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Umgekehrt 5 Dinge, die wir unseren Müttern beibringen

Mama-Tochter
© Silke Woweries / Getty Images
Sehr vieles, das sie kann, hat unsere Autorin von ihrer Mama gelernt. Heute hat sie einiges zurückzugeben und coacht ihre Mama.
Linda Berger

Mama – so ziemlich alles, was ich zum Erwachsenwerden brauchte, habe ich von ihr gelernt. Heute falte ich die Wäsche so wie sie, koche die weltbeste Tomatensauce wie sie es macht, putze das Bad exakt so wie sie, habe gelernt, dass sich Freundeskreise verändern und die eigenen Bedürfnisse auch. Obwohl ich mir als Kind geschworen habe, niemals den Satz zu nutzen:  "Wenn du mal selbst Mama bist, wirst du mich verstehen", rutscht er mir nun doch das ein oder andere Mal auch bei meinen Kindern raus. Vieles von dem, das sie mir damals sagte, ergibt heute einen Sinn. Manches aber auch nicht und im Laufe meines Erwachsenenlebens habe ich meine Mama in einigen Punkten überholt. Das heißt aber nicht, dass ich sie abgehängt habe, sondern dass ich beschlossen habe, sie mitzunehmen und genauso wie ich immer noch von ihr lerne, gibt es inzwischen Dinge, die sie von mir lernt. Und das macht mich wirklich sehr stolz. Auf mich und auch auf sie.

5 Dinge, die meine Mama von mir gelernt hat

1. Untenrum frei

Darüber spricht man nicht? Über die Geschlechtsorgane und Sexualität mit den Eltern zu reden, ist schon ein wenig merkwürdig. Aber auch darüber hinaus wissen wir Frauen echt wenig über unseren Körper, das Hormonchaos, was der Beckenboden so macht und wo genau eigentlich die Vulva ist. Und als wir anfingen über Probleme zu sprechen, die all diese Dinge mit sich bringen können, habe ich gemerkt, wie erleichternd das ist. Vor allem für meine Mama. Für uns wird es immer normaler über Menstruation, Sex, Selbstbefriedigung und Co zu reden, in ihrer Generation ist es das aber ganz und gar nicht selbstverständlich. Der Leidensdruck in den Wechseljahren könnte so viel geringer sein, die Behandlungsmethoden vielfältiger, wenn die Frauen aufgeklärter wären und das gilt bei weitem nicht nur für die Ladies jenseits der 50. Wie wertvoll ist es wohl für das Wohlbefinden rauszufinden, wie so ein Sextoy funktioniert und, dass das ganz und gar nicht schmuddelig ist? Besser spät als nie, sag ich da nur. Solche Gespräche schaffen eine ganz neue Art von Intimität und ich das ist ein wirklich gutes Gefühl.

2. Finanzielle Unabhängigkeit

"Finanzen? Darum kümmert sich dein Vater, davon habe ich keine Ahnung" – Bis jetzt die gängige Antwort meiner Mama auf die Frage, wie es so mit ihrer finanziellen Absicherung aussieht. Und ehrlicherweise ist das ein Weg, der schon etwas steiniger ist als der zum Untenrum-Konsens. Es kostet schon bei gleichaltrigen Freund:innen viel Durchhaltevermögen, sie von der Wichtigkeit zu überzeugen, sich mit Altersvorsorge und Absicherungen auseinanderzusetzen, bei meiner Mama ist es ähnlich. Also kleine Schritte. Dass sich der Mann, sofern es ihn und die klassische Beziehung gibt, um das Geld kümmert, ist über Jahre so gelernt und bislang waren Finanzen auch ein eher unsexy Thema. Passiert den Männern dann aber was oder kommt es zur Trennung, haben die Frauen meist das Nachsehen, sind ziemlich hilflos und wissen weder ein noch aus. Dabei ist es gar nicht so kompliziert – wie bei allen unangenehmen Dingen muss man nur erstmal anfangen. Aus meiner Mama wird sicher keine Aktionärin mehr, aber inzwischen haben wir immerhin in ETFs investiert, statt alles nur auf dem Konto zu parken. Mein Vater lernt auch noch etwas dazu. 

3. Selbstreflektion

Das Schlagwort unser Zeit. Nicht jedoch der Zeit meiner Eltern. Während ich an mir arbeite, versuche besser zu kommunizieren und nicht ständig so patzig passiv aggressiv auf Dinge zu reagieren, die mich nerven, ist dieser Modus noch nicht so ganz bei meinen Eltern angekommen. Ich versuche da nachsichtig sein – bin ja auch nicht perfekt – merke aber, dass sie sich auch mehr Gedanken machen als früher, andere Standpunkte mit einbeziehen und nicht mehr ganz so verbohrt sind. Da ist zwar noch viel Luft nach oben, aber immerhin ist ein Anfang gemacht. 

4. Nein sagen

Die Erwartungen anderer erfüllen: ganz großes Thema. Ein Geburtstag steht an? Wir müssen schon einladen, auch wenn wir eigentlich lieber nur den Tag für uns haben wollen. Weihnachten muss es schon das Drei-Gänge-Menü geben, auch wenn es mehr Stress als alles andere ist. Auf die eigenen Bedürfnisse zu achten, sie überhaupt wahrzunehmen und dann auch danach zu handeln ohne darüber nachzudenken, was wohl die anderen sagen, ist definitiv etwas, was Mama gern noch lernen darf.

5. Körpergefühl

"Hast du zugenommen?", "Puh, also muss man das anziehen, mit der Figur?", "Hast du gesehen, wie die wieder rumrennt?" – Was die Bewertungen anderer angeht, hat sich seit den 90ern in der Elterngeneration noch nicht so viel getan. Da hilft nur immer wieder darauf hinweisen, dass es nicht okay ist. Da können allerdings sehr viele Menschen noch sehr viel lernen, nicht nur die Mütter. Ähnlich sieht es mit Selbstakzeptanz und der Milde gegenüber dem eigenen Körper aus. Wir sehen nun mal alle nicht aus, wie die Damen auf der TV Spielfilm. Get over it.

Barbara

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