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"Schleim, der schmeckt" – mein Leben mit der Schnecke

"Schleim, der schmeckt" – mein Leben mit der Schnecke
© Getty Images
Rita Goller ist die Schneckenpäpstin von der Schwäbischen Alb. Sie züchtet Weinbergschnecken für die Edelgastronomie. Das klingt beschaulich, ist aber harte Arbeit – und offenbar gut fürs Gemüt
von Wiebke Brauer

Sie ist schnell. In ihrem kleinen roten Auto fährt Rita Goller durch das Dorf, runter am alten Rathaus vorbei, biegt ohne zu blinken ab, noch einmal, den Berg wieder hoch, dann bringt sie das Fahrzeug vor einer Scheune zum Stehen. Frau Goller steigt aus, die Autotür fällt zu. Mit einem Mal verlangsamt sich die Zeit, fast bis zum Stillstand. Blitzeblauer Himmel, ein leichter Wind bewegt in Zeitlupe die Blätter. Wie eine kitschige Postkarte sieht es in Rietheim bei Münsingen aus, ein bisschen überkoloriert, ein bisschen zu beschaulich. „Wenn Sie bei uns im Schneckengarten sind, hören Sie nichts. Vielleicht eine Schnecke, die am Salat knabbert“, sagt Frau Goller und strahlt. „Sich mal für eine Stunde an das Beet setzen und die beobachten, wenn sie in voller Fahrt sind – das beruhigt.“ Sie spricht es „Schneggen“ aus. Rein theoretisch hört man 20 000 Weinbergschnecken, die am Salat knabbern. So viele tummeln sich hier, auch wenn man die nicht sofort sieht. Die meisten haben sich im Schatten eines verwitterten Holzbalkens verkrochen, der in einem der vier Gehege liegt. Ein paar sind abgehauen und lungern auf den schmalen Wegen herum, andere hängen in den engmaschigen Netzen, welche die Parzellen einfrieden. „Die ganze Welt kommt hierher. Nur wegen der “, sagt Rita Goller. Mit der ganzen Welt meint sie die Gäste, für die sie Wanderungen organisiert und denen sie den Schneckengarten zeigt. Und ganz wahr ist es nicht, was sie sagt. Die Menschen kommen nicht nur, um Weichtiere in einem 3000 Quadratmeter großen Areal zu bestaunen, sie besuchen vor allem die Schwäbin selbst. Rita Goller wird „Schneckenpäpstin“ genannt, obwohl es sich nur um ein Hobby handelt, das sie und ihr Mann betreiben. Allerdings mit Passion. Auf den ersten Blick ist Rita Goller ein Kuriosum, eine Person, die sich mit schleimigen Gastropoden umgibt, sie hegt und pflegt und in mühevoller Kleinarbeit von Beet zu Beet setzt. Auf den zweiten Blick ist Rita Goller eine Frau, die aus dem Großen Lautertal stammt, heiratete, Kinder bekam – und dafür sorgte, dass die Albschnecke vor dem Aussterben bewahrt wird. Aber das würde sie erstens so nie formulieren, und zweitens ist das eine Geschichte, für die man Zeit braucht. Und dafür setzt man sich am besten in die Stube von Rita und Walter.

Alles, was man je an Schecken-Nippes erdachte, hat hier ein Zuhause gefunden

Auf dem Tisch in der Stube liegt eine gemangelte Decke, eine Geranie steht in einer kleinen Vase. An der Wand hängen ein Kruzifix und ein Bilderrahmen mit Babyfotos von den Enkelkindern. Auf dem moosgrünen Kachelofen steht eine Schnecke aus Ton. Eine aus Glas. Noch eine aus Ton. Leere Gehäuse. Alles, was man je an Nippes in Schneckenform erdachte, töpferte oder dengelte – hier hat es sein Zuhause gefunden. Frau Goller sitzt am Tisch, vor ihr liegt eine Schnecke. Eine lebende. Gerade schläft sie in ihrem Gehäuse, träumt vielleicht von Salatblättern. Das Viech ist nicht irgendeine hergelaufene Molluske, sondern eine Königsschnecke. Ihr spiegelverkehrtes Gehäuse ist eine seltene Laune der Natur, einem vierblättrigen Kleeblatt gleich. Sie wohnt hier im Haus, einen besonderen Namen hat sie allerdings nicht. „Ich nenne sie meine Große“, sagt Frau Goller und gluckst. Ihr Mann Walter stellt Mineralwasser auf den Tisch – eins mit mehr, eins mit weniger Kohlensäure, „,Rentnerwässerle‘ nennt man das hier“. Dass sie „mit Riesenschritten“ auf die 60 und er auf die 70 zugeht, sieht man nicht. Dass die beiden sich zusammen oft amüsieren, sieht man sofort. Frau Goller erzählt, dass sie aus einer Familie von Schneckenzüchtern stammt. 250 Jahre lang schipperten die Händler ihre Ware die Donau hinunter, verkauften die „Schwäbische Auster“ an Klöster, auf dem Marktplatz in Wien, sogar bis nach Paris wurde geliefert. Das Geschäft war lukrativ. Dann kam der Erste Weltkrieg, der Zweite. „Man hat damals den Soldaten, wenn sie im Winter heimkamen, die Deckelschnecken im Winterschlaf mitgegeben. machen schnell satt“, erzählt Frau Goller. Für einen Moment strahlt sie nicht. Nach dem Krieg schnitt Frau Gollers Vater den Männern aus dem Dorf die Haare. In der Küche. „Damals war ich ein junges Mädle. Mit halbem Ohr hab ich gehört, wie man immer über die Schneckenzucht geschwätzt hat.“

Das Geschäft mit den Weichtieren ist beinhart

Nach der Heirat und den Kindern tauchten die wieder auf. „Ich habe eine Ausbildung zur Kulturlandschaftsführerin gemacht und bekam die Aufgabe, eine neue Tour zu organisieren. Und da fielen mir die ein.“ Rita Goller stöbert die alten Lagerbücher ihrer Familie auf, liest im Internet. Sie legt einen Schneckengarten an, 15 Jahre ist das her. Sie und ihr Mann schlagen sich mit der Bürokratie und unzähligen Ämtern herum, andere Interessenten steigen ein, geben auf. Das Geschäft mit den Weichtieren ist beinhart. Frau Goller sagt: „Ich muss sie im Herbst ausgraben. Im Sommer zufüttern, die Nacktschnecken absammeln, die Kaputten heraussuchen, und dazu kommt die Pflege der Anlage.“ Sie macht eine kurze Pause und setzt hinzu: „Man muss sich im Zeitlupentempo bewegen.“ Warum? Blöde Frage. Wer sich schnell bewegt, zertritt aus Versehen eine.

Mehr Slow Food als Schnecke geht nicht

Rasch stoßen Gollers Albschnecken auf das Interesse der Gastronomen der Umgebung. Gourmetköche fragen an. Das Regionale ist im Trend, mehr Slow Food als Schnecke geht nicht. „Ich kann den Markt gar nicht abdecken“, erklärt die Schwäbin. Klar gibt es Zuchtschnecken aus Frankreich, aber die werden auf engstem Raum gemästet, ausgehungert und entschleimt. Rita Gollers werden im Winterschlaf geerntet, futtern Löwenzahn und Kerbel. „Das sind schon Genießer“, sagt sie und lächelt ihr rundes Lächeln. Im Übrigen kostet eine Schnecke „a Fuffzigerle“. Mit 50 Cent pro Stück wird man nicht reich. Man muss die kleinen Schleimer auch gernhaben.

Wie gern man die haben kann, merkt man in dem Moment, in dem Frau Goller ihre „Große“ in die Hand nimmt und zu streicheln beginnt. „Die ist jetzt in der Ruhephase, die muss man kitzeln, damit sie rauskommt.“ Ihr Zeigefinger fährt vorsichtig über den eingefahrenen Schneckenleib, immer hin und her. Er bewegt sich etwas. „Jetzt denkt sie nach. ,Ist das jetzt, was ich wirklich mag?‘“ Das Lächeln wird breit, sie streichelt weiter. „Und dann überlegt sie sich das. Mit der Zeit wird sie ganz weich – und dann verzieht sie ein bisschen das Gesicht.“ Frau Gollers Gesicht verzieht sich mit. „Mit der könne Sie jetzt mache, was Sie wolle.“

Stundenlanges Schneckensliebesspiel

Wie man eine Schnecke um den Finger wickelt, hat sich Frau Goller selbst beigebracht. Genauso wie das Wissen, dass man die Weinbergschnecken jahrzehntelang zu einem falschen Zeitpunkt sammelte. Früher hat man sie geerntet, bevor sie geschlechtsreif wurden. brauchen drei Jahre, bis sie das erste Mal Eier legen, rasant geht anders. „Ein Großteil der ist mit Sicherheit so ausgerottet worden“, erklärt die Züchterin. Um die Spezies vor dem Aussterben zu schützen, ist das Sammeln in der Natur seit 2005 verboten. Vermutlich auch wegen Frau Gollers Einsatz. In jedem Fall bewundert sie die . Vielleicht liegt das an den Gemeinsamkeiten, am schwäbischen Gemüt. Das Häuslebauen, das Gesellige und Besinnliche, das stundenlange Liebesspiel. „Ganz ohne Zigarette und ohne Kaffee dazwischen“, wirft Herr Goller beim Thema Fortpflanzung ein. sind Zwitter, da nimmt man eben den Nächstbesten. Das finden die Gollers sehr praktisch.

Über die Frage, ob die sie zu einem glücklicheren Menschen gemacht haben, muss Rita Goller nicht lange nachdenken. „Ich hab mich schon a bissle verändert. Ich bin wesentlich ruhiger, ich war aufgeregter früher. Ein kleines Kaschperle. Obwohl, ein bisschen bin ich das immer noch.“ Und dann lacht sie wieder. Wahrscheinlich verzieht auch die Große an ihrem Finger ein bisschen ihr Schneckengesicht. Wenn man sich ein bisschen Zeit nimmt und genau hinschaut.


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