"Männer würden ihre Tage feiern!" – Tabuthema Menstruation

Besuch von Tante Rosa? Erdbeerwochen? Periode? Egal wie wir es nennen – das Thema Menstruation ist irgendwie immer noch ein Tabu. Die Journalistin Heike Kleen fand das merkwürdig und begann zu recherchieren. Dabei herausgekommen ist "Das Tage-Buch", das nicht nur sehr informativ, sondern an vielen Stellen auch extrem amüsant ist. Wir haben die Autorin getroffen und mit ihr über merkwürdige Vorurteile, Luxussteuern und Menstruationstassen gesprochen.

von Tina Epking (Interview)

Barbara: Wie bist du darauf gekommen, ein Buch ausgerechnet über das Thema Menstruation zu schreiben?

Heike Kleen: Ich habe mit einer Freundin darüber gesprochen, welche Tabus es eigentlich noch gibt. Die Leute reden schließlich über ihre Darmtätigkeit, Intimfrisuren, Sterbehilfe und Sex im Alter. Meine Freundin ist mit einem Dänen verheiratet und sagte mir, dass in Dänemark und Schweden gerade alle über Menstruation reden. Und ich dachte nur, was es da wohl zu reden gibt, ich fand das ein bisschen eklig. Aber dann habe ich angefangen zu recherchieren und fand das Thema plötzlich sehr spannend. 

Warum ist das Thema Menstruation immer noch so ein Tabu?

Anscheinend ist das Blut, das zwischen den Beinen herauskommt, besonders problematisch: Operationen am offenen Herzen, Kopfwunden, Schürfwunden, alles kein Problem in der Öffentlichkeit. Beim Menstruationsblut ist das anders, und das ist schon seit Jahrtausenden so. Blut war immer mit Krankheit verbunden, lange wusste niemand, was genau los, warum Frauen überhaupt bluten. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts hat man herausgefunden, dass es Eizelle und Eisprung gibt. Vorher wusste man nichts über den weiblichen Unterleib. Man dachte, das Blut habe irgendwas mit der Erbsünde zu tun, die Menstruation sei eine Bestrafung. Die Frau galt als schadhafter Prototyp, sie war nicht wie der Mann, irgendwas stimmte nicht mit ihr, deswegen blutete sie. Diese Gefühl ist immer weiter transportiert worden. Bis heute verstecken wir, wenn wir unsere Tage haben.

Ja, viel, viel schlimmer. Ich habe eine Freundin, deren Vater Inder ist. Auch der indische Teil der Familie ist weltoffen und sehr gebildet, aber als sie auf einer Hochzeit in Indien war und ihre Cousine fragte, wo sie ihren Tampon wechseln könne, war die völlig entsetzt und sagte nur: „Erzähle keinem, dass du deine Tage hast, dann wirst du rausgeschmissen, die denken, du bringst einen Fluch über das Brautpaar!“ Auch in hinduistische Tempel darfst du nicht, wenn du deine Tage hast, denn das ist ein heiliger Ort. In Nepal werden die Frauen in den Dörfern teilweise in abgelegene Hütten geschickt, wenn sie ihre Menstruation haben. Weil sie Unglück bringen. Und das im Jahr 2017! Es gibt echten Aufklärungsbedarf, wir müssen mehr über dieses Thema reden!

Du hast für dein Buch einiges ausprobiert...

Ja, unter anderem die Menstruationstasse. Die finde ich auch richtig gut, obwohl ich mich erst fragte, wie das funktionieren soll. Dabei steckt man sie einfach rein, und man hat fünf oder sechs Stunden Ruhe. Faszinierend fand ich: Wenn man sie rausholt, ist das Blut ganz rein und riecht nicht, das ist anders als bei Tampons oder Binden. Und es ist wirklich überhaupt nicht eklig. Ich benutze nur noch die Tasse oder Biotampons.

"Frauen wird einfach immer die Arschkarte zugeschoben"

 

Hast du eigentlich die Cannabis-Tampons ausprobiert, über die du im Buch schreibst?

Nein, Cannabis-Tampons gibt es in Deutschland leider nicht, deswegen habe ich sie nicht ausprobiert. Das sind auch eigentlich keine Tampons, sondern Zäpchen, die schmerzlindernd wirken. Die kann man nur in Kalifornien kaufen. Ich habe versucht sie zu bestellen, aber das war nicht möglich. 

Schade. Was fandest du noch gut?

Ich habe Menstruationsunterhosen aus den USA getestet, die das Blut aufnehmen sollen und tatsächlich gut funktionieren. Aber man muss unterwegs dann immer die Unterhose wechseln, das finde ich nicht sehr praktisch. 

Hat die Recherche für das Buch dich verändert?

Ja, ich bin viel offener geworden, viel feministischer und viel wütender darüber, wie Frauen seit Jahrtausenden behandelt werden, weil sie einmal im Monat bluten. Dabei ist das etwas Positives, es hat etwas mit Fortpflanzung zu tun, ohne Menstruation könnten wir nicht schwanger werden. Frauen sind wie Hexen behandelt worden, nur weil sie ihre Tage haben. Sie durften nicht in Kirchen, wurden ausgeschlossen, es hieß, der Wein würde sauer, Bienen würden sterben, Blumen welk werden, wenn eine menstruierende Frau in der Nähe ist. Später dachte man sich noch eine medizinische Erklärung aus, das Menotoxin...

Was genau ist das?

In den 20er Jahren hat ein Wiener Arzt die These aufgestellt, dass menstruierende Frauen ein Gift absondern würden, das Menotoxin. Diese These wurde in den 50ern widerlegt. Trotzdem hat man noch in den 70er und 80er Jahren überlegt, ob Frauen in Röntgenpraxen und Fotolabore dürfen, wenn sie ihre Tage haben, weil die Bilder sonst schlechter würden. Frauen wird einfach immer die Arschkarte zugeschoben – oder sollten wir Vaginakarte sagen? Die Kosten haben mich auch wütend gemacht...

"Free Bleeding finde ich nicht sehr lecker"

Welche Kosten?

Dass wir die Menstruation haben, ist wahnsinnig teuer. Tampons, Binden, Bettwäsche, Schokolade, Schmerztabletten – das muss man ja alles einrechnen. Frauen verdienen sowieso 16 Prozent weniger im Durchschnitt, die Menstruation kostet sie laut einer Berechnung der Huffington Post fast 20.000 Dollar im Leben. Das ist doch wahnsinnig ungerecht. Dazu kommt, dass auf Tampons und Binden eine Luxussteuer von 19 Prozent erhoben wird. Dagegen gelten Schildkrötenfleisch, Blumen, Hundekekse und sogar Maulesel als Bedarfsgegenstände und werden nur mit 7 Prozent besteuert. Das ist doch schwachsinnig und ungerecht und muss geändert werden, Hygieneartikel sind keine Luxusgegenstände! 

Glaubst du Männer würden anders mit dem Thema Menstruation umgehen, wenn sie ihre Tage hätten?

Auf jeden Fall. Die würden sich richtig feiern, wenn sie ihre Tage hätten. Sich gegenseitig erzählen, wie viel sie bluten und dass sie nur die größten Tampons benutzen. Die wären wahrscheinlich stolz, weil sie so viel durchgemacht haben. Wir dagegen verstecken uns und schämen uns dafür. Warum eigentlich? Wir könnten von den Männern noch viel lernen – zumindest was den Umgang mit dem eigenen Körper betrifft. Und wir sollten unseren Töchtern beibringen, dass es ganz natürlich ist, dass sie ihre Tage bekommen. Wir sollten mit unserem eigenen Körper viel entspannter umgehen und uns endlich mal wertschätzen. 

Apropos Entspannung. Was sagst du zum Thema "Free Bleeding"?

Das kann man machen, ich persönlich mag es nicht. Es einfach laufen zu lassen, finde ich nicht sehr lecker. Die Idee dahinter ist ja, dass mein Körper mir sagt, wann er blutet und ich dann zur Toilette gehe. Allerdings funktioniert das bei mir nicht: Meine Gebärmutter spricht leider nicht mit mir.

Heike Kleen hat Germanistik und Politikwissenschaften studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin und TV-Autorin für Talkshows in ARD, ZDF und NDR. Als Medientrainerin coacht sie Autoren, Moderatoren und andere Journalisten vor Fernsehauftritten. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in der Nähe von Hamburg.

"Das Tage-Buch – alles über ein unterschätztes Phänomen" ist im November im Heyne Verlag erschienen und kostet 14,99 Euro. 

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Besuch von Tante Rosa? Erdbeerwochen? Periode? Egal wie wir es nennen – das Thema Menstruation ist irgendwie immer noch ein Tabu. Die Journalistin Heike Kleen fand das merkwürdig und begann zu recherchieren. Dabei herausgekommen ist "Das Tage-Buch", das nicht nur sehr informativ, sondern an vielen Stellen auch extrem amüsant ist. Wir haben die Autorin getroffen und mit ihr über merkwürdige Vorurteile, Luxussteuern und Menstruationstassen gesprochen.

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