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"Mein Mann geht ständig fremd. Ich bleibe trotzdem bei ihm"

Mein Mann geht ständig fremd
© Getty Images
Ein Ehemann betrügt seine Ehefrau – über mehrere Jahrzehnte. Und was macht sie?
Nichts. Sie beschließt, seine Affären zu ignorieren. Erst jetzt, mit Mitte fünfzig, ist er scheinbar treu. Und noch immer an ihrer Seite. Ein halbes Leben lang Liebeskummer: War es das wert?
von Joan McFadden (Protokoll)

Wir sind immer noch zusammen. Nach 35 Jahren. Und das, obwohl mich mein Mann die ganze Zeit über betrogen hat. Ihn verlassen? Darüber habe ich nie nachgedacht. Kennengelernt hatten wir uns an der Uni. Noch heute hat er alles, worauf Frauen stehen: Er ist groß, gut aussehend, klug und witzig. Es gibt kaum eine, die ihm widerstehen kann. Ich habe zugesehen, wie Matt ein Herz nach dem anderen brach und den Frauen davor noch sagte: „Ich lasse mich nicht zähmen, ich bin ein Mistkerl.“ Aber alle ignorierten die Warnung und wollten ihn trotzdem.

Ich möchte nicht entschuldigen, was er getan hat – denn er hat mich extrem verletzt. Trotzdem habe ich mir versucht zu erklären, dass er so geworden ist, weil er schon im Alter von acht Jahren auf ein Internat geschickt wurde. Er wusste also schon sehr jung, dass er die einzige Person ist, auf die er zählen kann. Vielleicht wollte er sich deshalb nie endgültig festlegen.

Am Anfang spielte ich die Unnahbare, tat gelassen. Das war etwas, das er nicht gewohnt war. Schließlich ging ich doch mit ihm essen und ließ mich auf sein altmodisches Balzverhalten ein. Die ganze Zeit über musste ich sehr stark sein, nicht mit ihm ins Bett zu gehen. Wir verlobten uns an meinem 22. Geburtstag, und ich schaffte es, ihn so lange von mir fernzuhalten, bis unser Hochzeitstermin feststand.

Als ich drei Jahre später mit unserem ältesten Sohn Tom schwanger war, dachte ich, meinen Mann gezähmt zu haben. Er arbeitete und verdiente viel, und wir liebten es beide auszugehen. Ich hatte meinen Beruf als Lehrerin für die Kinder aufgegeben, denn: Kurz nach Tom folgte Simon. Geplant war das nicht. Doch obwohl der Alltag mit zwei kleinen Kindern sehr viel anstren- gender wurde, war ich stolz, dass ich es schnell schaffte, fit zu werden, gut auszusehen – und allzeit bereit zu sein, mit Matt ins Bett zu hüpfen, wenn die Babys schliefen. 

„Dann kam der Tag, an dem Simon getauft wurde“

Nach Simons Taufe ließ ich die Gäste kurz am Essenstisch allein und ging rauf ins Kinderzimmer, um den Kleinen umzuziehen. Als ich die Tür aufmachte, erwischte ich Matt mit Chloe, meiner besten Freundin aus Schulzeiten. Sie hatten Sex auf dem Bettvorleger und waren so beschäftigt, dass sie mich nicht hörten. Ich schloss eilig die Tür und schlich auf Zehenspitzen ins Schlafzimmer. Nach fünf Minuten tauchte Matt auf, total aufgedreht. Er schnappte sich Simon, tanzte mit ihm durchs Zimmer, machte Faxen. Ich ignorierte ihn. Als wir zusammen ins Wohnzimmer gingen, saß Chloe auf dem Schoß ihres Verlobten und sah uns nicht einmal an.

Simon ging es nicht gut, und so saß ich die Nacht über bei ihm, während ich die ganze Geschichte in meinem Kopf wieder und wieder durchging. Ich war so voller Wut, dass mir ganz schlecht war. Am liebsten hätte ich Matt aus dem Bett gezogen und ihn angeschrien. Doch ich wusste: Dann gibt es kein Zurück. Selbst wenn wir uns nicht trennen, hätte es einen schlimmen Streit gegeben, und das glückliche Leben, das wir bisher führten, wäre vielleicht auseinandergebrochen. Ich hatte keine Ahnung, wie lang das schon zwischen den beiden lief, aber am Morgen danach war ich mir sicher: Ich werde mich nicht trennen, möchte aber von jetzt an über alles Bescheid wissen.

Chloe würde bald Geschichte sein, da war ich mir sicher. Trotzdem dachte ich nun ständig darüber nach, wer wohl seine nächste Eroberung sein würde. Und: Ich war überzeugt davon, dass er mich nie verlassen würde, wenn ich nur über seine Affären schwieg. Er liebte mich, die Jungs und unseren Lifestyle. Außer- dem wollte er seinen guten Ruf nicht verlieren – keine Chance also, dass er das alles für eine flüchtige Affäre aufgeben würde.

Doch für mich war es nicht einfach, immer in Alarmbereitschaft zu sein. 

„Da war immer die Angst, er würde sich verlieben“

Ich erinnere mich zum Beispiel an ein Event, bei dem sich Matt mit einer Frau unterhielt – die etwa im siebten Monat schwanger war. Ich entspannte mich, weil ich dachte, die würde er ja sicher nicht anmachen. Doch dann sah ich, wie seine Hand unter ihre Bluse wanderte, den Rücken entlang und dann zu ihren Brüsten. Sie strahlte ihn an, während ich schockiert dastand und mich fragte, ob das Baby in ihrem Bauch vielleicht von ihm ist.

Als unsere Tochter Laura geboren wurde, war mir Matt scheinbar monatelang treu, weil er einfach so vernarrt in das Baby war. Aber so sollte es nicht bleiben. Ein Jahr später fing jeder an, Handys zu benutzen, was die Situation für mich unerträglich machte.

Ich kontrollierte das Handy meines Mannes permanent, und obwohl seine Texte immer ziemlich knapp formuliert waren, schickten die Frauen ihm fast pornografische Nachrichten. Phasen der Untreue wechselten sich mit ruhigen Phasen ab, in denen ich das Gefühl hatte, dass er gerade keine anderen Frauen trifft. Das reichte mir als Bestätigung aus. Ich wusste: Ich tue das Richtige.

Die Kinder klebten an ihrem Vater, und ich wollte nicht, dass sie ihr Zuhause verlieren – und sich unsere finanzielle Situation verschlechtert. Ich liebte ihn noch immer und sträubte mich dagegen, eine andere Frau gewinnen zu lassen. Aber mehr noch: Ich war überzeugt, wenn ich nur lange genug an ihm festhalte, wird sich seine Libido schon „runterkühlen“. Und ich werde ihm eines Tages genügen.

„Dann kamen wir an einen Punkt, der für mich gefährlich wurde“

Natürlich war es hart für mich, Freundinnen fallen zu lassen, bei denen ich wusste, dass Matt mit ihnen schlief. Aber ich konnte es nicht ertragen, sie auf Partys zusammen herumhängen zu sehen. Eine Freundin versuchte mich sogar zu warnen, aber ich wies sie in die Schranken. Denn dann hätte sie erwartet, dass ich aus ihren Worten Konsequenzen ziehe.

Der Gedanke, bemitleidet zu werden, war das Schlimmste. Also wurde ich zur Expertin darin, einach alles weg zulächeln – besonders bei gesellschaftlichen Anlässen, wo ich mich mit Frauen unterhielt, von denen ich wusste, dass sie etwas mit meinem Mann haben. Und ich legte immer Wert darauf, schlank und elegant auszusehen und so zu wirken, als hätte ich alles im Griff.

Unsere jüngste Tochter Emma war zwei Jahre alt, als wir an einem gefährlichen Punkt ankamen. Matt hatte gerade etwas mit einer neuen Frau angefangen und aus seinen SMS und E-Mails, die ich weiterhin heimlich las, erkannte ich, dass etwas anders war als sonst. Diese Frau forderte mehr als die anderen, und es sah so aus, als ob mich Matt dieses Mal verlassen würde. Also hörte ich einfach auf, meinen Pflichten nachzugehen.

Ich ließ alles stehen und liegen, redete nicht, schlief nicht, aß nicht, wusch mich nicht, passte nicht auf die Kinder auf. Nach einer Woche ging er mit mir zum Arzt, weil das Familienleben komplett zum Stillstand gekommen war. Ich weiß nicht, ob ich tatsächlich einen Zusammenbruch hatte oder nur einen inszenierte – um ehrlich zu sein.

Ich wusste nur, dass die ganze Anstrengung nicht umsonst gewesen sein sollte. Die Kinder mit Matt allein zu lassen, während ich im Krankenhaus war? Das war es mir wert.

Sechs Wochen lang musste er die Dinge ohne mich auf die Reihe bekommen. Das half. Ich war mir sicher, dass die Sache mit der anderen Frau vorbei war. Kontrollieren konnte ich es nicht: Für Handy und Computer benutzte er jetzt Passwörter.

Wahrscheinlich nahm er an, dass ich neugierig war. Doch er sagte nie etwas. Einmal fragte ich ihn nach etwas zu viel Wein, ob er jemals darüber nachgedacht hatte, mich zu betrügen. Er reagierte schockiert, fast bestürzt. Und mir wurde klar: Hätte ich ihn unter Druck gesetzt, wäre unsere Ehe zerbrochen. Es war die richtige Entscheidung.

Ich glaube, er hat aufgehört, andere Frauen zu treffen, als wir beide 50 wurden und unser erstes Enkelkind unterwegs war. Das war vor fünf Jahren. Jetzt ist das zweite Enkelkind auf dem Weg, und Matt und ich unternehmen viel gemeinsam. Er arbeitet immer noch lange, aber wir kochen zusammen, machen einen Italienischkurs, gehen mit dem Hund raus und verbringen Zeit mit der Familie.

Jetzt ist unsere Zeit gekommen. Und das ist meine Belohnung dafür, dass ich so lange geduldig an der Beziehung festgehalten habe. Und ja, es gibt Momente, da sehe ich ihn an und bin so wütend, dass ich schreien könnte. Aber es war meine eigene Entscheidung. Ich habe jede Frau überdauert, die dumm genug war zu glauben, dass ihre Affäre mit meinem Mann zu etwas führen wird. Am Ende war es das alles wert.


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