"Viele Eltern halten ihr Kind für hochbegabt, obwohl es das nicht ist" – Eine Lehrerin berichtet

Dorothea Hübner* ist 38, Grundschullehrerin in Berlin und unterrichtet eine zweite  Klasse. Sie liebt ihren Beruf, allerdings findet sie manches daran auch extrem anstrengend – vor allem die Erziehungsberechtigten. 

von Tina Epking (Protokoll)

Am anstrengendsten sind nicht die Kinder, die Arbeit mit ihnen macht mir Spaß. Sie sind das, was mich an meinem Beruf erfüllt. Nervig an meinem Job ist das Drumherum: Ich habe ja auch einen Chef, ein Kollegium, vor allem aber habe ich die Eltern – und alle wollen immer etwas von einem!  Ich muss mit allen klarkommen, ich muss funktionieren, darf mir keine Fehler erlauben. Sonst wird es wirklich anstrengend. Dabei stellt sich die Frage, ob man in meinem Job alles richtig machen kann. Ich habe jeden Tag 23 unterschiedliche Kinder vor mir sitzen, die alle verschiedene Bedürfnisse, Hintergründe und  Fähigkeiten haben. Ich habe keine Zeit auf jedes einzelne Kind einzugehen, ich als einzelne Person kann das gar nicht abdecken. Das Spektrum an Können ist schon in der ersten Klasse breit: Einer kann schon perfekt Harry Potter lesen, wenn er in die Schule kommt, der nächste hört nicht, dass am Anfang vom Wort "Apfel" ein "A" steht. 

Als Lehrer ist man oft der Feind

Viele Eltern halten ihr Kind  nicht nur für begabt, sondern sogar für hochbegabt, obwohl es das gar nicht ist. Natürlich gibt es auch diese "echten" hochbegabten Kinder, allerdings werden viele dazu gemacht. Teilweise lassen die Eltern bei ihren Kindern bereits vor Schuleintritt den IQ testen. Dann wird mir auf dem ersten Elternabend schon gesagt, dass XY hochbegabt in Mathe ist und auf jeden Fall Extraaufgaben braucht, weil er sich sonst langweilt. Wenn es dann irgendwann Probleme gibt, weil das Kind stört, ist es meine Verantwortung. Als Lehrer ist man oft der Feind, die Eltern bilden eine Front gegen die Lehrperson, besonders an Elternabenden. Es sind wenige, die sich wohlwollend äußern, einen anlächeln oder einem wohlgesonnen sind. 

Manche Kollegen nehmen vor dem Elternsprechtag Beruhigungsmittel

Am Anfang stand ich bei Elternabenden kurz vor der Panikattacke, ich habe geschwitzt und hatte echt Angst. Mittlerweile bin ich routinierter und auch nicht mehr so extrem aufgeregt. Aber ich kenne Kollegen, die Nächte vorher schon nicht mehr schlafen können, Magen-Darm-Probleme haben oder gern mal ein paar Rescue Tropfen nehmen bevor sie den Eltern gegenüber sitzen. Ich kenne sogar welche, die Beruhigungsmittel nehmen, und ich kann das sehr gut verstehen. An Elternsprechtagen sitzen nacheinander 23 Eltern bei mir und denken, ihr Kind wäre das Beste aller Kinder, ohne jegliche Fehler und wie gesagt natürlich „hochbegabt“. Sobald es ein Problem gibt, gibt es auch Stress, das kann sehr unangenehm werden. Ich bin tatsächlich auch schon als "unfähige Person" beleidigt worden von einem Vater. In solchen Fällen fällt es mir echt nicht leicht ruhig, freundlich und höflich zu bleiben, denn auch das wird stets von einem erwartet.

Es frustriert mich, dass niemand sieht, wie ich mich bemühe

Einmal habe ich einen Rechtschreibfehler auf einem Arbeitsblatt gemacht, da hat eine Mutter direkt mit dem Direktor gesprochen. In solchen Fällen fragt man sich schon, warum das sein muss. Einfachste Kommunikationsregeln werden nicht nicht mehr eingehalten. Mir wurde auch schon mal von Eltern vorgeworfen, mein Hauptaugenmerk sei nicht bei den Kindern. Es hat mich wirklich frustriert und traurig gemacht, dass niemand sieht, was ich alles für die Kinder tue. Ich bemühe mich jeden Tag wirklich sehr, ich möchte, dass sie Spaß haben beim Lernen, dass sie zufrieden sind. Manchmal ist meine Stimme weg, weil ich so viel rede und singe. Ab und an muss ich allerdings auch mal ziemlich laut werden, weil einige meiner Schüler wirklich schlecht erzogen sind und null Respekt vor Erwachsenen haben. 

Die Eltern geben viel mehr ab, vertrauen aber weniger

Manche Eltern sehen aber nicht, dass ihr Kind sich vielleicht auch mal nicht korrekt verhält, sie suchen den Fehler beim Lehrer und können einfach nicht vertrauen. Auf der einen Seite geben Eltern heute ihre Kinder viel mehr ab, sie erwarten, dass wir in der Schule nicht nur lehren sondern auch erziehen. Auf der anderen Seite lassen sie uns auch nicht machen, sondern kritisieren extrem viel. Alle regen sich zum Beispiel über Läuse auf, aber wenn ich dann sage,  es muss zuhause ordentlich der Kopf untersucht werden, dann machen es einige nicht. Ich als Lehrerin soll immer alles alleine in den Griff kriegen – das geht aber nicht. Die Lehrerrolle hat sich einfach in den letzten Jahren total verändert. Früher hat man sich nach vorne gestellt und Wissen vermittelt, heute müssen wir viel mehr Erziehungsarbeit leisten. Insgesamt wird uns ja ohnehin immer vorgeworfen, dass wir so viel Ferien haben. Natürlich habe ich mehr Wochen frei als andere, aber wenn ich in den Urlaub fahre, nehme ich meine Hefte mit und korrigiere sie. Ich habe keinen Unterricht, deswegen habe ich nicht die ganze Zeit frei.

Es ist ein Geschenk, den ganzen Tag mit Kindern zu verbringen

Das alles in Jammern auf hohem Niveau: Trotz allem liebe ich meinen Beruf sehr. Ich finde es schön und es macht mich glücklich, den ganzen Tag mit Kindern zu verbringen, es ist ein Geschenk. Noch schöner und leichter wäre es nur, wenn manche Eltern sich ein bisschen entspannen könnten...

*Name von der Redaktion geändert

Wer hier schreibt:

Tina Epking
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