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"Shame Attack" – mit Absicht voll daneben!

"Shame Attack" –  mit Absicht voll daneben!
© Getty Images
Stell dir eine Situation vor, in der du dich über das normale Maß hinaus schämen würdest. Und dann begebe dich genau in diese Situation. Warum? Weil es hilft, die Angst zu überwinden.
von Diana Huth

Die sogenannte Reizkonfrontation ist mittlerweile ein gängiger Begriff und eine etablierte Methode zur Überwindung von Ängsten. Dabei soll man sich seiner Angst aussetzen, um sie zu überwinden. Wer Angst vor Spinnen hat, lässt sich eine über den Arm laufen. Wer Höhen meidet, steigt auf einen Berg. Dann werde es besser. 

„Augen zu und durch“

Diese Devise kannten schon unsere Eltern. Einfach mal die Zähne zusammenbeißen. Doch funktioniert das wirklich? Macht es die Angst im Zweifel nicht sogar noch größer? JA! Das kann zumindest passieren. Reizkonfrontationen funktionieren nicht immer so, wie sie sollen. Wenn die Messlatte zu hoch angesetzt ist, kann man es nicht drüber schaffen. Ist ja logisch.

Du bestimmst, wie weit du gehst

Psychologen sagen, dass ein mittlerer Schwierigkeitsgrad optimal ist. Der ist natürlich für jeden Menschen anders definiert. Also selbst bestimmen, aber nicht schummeln! Vielleicht erstmal eine Leiter erklimmen, bevor der regionale Fernsehturm bestiegen wird. Nicht, dass die Feuerwehr dich aus der Schockstarre retten muss. Unterstützung ist immer gut, ob von Psychologen, Freunden oder der Familie ist egal – hauptsache die Unterstützung ist förderlich und nicht zusätzlich herausfordernd. Ängste runterspielen bringt keinem was.

 

„Raus aus der Komfortzone“

Ok, wer kann diesen Satz eigentlich noch hören? Alle tun immer so experimentierfreudig und machen dann doch nicht groß was Anderes. Eine Bekannte erzählte mir neulich, dass sie an einem Teambuilding Wochenende teilgenommen hat und es sehr bereichernd fand. Die Bekannte und ihre Kollegen hatten die Aufgabe, etwas zu tun, was man von ihnen nicht erwarten werde. Um es einzugrenzen ging es um Verhaltensweisen im Restaurant. Die Folge: einige zogen sich einfach die Schuhe aus, andere machten auf ihren Handys laut Musik an und wieder andere nahmen einfach ganze Schüsseln vom Buffet um damit draussen zu picknicken. Einfach mal die Tischordnung boykottieren. Die Kellner schauten nicht schlecht, reagierten freundlich und ziemlich souverän. Zum Beispiel fragten sie, ob sie die Musik nicht für alle abspielen könnten, nahmen eines der Handys und steckten es an die Restaurant-Soundanlage – mit sehr gedämpfter Lautstärke, versteht sich.

Erwartungserwartung: Ich denke, dass du denkst, dass ich...

Bitte was? Na das kennen wir doch alle. Wir denken oft, dass andere etwas Bestimmtes über uns oder unser Verhalten denken könnten, es bewerten – gar verurteilen – würden. Erwarten, dass der Chef uns unorganisiert findet, wenn wir zu spät kommen. Oder die Tochter uns altmodisch, wenn wir Klamotten von früher tragen. Oder der Mann uns unsexy, wenn wir uns nicht rasieren. Im Beispiel meiner Bekannten war es so, dass die Teilnehmer erwarteten, dass sie zum Beispiel aus dem Restaurant geschmissen werden, wenn sie sich unschicklich verhalten indem sie laut Musik hörten oder Schüsseln vom Buffet entfernten. Das passierte aber nicht. Das Personal blieb professionell.

Meistens verurteilen uns andere viel weniger als wir denken

In der Verhaltenstherapie wird die Übung meiner Bekannten noch weiter auf die Spitze getrieben. Menschen mit sozialen Ängsten müssen dann eine sogenannte „Shame Attack“ durchlaufen: Sie müssen sich bewusst ihrem Schamgefühl aussetzen. Hat man die Sorge, dass man ekelige Schweißflecken unter den Achseln bekommen könnte und sich andere darüber lustig machen oder sich ekeln wurde, muss man sich zum Beispiel mit Wasserflecken unter den Armen in eine Bahn setzen. Andere singen einfach in einem Warenhaus. Meistens passiert gar nichts. Manchmal gibt es sogar nette und verständnisvolle Reaktionen nach dem Motto „Das passiert uns ja allen mal“. Natürlich kommt es ab und an auch zu den befürchteten Reaktionen. Auch das gehört dazu. Dann gilt es damit umzugehen. Wir sind, wer wir sind, mit allem drum und dran. 

 

Und die Moral von der G'schicht

Andere finden uns viel weniger schlimm als wir denken. Und wenn doch, dann versuch mal drüberzustehen.


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