"Nur MAMA!" Wenn Väter sich selbst zum Nebendarsteller degradieren

Dass Kinder im ersten Lebensjahr etwas enger mit Mama sind als mit Papa, ist einfach erklärbar. Aber während einige Papas danach zu wahren Helden mutieren, bekommen andere nicht mehr als eine kalte Schulter. Oft sind sie selbst schuld, findet unsere Autorin.

von Miriam Kühnel

Achtung, dies ist ausdrücklich kein Text über ALLE Väter, ALLE Mütter und ALLE Kinder. Ich weiß, dass es so viele Geschichten und Lebenskonzepte wie Menschen gibt. Aber die große Beweihräucherung der sogenannten neuen Vätergeneration geht mir ein bisschen auf den Keks. Denn auch wenn es glorreiche Einzelfälle gibt: In den meisten Familien ist das Wort Gleichberechtigung noch lange nicht angekommen. Was wir besingen, ist ein Anfang. Ein guter zwar, aber nur ein Anfang. Und das liegt nicht nur an den Vätern. 

Kleine Utopie: Morgens im Kindergarten unterhalten sich zwei abgehetzte Väter über ihre schlimme Nacht. Sie verabreden sich für den nächsten Samstag, damit die Kleinen miteinander spielen können. 

Warum das eine Utopie ist? Allein schon, weil ich fast noch nie zwei Väter gleichzeitig im Kindergarten gesehen habe. Obwohl mittlerweile die meisten Frauen wieder arbeiten gehen, sobald die Kleinen betreut sind, scheint das Bringen und Abholen in den meisten Familien noch immer fest in Frauenhänden zu liegen. Weiter geht es mit den Nächten. Hand aufs Herz: Wie viele Väter haben wirklich regelmäßig schlimme Nächte? Letztens erklärte mir ein Bekannter, die Kinder würden nachts halt immer nur nach Mama verlangen. Ich will nicht unfair sein, aber meine Kinder würden auch immer Cola trinken statt Wasser, wenn es nur darauf ankäme, was sie "verlangen". Die Führung sollte doch bei den Eltern liegen, oder nicht? Und dann die Spielverabredung... Zwei Väter mit Kleinkindern auf dem Spielplatz? Kein Bild, das sich mir in meiner Welt besonders häufig bietet. Und wenn doch, sind die Mütter nicht weit. Aber warum?

Die tollen neuen Väter

Es stimmt: Auch ich sehe, dass viele Väter heutzutage weit engagierter sind und sich mehr für den Nachwuchs interessieren als noch vor 30 Jahren. Sie gehen gemeinsam mit den Kindern ins Stadion, machen mit bei Familienausflügen, spielen und toben nach Feierabend und scheinen es zu genießen, wirklich teilzunehmen am Leben ihrer Kinder. Und ja, es gibt sie ganz sicher, die Väter, die sich WIRKLICH verantwortlich fühlen. In ganz vielen Familien lässt die väterliche Begeisterung aber ganz schnell nach, sobald es ungemütlich wird. Wenn es darum geht, dem Arbeitgeber zu erklären, warum man bei dem Workshop nicht bis 19 Uhr bleiben kann, weil die Kita um 18 Uhr schließt. Oder wenn ein Impftermin ansteht. Auch würde ich behaupten, die Mission "passendes Geschenk zum Kindergeburtstag von XY pünktlich besorgt und verpackt haben" gehört irgendwie noch immer in die Kategorie "Müttersache". Merken Kinder das? Ganz sicher! Liegt es nur daran, dass Männer meist mehr arbeiten als Mütter? Ganz sicher nicht nur.

Aufrechnen rächt sich

Ich glaube: Das Modell "Mutter in Teilzeit / Vater in Vollzeit" rächt sich auf Dauer in Form einer ungleichen Beziehung. Und das sage ich, obwohl ich es lebe und irgendwie auch liebe. Ehrlich gesagt möchte ich gar nicht mehr jeden Tag acht Stunden und länger im Büro sitzen, während meine Kinder woanders sind. Aber eigentlich müsste es anders sein. Eigentlich müsste jeder von uns 30 Stunden arbeiten und all der "Mental Load", den man im Familienmanagement so gratis mit dazu bekommt, den müssten wir gerecht aufteilen. Denn mit diesem Teilzeit-Vollzeit-Modell gerät man ganz schnell in eine Aufrechnungsfalle, die nur schiefgehen kann.

"Du könntest dich auch mal um ... kümmern..."

"Dafür arbeite ich jeden Tag acht Stunden!"

"Das würde ich auch gerne mal wieder!"

"Ich hätte auch gerne einen freien Nachmittag wie du."

"Frei? Hast du gerade frei gesagt??? Also der Kühlschrank füllt sich nicht von alleine und die Hemden bügeln sich nunmal auch nicht von selbst... Außerdem wurdest du schön befördert, während ich ..." Blabla...

Das große Problem an diesem Dialog? Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen, jeder wird seinen Frust darüber los, was ihm fehlt und was ihm über den Kopf wächst. Aber seien wir mal ganz ehrlich: Die größten Verlierer sind in diesem Teilzeit-Vollzeit-Modell die Väter. Weil ihnen etwas wirklich Wichtiges entgeht, nämlich: Alleinezeit mit den Kindern. Und die bräuchte es, um den Kleinen zu zeigen: Du kannst mir vertrauen. Ich wupp das. Zwar anders, aber genauso zuverlässig wie Mama. Im Idealfall sollten Väter und Mütter gleich viel arbeiten. Und wenn das nicht geht? Dann ist es noch lange keine Lösung, nur der Gute-Wetter-Daddy zu sein oder der Typ, dessen Gehilfe hinzueilt, sobald ein Gewitter aufzieht.

Väter, fordert euch Alleinezeit ein

Ich sehe ein, dass viele Mütter nicht gerade hilfreich sind, wenn es darum geht, loszulassen und den Partner machen zu lassen. Die weibliche Arroganz in Sachen Kindererziehung ist manchmal haarsträubend und da schließe ich mich explizit mit ein. Aber ich sag mal so: Das Wahlrecht haben wir Frauen uns auch selbst erkämpft. Also los Männer, fordert euren Freiraum mit den Kindern ein. Schickt uns zum Yoga, geht mit den Kindern zum Zahnarzt und zum Turnen, macht einen Vater-Kind-Kurztrip, haltet die Mütter eurer Kinder davon ab, sich einzumischen, wenn ihr mit den Kindern einen Konflikt austragt und traut euch Dinge zu, die man sich kaum alleine zutrauen kann. Denn DAS ist es, was Eltern-Kind-Beziehung braucht. DAS ist es, was Mütter tun. Ein Spielpapa ist nett, schon klar, aber wenn es hart auf hart kommt, brauchen Kinder einen Erwachsenen, von dem sie wissen, dass er einiges aushält. Ganz ohne Hilfe. Ohne Wenn und Aber.

Mütter, lasst die Männer ran!

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul empfiehlt in einem seiner Bücher, dass Mütter nach dem ersten Lebensjahr des Kindes eine Woche alleine in den Urlaub fahren sollten. Einfach, um den Männern die Chance zu geben, voll und ganz verantwortliche Väter zu werden. Dazu gehören natürlich auch Frauen, die loslassen können. Ich drücke die Daumen, dass vielen von uns das in Zukunft besser gelingt. Denn dann haben wir sie endlich wirklich: Die tollen neuen Väter. Solche, die im Idealfall vor der Kita über schlimme Nächte reden. Solche, die Elternvertreter werden und die die Freunde der Kinder gut kennen. Väter, die auch mal ein Gewitter aushalten. Schön-Wetter-Kinder gibt es nun mal nicht. Und in Familien wird kein Oskar für die beste Nebenrolle vergeben. Da sollte schon jeder eine Hauptrolle haben. Auch wenn es anstrengend ist.