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"Plötzlich war ich die, die der Chef immer anschrie" – Mobbing im Büro

"Plötzlich war ich die, die der Chef immer anschrie" – Mobbing im Büro
© Getty Images
Tanja dachte immer, sie könne nie ein Opfer von Mobbing werden. Doch dann bekam sie einen neuen Chef – und war auf einmal die, die immer alles falschmachte...
von Viola Kaiser (Protokoll)

Ich weiß bis heute nicht genau, wie es dazugekommen ist, dass ausgerechnet ich die Gemobbte wurde. Es war ein schleichender Prozess. Als Innenarchitektin ist man immer davon abhängig, dass den anderen gefällt, was man macht: Dem Chef – und natürlich dem Kunden. Mit meinem bisherigen Vorgesetzten war ich immer gut klargekommen, er schätzte meine Arbeit, wir mochten uns, es gab keine großen Probleme außer dem üblichen Stress, den alle im Büro hatten. Doch dann kündigte er.

Sein Nachfolger war nicht auf den ersten Blick unsympathisch. In den ersten zwei, drei Wochen dachte ich sogar, ich würde hervorragend mit ihm auskommen. Er war ganz witzig und auch freundlich allen gegenüber. Aber dann drehte sich von einem auf den anderen Tag der Wind. Es begann damit, dass er eine Idee von mir nicht gut fand und sie im Meeting als Beispiel dafür hinstellte, wie wir es nicht machen sollen. Ich war einen rauen Ton gewöhnt, der ist bei uns in der Branche nicht ungewöhnlich, aber am folgenden Tag passierte wieder etwas. 

Normalerweise begannen wir um 9.30 Uhr zu arbeiten. Niemand guckte auf die Uhr, wenn man mal etwas später kam, schließlich saßen wir abends auch oft lange am Schreibtisch. Als ich um 9.32 Uhr das Büro betrat, wartete er schon an meinem Tisch auf mich und schnauzte mich vor dem versammelten Großraumbüro an, warum ich eigentlich immer  die Letzte wäre. Ich war so überrascht, dass ich nicht viel antwortete.

Von da an ging es in einer Tour so weiter, ich bekam immer die schlimmsten Aufgaben, meine Arbeit wurde permanent als die aufgeführt, die schlampig, schlecht oder einfallslos war. Selbst wenn der Kunde Sachen super fand, hatte mein Chef etwas zu meckern und schrie mich an. "Du musst dich mal wehren, sagte einer meiner Kollegen, der mich schon zweimal in Meetings in Schutz genommen hatte. "Mich hat er am Anfang auch ein paarmal schräg von der Seite angemacht. Ich habe sofort zurückgeschossen. Der braucht Gegenwind, sonst macht er weiter". Aber irgendwie kam ich gar nicht dazu.

Ich hatte Angst. Und die ist nie ein guter Berater

Bei den ersten Angriffen war ich sprachlos, überrascht vom ungewohnt aggressiven Tonfall. Beim vierten oder fünften Mal, hatte ich versucht mich zu verteidigen. Beim achten oder neunten Mal war ich kurz davor zu heulen. Je schwächer und zurückhaltender ich wurde, desto mehr drosch er auf mich ein. Bei jeder Gelegenheit war ich die Dumme. Erst hatten einige der Kollegen noch zu mir gehalten, auch öffentlich. Als sie jedoch merkten, dass ich aufgegeben hatte, zogen sie sich zurück. "Tanja, das geht so nicht. Du musst wirklich etwas sagen. Dich beschweren – oder eben kündigen", sagte unsere Assistentin eines Tages zu mir. "Ich weiß", sagte ich nur, "ich weiß" und war vor allem damit beschäftigt, mich zusammenzureißen, damit niemand merkte, dass ich Tränen in den Augen hatte.

Aber ich war noch nicht so weit. Ich lag jetzt nachts oft stundenlang wach, weil ich Panik davor hatte, ins Büro zu gehen. Ich nahm fünf Kilo ab. Ich arbeitete noch mehr, noch länger, noch härter. Irgendwann würde er mich schon in Ruhe  lassen, weil ich meinen Job eben so gut machte, dass er aufhören würde, redete ich mir ein. Trotzdem bekam ich ständig Ärger. Mittlerweile machte er sogar Witze über meine Frisur oder meine Klamotten. Als ich einmal eine Woche Urlaub hatte, rief er mich ständig an und schrieb Mails wegen irgendwelcher Projekte. Alles musste sofort sein. Dabei sagte er nie "Danke" oder "Bitte". Höchstens "Das muss schneller gehen", "Das muss ganz anders sein" oder "Nicht, dass das wieder so ein Desaster wird wie beim letzten Projekt". Warum ich mir das alles gefallen ließ, weiß ich selber nicht mehr. Nur, dass ich dachte, ich sei nicht gut genug, meine Entwürfe schlecht, dass ich mir mehr Mühe geben müsste. 

Meinen Kollegen, mit denen ich immer sehr gut ausgekommen war, tat ich zwar offensichtlich leid, aber ich ging ihnen auch auf die Nerven, weil ich immer so unglücklich war. Auch mein Freund konnte das Ganze schließlich nicht mehr aushalten. "Entweder du änderst etwas oder ich geh da persönlich hin und sage diesem Arschloch Bescheid. Der spinnt doch total. Du bist nicht mehr wiederzukennen, Tanja. Du musst da weg – oder dich endlich wehren."

Aber es war zu spät, ich hatte auch nicht mehr die Kraft, auf den Tisch zu hauen. Acht Monate lang ging drehte ich mich in dieser Abwärtsspirale. Es wurde alles immer nur schlimmer. Selbst, wenn ich richtig gute Arbeit ablieferte, sagte er höchstens mal "Endlich mal was Brauchbares von dir, Tanja". Allerdings passierten mir auch öfter Fehler. Ich war übermüdet, überarbeitet und hatte Angst. Und die ist bekanntlich nie ein guter Berater. 

Gerettet hat mich schließlich das Jobangebot eines Freundes aus der Studienzeit. Er hatte sich selbstständig gemacht, sein Büro wuchs und wuchs – und er brauchte Leute. Sein Angebot gab mir endlich einen Grund, um zu kündigen und mich nicht weiter hinter meiner Furcht zu verstecken. 

Ich weiß jetzt, dass jeder das Opfer werden kann

Nachdem ich gekündigt hatte, ging es mir sofort besser. Ich konnte wieder schlafen, wieder essen, wieder befreiter arbeiten. Mein Chef ließ mich einigermaßen in Ruhe in den letzten Wochen. 

Meine Kollegen beglückwünschten mich überschwänglich, als ich ihnen meine Entscheidung mitteilte. "Das war auch nicht auszuhalten, wie Martin dich die ganze Zeit behandelt hat", sagte einer bei meinem Abschied. "Und wenn ihr noch jemandem im neuen Büro braucht, ruf mich an, ja? Ich finde seine Art wirklich zum Kotzen".  "Das mit uns beiden hat ja sowieso nicht besonders gut gepasst. Ich wünsche dir mehr Erfolg als hier", presste mein Chef nur zwischen zusammengebissenen Zähne hervor. 

Im neuen Büro war alles viel leichter, alle sehr nett und geduldig, so dass ich zu meiner alten Form zurückfand. Ich war in den ersten Tagen nervös und angespannt, doch als ich nach ein paar Wochen merkte, dass ich geschätzt wurde, mich niemand permanent kontrollierte und alle offensichtlich gut fanden, was ich ablieferte, begann ich mich zu entspannen. 

Heute ist mir nicht mehr klar, warum ich mir das alles gefallen lassen habe, ohne mich offiziell zu beschweren oder einfach mal zurückzuschlagen. Ich denke, dass ich mich anders verhalten würde, wenn ich noch mal in so eine Situation käme. Mittlerweile weiß ich ja, wie man in die Rolle des Opfers rutscht – und dass das wirklich jedem passieren kann. 


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