„Nicht vor dem ersten Kaffee!“ – Alltagssüchte, die niemand ernst nimmt

 "Ich bin süchtig!" – Damit assoziieren viele in der Regel nur Therapiezirkel für harte Drogen, Alkohol oder Sex. Kleine Alltagsdrogen, so wie der Kaffee am Morgen, Vitamin-Brausetabletten oder zwei Aspirin on the Rocks werden nach wie vor belächelt. Süchtig sind wir trotzdem, wir wollen es nur nicht wahrhaben.

von Tim Schramm

Susi fläzt sich auf den Bürostuhl und reißt beinahe schon manisch die Plastikverpackung von ihrem Schoko-Riegel. Mit einem Schmatzer und einem Seufzer lehnt sie sich zurück und entspannt langsam: "Diese Dinger...das sind Lebensretter!" findet sie. Lebensretter also – Lichtblicke im Alltag von Susi, 48, Projektmanagerin.

Was Susi als kleine, alltäglich Schwäche sieht, sehen andere als Anzeichen einer Sucht – und die kommt in ganz unterschiedlichen Gewändern. So schafft es Katharina, 27, Assistenzärztin, nicht ohne Koffeintabletten durch die Nachtschicht im Spital. Und Markus, 36, öffnet die Tür seines Blumenladens erst nach einer Omega-3-Kapsel und einem doppelten Espresso – sonst sei er "unausstehlich". Sagt er das in die Runde seiner Freunde, lachen die nur. Es ist ja nur Kaffee.

Die vielen Gesichter der Sucht

Was wie ein Ritual daher kommt, äussert sich oftmals erst beim Weglassen als Sucht, ja, als Abhängigkeit: Wie bei den stofflichen Drogen kommt ein gutes Gefühl mit dem Übermaß – und dieses gute Gefühl versucht man immer wieder herzustellen. Genau: Hierzu gehört auch die beruhigende Wirkung des ersten Kaffees am Morgen oder den psychosomatischen Fitness-Boost der Vitamin-Brause.

Das Ganze hängt mit einem Glücksgefühl zusammen, das durch den Genuss von Susis Schoko-Riegel ausgelöst wird – oder eher mit Hormonen wie Dopamin, die Susis Gehirn fluten und als "Glück" wahrgenommen werden. Oder eben als "Lebensretter". In der Wissenschaft gelten diese Zyklen als Belohungsmechanismen. Ist ja schön und recht – bis sie Überhand gewinnen und man ohne diese Stimulation nicht mehr normal funktioniert, behiehungsweise braucht man immer mehr, um dieses Gefühl zu erreichen.

Coffeinismus, Zuckersucht und Co.

Eine Sucht äussert sich meist erst dezent. So beginnt es beispielsweise, dass man anfangs die Substanz nur gering vermisst. Zuckersucht ist dabei eine der häufigsten und gleichzeitig unbewusstesten Alltags-Süchte: Das Dessert in der Kantine wird zur Regel, bis man irgendwann an nichts mehr anderes denken kann, als an Süßigkeiten. Das Gleiche gilt für Kaffee: Coffeinismus bedeutet die Abhängigkeit von Koffein. Bleibt dieser aus, fühlt man sich erschöpft, hat Kopfschmerzen und ist müde – kommt euch bekannt vor?

Sucht muss übrigens nicht immer zu einer körperlichen Befriedigung führen, sondern kann auch rein psychisch sein. So führt Markus' Omega-3-Kapsel dazu, dass er augenblicklich das Gefühl hat, er habe seiner Gesundheit etwas gutes getan – und dabei werden die gleichen Glückshormone ausgeschüttet, wie bei anderen Süchten. Also – die BARBARA-Gesundheits-Taskforce rät: Wer es nicht ohne bestimmte Substanzen durch den Tag schafft – seien das Gummibärchen, Konfetti-Kanonen oder farbige Socken – sollte sich mal überlegen, was dahinter steckt.