"Sie" ist in Ordnung! Warum duzen die mich alle?

Immer mehr Erwachsene gehen pauschal zum Du über. Sie an!, denkt unsere Autorin und sorgt mit ihrer ausgeprägten Höflichkeitsform für Abstand. 

von Karina Lübke

Letztens war ich bei Ikea, es ging um eine Reklamation. Das kaum volljährige Berufsschwedenmädel im Kundenservice duzte mich familiär: "Ich verstehe dich, aber da kann ich dir echt nicht helfen." Ich wollte aber keinen Familienanschluss, sondern eine Problemlösung, und siezte die Sache knallhart durch. Hej, untereinander könnt ihr euch durch alle Hierarchiestufen duzen, aber ich fühle mich dadurch nicht skandinavischer, lässiger oder vertrauter, sondern einfach nur weniger respektiert. Trotz "Family Card" möchte ich als Kundin lieber Königin statt Kumpel sein. So geht es mir auch auf der Straße, wenn mir Aktivisten auf Spendenakquise den Weg verstellen: "Hallo du! Ja, du! Du siehst total aus, als ob du Tiere magst!" Das spricht mich nicht an, obwohl wir inhaltlich sogar eine Ebene hätten.

Eine Armlänge Abstand durch Siezen 

Was das Sie betrifft, bin ich halt nicht besonders you-gendlich. Mag sein, dass sich andere Frauen in meinem Mittelalter dadurch geschmeichelt fühlen – als würde man per Du gesprächsweise zehn Jahre jünger wirken! Nein, Leute, da könnt ihr euch und euresgleichen noch so hartnäckig als "Mädels" bezeichnen: Solch verbales Lifting ist niedlich, aber gerade für Frauen nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen. Ehe man sich versiezt, wird man zum Kaffeeholen geschickt – vom Mädel zum Mädchen für alles ist es nur ein kleiner Rückschritt.

Wahrscheinlich bin ich bei dem Thema empfindlich, weil ich die ersten 30 Lebensjahre immer viel jünger aussah und von Fremden und Vorgesetzten ungefragt geduzt wurde. Oft waren die Verhältnisse nicht so eindeutig, dass ich selbstverständlich zurückduzen mochte. Vorab ein "Wir duzen uns, oder?" hätte einiges geklärt. Übrigens ist das für mich heute noch ein Angebot, das man auch ablehnen kann. Duzen ohne Einverständnis ist immer eine Machtdemonstration; wen man duzt, den muss man nicht fürchten. Erfahrungsgemäß geht per Du schnell auch der Anstand perdu. Das formelle Sie hingegen hält eine Armlänge Abstand zwischen Personen, die sich nicht nahestehen, sondern nur den gleichen, übervölkerten Lebensraum teilen müssen. Nicht umsonst rät die Polizei, bei einer Attacke den Angreifer nie zu duzen, damit potenzielle Helfer nicht denken, es könnte sich um eine private Rangelei handeln.

Das Aussterben der Sie-Form 

Leider stirbt das Sie rapide weiter aus, in Berlin ist es längst einzelfällig. Natürlich ist das Internet mit schuld: Auf Facebook und Instagram wird prinzipiell geduzt. Der Soziologe Ronny Jahn von der Berliner International Psychoanalytic University sagt: "Allgemein ist eine Tendenz zur Entgrenzung festzustellen. Privates und Geschäftliches vermischen sich zunehmend." Clevere Strategie: Wenn ein Konzern wie ein Freund auftritt, verzeiht man ihm die Macken seiner Produkte eher. Der Handel behandelt seine Kunden schlecht, aber nennt sie dafür beim Vornamen. Cool, du!

Gestern hatte ich einen Behördentermin. Es wurde eine überraschend schöne Erfahrung, denn da war ich Frau Lübke und wurde amtlich gesiezt.

KARINA LÜBKE sitzt und siezt in Hamburg. Seit diesem Text fragen wir uns, ob sie uns je das Du angeboten hat

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