1000 Ausreden: Warum viele Kitas die Kinder nicht mit Sonnenschutz eincremen

Mit jedem Sonnenbrand in der Kindheit steigt das Hautkrebsrisiko. Das weiß man. Dass viele Kitas sich aber weigern, unsere Kinder einzucremen, will zu diesem Fakt nicht so ganz passen. 

von Miriam Kühnel

Sommer, Sonne, ab ins Freie! Klingt das nicht herrlich? Während wir im Büro schwitzen, toben unsere Kinder in den Kitas unbeschwert durch die Außenanlage. Was wunderbar klingt, ist für viele Kinder leider brandgefährlich, weil oft keiner auf ausreichend Sonnenschutz achtet. Selbst wenn Eltern ihren Nachwuchs morgens um 7 Uhr mit Sunblocker eincremen, bringt das der Haut um 16 Uhr herzlich wenig. Obwohl die Ganztags-Kinderbetreuung immer weiter ausgebaut wird, verweigern viele Kitas konsequent das Eincremen. Die Liste der aufgezählten Gründe ist lang: Die einen haben Zeitmangel, die nächsten sorgen sich um die Hygiene, wieder andere sind unsicher wegen undurchsichtiger Gesetze und haben Angst vor Allergien. "Ich habe gehört, das Eincremen sei im worst case Körperverletzung", erzählt eine Erzieherin, die nicht namentlich genannt werden möchte. "Weil manche Kinder allergisch auf Sonnencreme reagieren." Und überhaupt, das mit dem Nachcremen sei auch überbewertet, fände die Leitung. "Schließlich sind wir hier nicht in Spanien."

Dermatologen schlagen Alarm

Ganz anderer Meinung sind Dermatologen. "Sonnenschutz ist für Kinder auch hierzulande ein Muss!", sagt Dr. med. Susanne Steinkraus, Hautärztin in Hamburg. "Jeder Sonnenbrand im Kindesalter erhöht erheblich die Gefahr, an Hautkrebs zu erkranken." Doch auch für Kinder mit vermeintlich unempfindlicher Haut ist Sonnenschutz unentbehrlich. Selbst wenn augenscheinlich keine Rötung zu sehen ist, ist der Aufenthalt in der Sonne ohne ausreichenden Sonnenschutz immer ein Risiko. "Jede Bräune ist im Grunde eine Schutzreaktion der Haut gegen einen stattfindenden Schaden", erklärt die Expertin. "Generell gilt: Man sollte so oft wie möglich nachcremen, Die Quittung für einen zu laschen Umgang mit Sonnenschutz bezahlen die Kinder nämlich nicht nur am Ende des Tages, sondern auch und vor allem später." 

Niemand fühlt sich zuständig

Ein Gesetz zum Sonnenschutz in Kitas existiert in Deutschland nicht. Da Sonnencreme unter "Kosmetik" und nicht unter die Rubrik "Medikamente" fällt, ist es nicht untersagt, die Kinder einzucremen. Eine Pflicht gibt es allerdings auch nicht. Greifen könnte bei diesem Thema lediglich der Auftrag, das Kind vor Gefahren zu schützen. Da die Folgen einer Allergie unmittelbarer auftreten, scheinen einige Kitas das Risiko eines Ausschlags aber höher zu bewerten als das Risiko einer Hautkrebserkrankung. Dr. med Susanne Steinkraus kann das nicht verstehen. "Die Folgen eines Sonnenbrandes können weitaus dramatischer sein als die eines allergischen Ausschlags", sagt sie. Doch berufstätigen Eltern sind die Hände gebunden, eine gesetzliche Grundlage gibt es nämlich nicht. Zwar können sie auf ausreichende Schutzkleidung achten, doch zumindest das Gesicht der Kinder ist ohne Nachcremen am Nachmittag so gut wie ungeschützt. 

Eltern fühlen sich hilflos

Betroffene Eltern halten oft die Füße still. "Das ist ein absolutes Reizthema", erzählt ein Vater. "Immer wenn wir das Thema Sonnencreme bei der Kita-Leitung ansprechen, wird gedroht, die Kinder im Sommer alternativ komplett im Innenbereich zu lassen." Andere Eltern berichten, dass ihnen von der Leitung ein Kitawechsel empfohlen wurde, wenn sie unzufrieden seien. "Das mag in Großstädten eine Option sein", erzählt eine betroffene Mutter. "Hier auf dem Land kann man froh sein, wenn man überhaupt einen Platz bekommt." Und so cremen die Eltern morgens ihre Kinder dick ein, hoffen auf Wolken am Nachmittag und darauf, dass ihre Kinder vielleicht doch keinen Schaden nehmen. Gelungene Betreuung sieht anders aus. Aber die Verantwortung dafür trägt ja zum Glück keiner und so können wenigstens alle ruhig schlafen. Ist ja am Ende auch alles übertrieben. Wir sind schließlich nicht in Spanien...

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