"Wenigstens bist du hübsch!" – Eine Kleinwüchsige und eine Rollstuhlfahrerin über dumme Sprüche

Laura ist Autorin, Redakteurin und Bloggerin. Und sitzt im Rollstuhl. Auch Ninia ist Autorin und moderiert eine Modesendung. Ihre Größe: 1,40 Meter. Wie würden Sie reagieren, wenn Ihnen eine der beiden begegnet? Ein Schlagabtausch zu Alltagsnervereien und blöden Sprüchen

von Jana Felgenhauer

Laura: Ich werde ganz oft auf der Straße angesprochen, nach dem Motto „Für eine Rollstuhlfahrerin bist du echt hübsch“. Es kommen auch manchmal fremde Leute zu mir, wenn ich gerade auf die U-Bahn warte, und raunen mich von der Seite an: „Aber im Bett funktioniert das noch alles bei dir, oder?“ Als ob ich keinen Anspruch auf Intimsphäre hätte.

Ninia: Bei mir sind es besonders Blicke. Leute starren mich an, und ich weiß, was in deren Köpfen vorgeht. Wenn mich Kinder ansprechen, finde ich das aber sehr gut. Schlimm sind nur die Eltern, die dann sagen: „Schau da nicht so hin.“ Ich bin doch kein Verkehrsunfall! In der Pubertät war das schon schlimm für mich.

Laura: Ich habe oft den Eindruck, dass ich dafür herhalten muss, dass sich Leute ein gutes Gewissen verschaffen. Die kommen zu mir hin und sagen mir einfach mal ein paar nette Worte. „Ich wollte dir sagen, dass du mich total inspirierst.“

Ninia: In der Schule hat mich ein Junge mal „Bob“ genannt. Die Abkürzung für „Blasen ohne Bücken“. Damals hat mich das super verletzt. Ich hab das heute für mich so umgedeutet, dass ich sagen kann: „Ja, ist doch total praktisch.“ Jetzt gehört es mir und nicht mehr ihm.

MÄNNER

Laura: Ich bekomme oft Mails und Fotos geschickt. Ninia, die bekommst du doch auch? Sag, dass du so etwas auch bekommst! (lacht laut)

Ninia: Ja, ich bekomme öfter Mails von kleinwüchsigen Männern, die mir schreiben, dass sie mich im Fernsehen gesehen haben und mich gern kennenlernen würden. Die meisten sind zwar nett, trotzdem warte ich nicht darauf, endlich einen Mann kennenzulernen – meiner reicht völlig.

Laura: Bei mir sind das meistens Typen, die mit 43 noch nie geküsst worden sind. Und die denken dann: „Na, die Frau im Rollstuhl, die kriege ich dann.“ Die sind immer megahöflich. „Sehr geehrte Frau Gehlhaar … hochachtungsvoll, Ihr Bernd.“ Und dann scrolle ich runter, sehe das Foto und muss vor Schreck aufschreien.

DAS ERSTE MAL

Ninia: Mein erstes Mal hatte ich mit 22. Das war ein Schlüsselmoment. Erst im Studium habe ich gemerkt, dass es Männer, gibt, die mich so mögen, wie ich bin. Gerade in der Pubertät hat man mir immer gesagt: „Für dich wird sich schon auch noch jemand finden.“ Leute denken immer, der Typ muss auch klein sein oder einen Makel haben. Da habe ich einen Knacks bekommen und gedacht, ich muss über jeden froh sein, der mich irgendwie toll findet – egal, ob ich den auch mag.

Laura: Meinen ersten Händchenhalten-Freund hatte ich mit 15. In dem Alter habe ich auch das erste Mal geknutscht. Ich habe in der Schule auch mal einen internen „Wer ist das schönste Mädchen der Klasse“-Wettbewerb“ gewonnen. Als es dann aber losging mit Ausziehen und Sex, habe ich mich unwohl gefühlt, weil mein Bauch mehr rausguckt als bei anderen. Und ich habe mir schon Gedanken gemacht, was ist, wenn der im Bett will, dass ich ein Rad schlage. Ich musste erst herausfinden, welche Möglichkeiten es überhaupt gibt. Mein erstes Mal hatte ich mit 20, und es hat mir sehr viel Selbstbewusstsein gegeben.

LIEBE

Ninia: Mit meinem Freund bin ich jetzt seit über sieben Jahren zusammen. Leute fragen auch immer: „Uuund wie groß ist er?“. Ich dann so: 1,80. Und dann kann ich beobachten, wie es bei denen im Kopf arbeitet. „Wie machen die das wohl?“

Laura: Ich bin mit meinem Freund seit ungefähr zehn Monaten zusammen. Wir haben uns über Tinder kennengelernt. Vorher hatte ich schon fleißig getindert. Ich habe mir wirklich gar keine Hoffnung gemacht, darüber jemanden ernsthaft kennenzulernen, und wollte eigentlich nur Sex. Aber dann war er da. Wir haben uns verabredet, und seitdem sind wir ein Paar.

DISKRIMINIERUNG

Laura: Bei mir fängt das ja schon damit an, dass ich nicht überall reinkomme. Ich erfahre halt alltägliche Diskriminierungen in öffentlichen Verkehrsmitteln, Gebäuden, Restaurants. Das ist schon sehr anstrengend, weil es mich immer in die Position einer Bittstellerin bringt. Oder: Wenn man als Behinderter zum Beispiel eine Assistenz bezahlt bekommt, darf man selbst nur 2600 Euro besitzen. Wie soll man davon für einen Urlaub oder ein Auto sparen? Das sind alles so Ungerechtigkeiten und Kämpfe, die ich jeden Tag ausfechten muss. Erst heute waren zwei Aufzüge kaputt, und ich weiß, da warten Leute auf mich, und ich komme ’ne Stunde zu spät.

Ninia: Es ist schon passiert, dass ich beim Bäcker anstand und sich Leute absichtlich vordrängeln. Dann sage ich: „Entschuldigung, stellen Sie sich vielleicht hinten an?“ Und die antworten mir: „Oh, ich dachte, Sie sind ein Kind.“

Laura: Einmal hat man mir sogar Geld hingeschmissen. Da saß ich vor einem Laden und habe auf meine Mutter gewartet, und auf einmal macht es „Klingeling“, und mir wirft ein Typ einen Euro an meinen Rollstuhl.

Ninia: Was ist denn in unserer Gesellschaft los, dass jemand den Reflex hat, einer Rollstuhlfahrerin Geld hinzuschmeißen?

BEHINDERUNG

Ninia: Ich hasse politisch korrekte Ausflüchte wie „Handicap“ wie die Pest. Es ist nun mal eine Tatsache, wenn jemand behindert ist. Oder zu sagen, eine Person habe „besondere Fähigkeiten“.

Laura: Oder sei „besonders begabt“.

Ninia: Ich hatte das auch schon ganz oft bei Tageszeitungen, dass sie so etwas geschrieben haben wie „Klein, aber oho“. Oder „Kleine Frau ganz groß“. Das klingt wie diese Wortspiele bei „Bauer sucht Frau“.

ANMACHE

Ninia: Bei einer Veranstaltung kam mal ein Pizzaverkäufer zu mir. Ich habe mich in dem Moment gerade mit einem Freund unterhalten, und der Typ hat uns einfach unterbrochen, hat sich runtergebeugt und gesagt: „Na, du bist ja ganz schön klein.“

Laura: In einem Club kam mal ein Typ an, kniete sich erst mal so vor mich hin und lehnt sich dann so ohne Berührungsängste auf mein Knie. „Hey, ich find das so geil, dass du ausgehst.“ Und ich so: „Ebenso.“

Ninia: Dann gab es noch eine Situation bei einem Konzert. Da hat mich ein Mann angesprochen mit: „Du bist ja ganz klein. Aber trotzdem voll hübsch.“ Sollte ich mich jetzt dafür bedanken? Man kann doch einfach sagen, dass jemand hübsch ist, ohne zu betonen, dass der Rest Scheiße ist.

Laura: Zu mir hat mal jemand gesagt: „Dafür hast du ja ein schönes Gesicht.“

HILFE

Ninia: Ich finde es gut, wenn mich Leute fragen, ob sie helfen können. Man sollte mir aber niemals etwas aus der Hand nehmen oder Laura einfach anschieben. Da steckt schon auch eine Unsicherheit dahinter, weil die meisten Leute wenig mit Behinderten zu tun haben.

Laura: Ist halt gut, wenn ich die Chance habe, Hilfe abzulehnen, und die Person dann nicht beleidigt ist. Manchmal kommt dann so ein patziges „Na dann eben nicht“.

KLAMOTTEN

Ninia: Meine Jeans kaufe ich in der Damenabteilung und lasse sie mir dann umnähen. Dann sind glücklicherweise Sneakers Trend geworden, und ich kann sie auch in Kindergröße 33/34 kaufen. Ich geh auch mal in die Kinderabteilung, aber nicht nur. Das Internet ist ein großer Segen. Ich ziehe mich gern extra auffällig an, weil mich Leute dann wegen der Klamotten anschauen und nicht wegen der Größe.

Laura: Ich komme in Umkleidekabinen oft gar nicht erst rein, deshalb probiere ich im Laden nie etwas an.

Ninia: Ich habe auch ein Problem mit den Umkleidekabinen, denn manchmal enden die Türen einen Meter über dem Boden – und dann stehe ich im Freien.

Laura: Ich bin aber total gegen dieses „Extramode für Rollstuhlfahrer“-Ding.

Ninia: Manchmal wirkt so etwas total lächerlich. Es gibt da aber eine Reihe für Kleinwüchsige von einer Designerin, die extra Konfektionsgrößen für Kleinwüchsige entwickelt, weil die Proportionen eben andere sind. Das finde ich gut. Komisch ist aber, wenn Designer sagen: „Wir machen jetzt mal etwas Inklusives.“

Laura: Ich habe mir schon viele Kollektionen für Rollstuhlfahrer angeschaut, und manchmal sind die Jacken hinten offen! Denken die, die Rückenlehne wärmt?

WUT

Ninia: Ich sitze nicht zu Hause und denke, dass mein Leben so schrecklich ist, weil ich klein bin. Ein bisschen ist es ja auch mein Markenzeichen. Aber es gibt manchmal Situationen, in denen ich so richtig wütend bin. Als ich mit meinem Freund in Kanada im Urlaub war, hatte ich den Eindruck, dass es den Leuten dort total egal war, wie ich aussehe. Ich hatte mich daran gewöhnt, und als ich dann wieder in Hannover war, bekam ich die volle Breitseite. Leute haben mich wieder ständig angeglotzt. Da war ich so sauer, dass ich geheult habe.

Laura: Ich glaube, dass dieser Akzeptanzprozess nie aufhört. Bei mir ist das so, weil ich immer wieder vor neuen Herausforderungen stehe und immer wieder mit mir selbst konfrontiert werde. Stichwort Beziehung. Im Theater müssen wir getrennt sitzen, weil der Rollstuhlplatz ganz allein am Rand ist. Auch die barrierefreien Zimmer im Hotel sind meistens Einzelzimmer.

Ninia: Behinderte haben keine Freunde …

Laura: Mein Partner bekommt das alles ja mit, und er ist dann auch sauer, wenn ich sauer bin. Natürlich würde ich das alles gern von meinem Freund fernhalten. Er nimmt das zwar total locker, aber für mich fühlt es sich so an, als ob die Dinge an mir scheitern. Das macht mich wütend.

MEHR VON BEIDEN gibt’s in ihren Blogs unter fraugehlhaar.wordpress.com und ninialagrande.blogspot.de