicht zu ertragen. Mich selbst nicht zu ertragen. Ich rief die Anwältin an: „Ich werde Anzeige erstatten.“ Werde mich beschützen. Nicht den Täter.

Ich bin nicht besonders stark oder mutig. Dass ich therapeutische Begleitung und freundschaftliche Unterstützung benötigen würde, war mir sofort bewusst. Dieses Mal vertraute ich meiner Intuition. Erzählte bestimmten Freunden und meiner Familie, was mir zugestoßen war. Schaffte mir den Rückhalt, den ich in den nächsten Monaten noch bitter benötigen würde.

Innerlich erwartete ich, dass die Tat für T. keine Konsequenzen haben würde. Aber das Unglaubliche geschah: Meine Anzeige fiel auf den Boden bereits bestehender Vorwürfe. Ich war offensichtlich nicht die einzige Betroffene.

Über Monate hinweg zog mich das Thema tief hinab in seinen Abgrund

Nun war es in Gang gesetzt. An manchen Tagen war ich zuversichtlich, fühlte mich den Dingen gewachsen. An anderen Tagen dominierten Ängste, Selbstzweifel, panisches Kopfkarussell. Dass ich nie zur Ruhe kommen konnte, war ungeheuer anstrengend. Die schlaflosen Nächte. Der rasende Puls. Die geweinten Tränen. Die nicht geweinten. Die fehlenden Worte. Die gesprochenen. Um das Unbeschreibliche zu beschreiben. Den Grad der Beschämung.

Polizeiliche Vernehmung, mehrere Gutachtertermine und schließlich die mehrstündige Zeugenaussage vor Gericht – über Monate hinweg zog mich das Thema tief hinab in seinen Abgrund. „Können Sie das noch präziser beschreiben? Genauer? Ganz genau?“ Konnte ich. Habe ich. Genauer. Ganz genau. Noch einmal. Und noch mal. Mit Worten mich entkleidet. Wieder und wieder.

Treten Sie ein. Sehen Sie sich ruhig in mir um. In meinem Körper. Meinem Schoß. Bitte sehr. Möchten Sie ein Vergrößerungsglas? Nehmen Sie Platz. Und mich auseinander. Das hat er schließlich auch getan. Ich kenne das nun.

Wie ich’s erklären könne. Dass das doch seltsam sei. Warum ich nicht wusste. Und ob ich nicht hätte. Was ich gedacht habe (nicht etwa gefühlt). Und warum denn Scham? Da stockte mir der Atem. „Menschen schämen sich, wenn sie beschämt werden.“

Stunde um Stunde um Stunde saß ich. Aufrechter. Mit scheinbar nichts in meinen Händen. Nur ein Fragment von mir. Das eines nicht konnte: schweigen. Trotz all der Angst davor, was kommen würde.

Auf die Frage, wie es mir geht, wollte ich nur eines antworten: Ich bin kaputt

Zum ersten Mal musste ich erleben, dass ich mich selbst nicht in jeder Situation kontrollieren konnte. Dass posttraumatische Störungen eigene Spielregeln haben. Eine Grenzerfahrung, die mich wütend, hilflos und traurig machte. Auf die Frage, wie es mir geht, wollte ich nur eines antworten: Ich bin kaputt. Meinem Umfeld konnte ich viele Verhaltensweisen nicht erklären. Ich sagte Verabredungen extrem kurzfristig ab, ohne Erklärung. Meldete mich nicht auf Whatsapp oder auf E-Mails. Mein Festnetztelefon ignorierte ich. Meine private Mailbox hörte ich nicht mehr ab, die berufliche nur unter größtem Kraftaufwand. Briefe blieben ungeöffnet. Es gab Menschen, die sich kopfschüttelnd abwandten. Und es gab Menschen, die nachfragten: „Was ist los mit dir?“ Die mich liebevoll in Ruhe und nicht in Ruhe ließen. Mich nicht in eine Schublade steckten. Meine Erschöpfung war bodenlos.

Wenn ich heute Menschen begegne, dann stets mit dem zutiefst respektvollen Bewusstsein, dass ich ihre Geschichte nicht kenne. Dass ich nicht weiß, was sie glauben, in sich vergraben zu müssen. Die starr gebotoxte, neurotische Blondine da hinten shoppt vielleicht nur seit Jahren verzweifelt gegen eine einzige Nacht an.

Schweigen schützt den Täter. Schweigen höhlt das Selbst aus

Die Frage, um die ich lange kreiste: Warum ist das mir passiert? Die Therapie und die Menschen, die mich trugen und ertrugen in dieser Zeit, waren wichtig. Wichtiger war die Anzeige selbst. Nicht zu schweigen. Selbstermächtigung. Aus der Ohnmacht zu gehen. Hinein in die Handlung. Haltung zeigen. Ich gab mir das Versprechen, nie wieder meiner klaren Intuition zu misstrauen – wie verrückt sie meinem Kopf auch immer vorkommen möge.

Seit einiger Zeit weiß ich, fühle ich, sage ich: Nicht er ist mir passiert. Ich bin ihm passiert! Mit meinem Tun hat er so wenig gerechnet wie ich mit seiner Tat. Ich habe ihn angezeigt. Schweigen schützt den Täter. Schweigen höhlt das Selbst aus. Nein, ich bin in keiner Weise mehr die Frau, die ich vorher war. Ich sage heute: Das ist gut.

Das Urteil, knapp sechs Jahre wegen schwerer Vergewaltigung und gefährlicher Körperverletzung, ist inzwischen gesprochen, aber nicht rechtskräftig.

T. hat Revision beantragt. Mein Blick jedoch geht nach vorn.

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