12.000 Euro für einen Monat Traumurlaub. Bekloppt oder klug?

Unsere Autorin hat 12.000 Euro für einen einzigen Urlaub gespart und jeden einzelnen Cent davon ausgegeben. Bereut hat sie diese Entscheidung noch nie. 

von Marie Stadler

Ich war noch nie reich und ich bin es auch nicht. Ich glaube, ich strebe es nicht einmal an, im Geld zu schwimmen, weil mir der Gedanke an grenzenlosen Konsum total suspekt ist. Trotzdem habe ich für eine einzige einmonatige Reise mit meiner Familie 12.000 Euro auf den Kopf gehauen und finde auch jetzt noch: Das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. 

Du musst dich NICHT nach deiner Decke strecken

Es ist sehr viel sehr gut gelaufen in meiner Erziehung. Einen Satz hätte ich aber gerne einfach nie gehört: MAN MUSS SICH SCHON NACH SEINER DECKE STRECKEN! Immer und immer wieder wurde uns vier Geschwistern mit diesem Satz Bescheidenheit eingebläut. Notgedrungen, weiß ich mittlerweile, denn meine Eltern hatten harte Zeiten und vier Kinder sind kein Pappenstiel. Gebracht hat mir diese tief verwurzelte Bescheidenheit aber echt nichts Gutes. Gehaltsverhandlungen sind mir ein Graus (man will ja nicht zu viel verlangen), und es hat viele Jahre Erwachsenenleben gedauert, bis ich verstanden habe: Man darf auch von ganz großen Träumen denken, dass sie wahr werden, denn das tun sie manchmal. Selbst wenn sie Galaxien von der eigenen Decke entfernt sind, nach der man sich doch eigentlich nur strecken darf.

Träume werden wahr. Punkt.

Wenn ich also einen ganz bestimmten Wunsch hatte für meine Kinder, dann war es der Glaube daran, dass Träume wahr werden können. Ohne Wenn und ohne Aber. Seit dem Tag, an dem wir erfuhren, dass wir Nachwuchs erwarten, sparten wir dafür, unseren Kindern genau das zu zeigen. Reden kann man schließlich viel, aber wir wollten ihnen vorleben, an Großes zu glauben und auch etwas dafür zu tun. Unser Plan: Ein Monat, so viel Erspartes wie möglich, jeder darf sich alles wünschen.

Wenn kleine Kinder träumen...

Als unsere Kinder alt genug waren, um uns von ihren großen Ideen zu erzählen, hörten wir ihnen gut zu und erzählten auch ihnen von unseren eigenen Träumen. Unsere kleinste Tochter zum Beispiel wünschte sich, einen ganz bestimmten Delfin in einer Tierklinik zu besuchen. Sie hatte einen Film über das Tier namens "Winter" gesehen und hatte den festen Entschluss gefasst, Delfindoktor zu werden. Unser Sohn zeigte uns bei IKEA ein Palmenbild. "DA!", jauchzte er und versuchte, das Bild anzufassen. und mein Mann beichtete uns mit glänzenden Augen, dass er schon immer mal ins Disneyland wollte. Aus diesen vielen kleinen Momenten entstand langsam ein Mosaik und aus dem Mosaik eine Reiseroute. Schon die Planung und unsere Freude daran war schöner als alles, was wir uns verkniffen, um auch ja wie Krösus in unser Abenteuer zu starten.

Florida und die Karibik

Wir flogen an meinem Geburtstag los nach Florida. Bei minus 11 Grad stiegen wir in den Flieger, bei 25 Grad stiegen wir ein paar Stunden später in Miami aus. Wir besuchten den Delfin Winter, knuddelten in Disney World mit Stitch, segelten in Sonnenuntergänge, tanzten in Strandbars, sahen echte Seekühe, ließen die Seele baumeln, lernten interessante Menschen aus der ganzen Welt kennen und jeden Dollar sorglos springen, den unsere Wünsche kosteten.

Für die letzten zehn Tage flogen wir in die Karibik, schlürften dort Kokosnüsse leer, kletterten auf Palmen, stürzten uns in die Wellen und waren uns so nah wie noch nie zuvor. Klingt hedonistisch? Das war es auch. Und trotzdem war die Reise weit mehr als ein teures Vergnügen. Wir lernten ganz andere Welten kennen, weil wir uns genug Zeit nahmen, haben Menschen getroffen, die uns teilhaben ließen an ihrem Leben und haben uns gemeinsame Erinnerungen geschaffen, die uns niemals je genommen werden können. 

Was wir gelernt haben

Ob unsere Mission funktioniert hat? Ich glaube schon. Wenn wir uns Fotos ansehen oder über unsere Erlebnisse reden, dann macht uns das noch immer unglaublich glücklich. Und wenn unsere Kinder über ihre Träume sprechen, dann klingt das so real wie bei anderen ein Kalendereintrag. Die Reise hat uns aber so viel mehr gelehrt, als an Großes zu glauben. Letztens hatte unser Jüngster die Idee, der Familie von Juan, einem Hotelangestellten in der Dominikanischen Republik, ein Weihnachtspäckchen zu schicken, anstatt selbst so viel zu bekommen wie sonst. Juan hatte uns erzählt, dass viele Kinder in dem Karibikstaat kein Spielzeug haben und mit Müll spielen. Wenig später schlug meine Tochter vor, ganz auf Plastik zu verzichten, damit die Tiere im Meer nicht so qualvoll sterben.

Ich habe es nie bereut

Als meine Kinder diese Vorschläge machten, habe ich begriffen, was der eigentliche Wert dieser Reise war: Sich selbst wichtig zu nehmen und an sich zu glauben, ist die eine Sache. Aber die Welt in all ihrer zerbrechlichen Schönheit zu sehen und sie und die Menschen darin beschützen zu wollen, das ist die Grundlage aller Träume und Wünsche der Zukunft. Ich weiß nicht, ob wir alle das so verinnerlicht hätten, wenn wir nicht aufgebrochen wären. 

Was die 12.000 Euro angeht... Vielleicht war das übertrieben! Aber ich würde sie immer wieder ausgeben. Für genau das, was wir getan haben, auch wenn andere sich vielleicht lieber ein schickes Auto oder 30 Outfits gekauft hätten. Wir träumen ja zum Glück nicht alle vom Gleichen.


Wer hier schreibt: