Achtung, digitale Nebenwirkung: Wir sind empathische Analphabeten

Oh Schreck, die menschliche Gesichtserkennung funktioniert nicht mehr! Unsere Autorin macht natürlich: keine gute Miene zum bösen Spiel

von Karina Lübke

Jemandem die Gefühlslage und entsprechenden Absichten auf den ersten Blick ansehen zu können ist eine überlebenswichtige Fähigkeit, die uns aus der Steinzeithöhle in die Gegenwart gerettet hat. Mimik ist quasi die Ursprache der Kommunikation – ein wütender, ängstlicher, entspannter, angeekelter oder trauriger Gesichtsausdruck sollte Mitmenschen über sämtliche Sprachgrenzen hinweg verständlich sein. Ebenso wie die richtige Reaktion darauf: „Hau ab!“, „Hau zu!“ oder „Lächle zurück!“. So dachte ich jedenfalls, bis mir dauernd Seminare zum Thema „Mimikresonanz“ für „privaten und beruflichen Erfolg“ angeboten wurden. Erst hielt ich das für einen Scherz: Zu verstehen, wie der andere sich fühlt, soll die „Beziehungsqualität verbessern“? Wow, wer hätte das gedacht!

Schuld ist wieder mal die Digitalisierung

Ich zog überrascht die Brauen hoch, als ich weiter las, dass die richtige „Emotionserkennungsfähigkeit“ nur noch bei 62,7 Prozent liegen soll. Nahezu jeder zweite Gesichtsausdruck wird also übersehen oder falsch gedeutet. Schuld daran ist mal wieder das Internet: Die Digitalisierung zerstört unsere Fähigkeit, die Stimmung anderer Menschen live und unkommentiert deuten zu können. Es fehlt an Übung, da Leute auch in Gesellschaft mehr auf ihr Handy gucken als anderen ins Gesicht. Abgeschirmt durch unsere Bildschirme verkümmern wir empathisch zu Analphabeten. Schauspieler müssen sich darstellerisch demnach keine große Mühe mehr machen: Goutierte man einst jede feine Gesichtsregung, schmeckt man heute dramaturgisch nur noch süß oder sauer heraus. Mimisches Fast Food. Und sogar das wird durch den flächendeckenden Einsatz von Botox und Fillern immer schwieriger: „Zwischen den Zeilen“-Lesen – between the lines! – fällt flach.

Der Whatsapp-Zoff ist Standard geworden

Das Pokerface, das man früher eben nur zum Pokern aufsetzte, ist nun Standard. Sich bloß nie emotional in die Karten gucken lassen! Das lässt nicht nur Babys verzweifeln, die auf nonverbale Kommunikation angewiesen sind. Doch mit Gefühlen kann die Menschheit immer weniger umgehen, seit hauptsächlich digital kommuniziert wird. Viele Paare zoffen sich nicht mehr live, sondern schriftlich und emotional entfettet über Whatsapp: Gefahren wie Tränenausbruch, Zorn oder der Traurigkeit in den Augen des anderen möchte sich niemand mehr aussetzen müssen. Der Satz „Du hast doch was, das sehe ich dir an!“ gehört bald der Vergangenheit an. Emotionsspurenlesen stirbt aus. Wie sollte man denn auch die Grundlagen lernen? Wer anderen in der Bahn länger ins Gesicht blickt, gilt schon als Perverser. Andererseits wird beklagt, dass jeder so isoliert lebt.

Gibts doch nicht... 

Ich sollte eine Art „Emotions-Shazam“ zur Gesichtserkennung erfinden und reich werden: Im Zweifelsfall könnte man einfach per Handy die Gesichtszüge des Gegenübers scannen und darin enthaltene Gefühle in verständliche Emojis übersetzen lassen. Und während ich noch über diese absurde Idee lache, google ich weiter, und meine Gesichtszüge entgleisen: Die „emotion engine“ ist bereits erfunden. Entsetzter Smiley. Trauriger Smiley.