VG-Wort Pixel

Hilfe, mein Kind hat Angst! Ist das noch normal oder schon krank? – Expertin klärt auf

Kind mit Maske schaut aus dem Fenster
© Justin Paget / Getty Images
Sie sind anhänglicher, wollen nicht mehr so gern allein sein, vergewissern sich öfter, ob wir auch ja nicht weggehen, haben öfter Bauchweh und ziehen sich mehr zurück? Was der Lockdown mit unseren Kindern macht und wann Ängste in Behandlung gehören, erklärt Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Juliane Haupt.

BARBARA.de: Hallo Frau Haupt, nicht nur wir Erwachsene leiden unter der aktuellen Situation, auch für unsere Kinder sind es besondere Zeiten. Angst ist ein großes Thema, aber wie entstehen Ängste bei Kindern?

Juliane Haupt: Hier spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Vor allem das Alter hat großen Einfluss, denn je nachdem wie alt sie sind, müssen Kinder unterschiedliche Entwicklungsaufgaben meistern und daraus können sich dann Ängste entwickeln. Beispielsweise kommen Babys mit etwa acht Monaten in die Fremdelphase. Normalerweise verwachsen sich diese Phasen von allein und auch die Ängste nehmen wieder ab. Wenn es aber nicht gut aufgefangen wird, kann sich das verfestigen. Ein Faktor ist auch das Temperament des Kindes, also welche Charaktereigenschaften es hat – ist es eher unsicher, sensibel oder schüchtern? Und natürlich auch das Erziehungsverhalten der Eltern spielt eine Rolle. Also je nachdem, wie das Kind genetisch strukturiert ist und die Eltern damit umgehen, können sich Ängste entwickeln. Wenn Eltern zum Beispiel sehr ängstlich sind oder selbst eine Angststörung haben, haben die Kinder auch ein erhöhtes Risiko, Ängste zu entwickeln.

Weil sich die Kinder das dann abgucken?

Genau. Denn Eltern dienen natürlich als Modell und Vorbild, zum anderen wirken aber auch hier die genetischen Faktoren. Kinder von sehr vorsichtigen Eltern sind natürlich auch vorsichtiger und stürmen vielleicht nicht gleich mutig auf neue Situationen los. In der Schule sind das auch oft die ruhigen Kinder, die eher zurückhaltend sind, dementsprechend auch nicht im Unterricht stören und ganz zuverlässig ihre Aufgaben erledigen. Diese Kinder werden natürlich von Eltern und Lehrern als angenehm erlebt und das Verhalten gelobt und positiv bestätigt, sodass die Kinder weniger ermutigt werden, nochmal extra etwas zu erproben oder Neues zu probieren. Das wiederum stößt auf Verständnis bei den Eltern und so werden die Verhaltensweisen beim Kind aufrechterhalten. Das fängt meist ganz klein an. Beispielsweise will das Kind nicht in den Wald, weil es sich ja die Schuhe dreckig machen könnte. Daraus könnte sich eine Angst entwickeln.

Puh, aber dann muss man ja so sehr aufpassen, was man selbst sagt…

…vor allem, wie man als Erwachsener reagiert. Eine Situation, die vermutlich alle Eltern kennen: Das Kind fährt mit dem Laufrad an die Straße heran und wir Eltern rufen dann meist von hinten: „Stopp! Bleib stehen!“. Das Kind spürt durch die elterlichen Emotionen, dass das gerade ein Schreckmoment ist, und lernt daraus.

Für viele Kinder ist es sehr schwierig, ihre Gefühle zu benennen. Meine Tochter kann beispielsweise mit ihren acht Jahren oft nicht ausdrücken, wovor sie genau Angst hat. Wie kann man da helfen?

Gemeinsam darüber sprechen, Gefühle benennen und sortieren. Kinder haben oft keine Worte dafür, was sie empfinden. Dafür gibt es auch tolle Kinderbücher, mit denen man dem Gefühl einen Namen geben oder ein Bild zuordnen kann. Ich würde es aber auch nicht dramatisieren oder Ängste schüren, indem man beispielsweise bestätigt: „Ja, ich habe auch total Angst vor Corona.“ Eltern geben ihren Kindern Halt, Sicherheit und Orientierung. Wenn sie merken, dass Mama und Papa ängstlich sind, verstärkt das die Unsicherheit und Sorgen zusätzlich.

Woran merkt man aber, dass ein Kind eine Angststörung entwickelt?

Bei (Grundschul-) Kindern sehen wir oft folgende Symptome:

  • keine Freude mehr daran, an Aktivitäten teilzunehmen
  • nicht allein bei Freunden bleiben oder sie treffen
  • sich von den Eltern nicht mehr trennen
  • sagen, dass sie Angst haben
  • in bestimmten Situationen, gegenüber bestimmten oder auch fremden Menschen aufgeregt sein
  • über Bauchschmerzen klagen
  • unter Schlafstörungen und/ oder Alpträumen leiden
  • Konzentrationsprobleme, Gereiztheit und Unzufriedenheit
  • in Bezug auf Corona, Angst vor Bakterien, Krankheiten entwickeln
  • Bei kleineren Kindern äußert sich Angst oft in übermäßigem Schreien und Wutanfällen, oder darin, dass sie sich zurückziehen.

Gerade in dieser Situation ist es schwer abzugrenzen, ob es schon eine Depression, Angst- oder Zwangsstörung ist. Denn vielen Kindern, aber auch Erwachsenen, fehlt aktuell die Perspektive und es ist schwierig optimistisch oder hoffnungsvoll zu bleiben. Daher sollte man mit vorschnellen Diagnosen vorsichtig sein. Im Fokus soll immer ein Helfen stehen - eine Diagnose soll keine Rechtfertigung sein. Ängste sind etwas Natürliches, die uns schützen. Daher sollte man solche Symptome im Blick behalten und im Gespräch bleiben und dann, wenn es wieder ruhiger wird, die Normalität zurückkehrt, schauen, was von den Ängsten noch übrig ist.

Woran erkenne ich aber, dass die Ängste noch im Rahmen sind, oder man sich an einen Therapeuten wenden sollte?

Wenn das Kind Dinge nicht mehr macht, weil es Situationen als bedrohlich empfindet und wenn es für die Eltern einen Leidensdruck gibt, weil man jeden Tag Auseinandersetzungen hat, z.B. weil das Kind aufstehen soll, zur Schule gehen soll oder gar nicht mehr ohne seine Eltern sein möchte. Aber: Jetzt zu Corona zeigen mehr Kinder solche Verhaltensweisen. Ich möchte nicht sagen, dass plötzlich alle Kinder eine Angststörung haben.

Das ist sehr beruhigend!

Ja, ich kenne das von meinen Kindern auch. Und mittlerweile verbringen wir so viel Zeit miteinander, dass die Kinder es gewohnt sind, uns viel mehr um sich zu haben. Wir sind viel präsenter im Leben unserer Kinder als andere Bezugspersonen, wie Lehrer, Freunde, Trainer. Fast alles wird also nur mit den Eltern ausgetauscht und ausdiskutiert. Hätten wir jetzt aber keine Pandemie, wäre ein solches Verhalten schon auffällig. Da sollte man dann auch wieder auf das Alter schauen. Im Grundschulalter stellen sich beispielsweise solche Fragen wie: Mögen mich die anderen Kinder? Bin ich gut genug? Darüber können auch Ängste entstehen, wie zum Beispiel vor der Klasse zu sprechen, von Gleichaltrigen zurückgewiesen zu werden oder in peinliche Situationen zu geraten. Da ist es gut, immer ein wenig gegenzusteuern, indem man das Kind ermutigt und ihm Handwerkszeug im Umgang mit anderen Kindern mitgibt ­– das kann man auch gut in kleinen Rollenspielen zu Hause üben, genauso wie kritische Situationen, aber auch erklären, dass jeder einmal Angst hat, dass die Ängste vorbeigehen und es überhaupt nicht schlimm ist, so zu empfinden.

Die Rückkehr in den Schulalltag wird dann ja auch nochmal eine Herausforderung…

Dadurch, dass sie so jung sind, können Kinder sich schnell anpassen, schnell umlernen und auch Dinge verlernen. Dennoch sehen wir TherapeutInnen die Gefahr, dass viele Kinder erst einmal Schwierigkeiten haben werden, wieder in einen strukturierten Alltag mit Leistungsansprüchen hinein zu finden und sich so soziale Phobien entwickeln können. Also wirklich Angst haben, raus zu gehen, vor Gruppen zu sprechen – allein der Small Talk ist schon schwierig geworden, weil man mehr Hemmungen hat, wieder auf andere zuzugehen. Auch die heutigen Kommunikationsmöglichkeiten, die Gespräche im persönlichen Kontakt oft ersetzen, können dazu beitragen. Für viele Jugendliche ist es tatsächlich ein Problem, irgendwo anzurufen, um beispielsweisen einen Termin beim Arzt auszumachen, einfach weil sie das gar nicht mehr geübt sind. So ähnlich wird das vermutlich, wenn die Schulen jetzt wieder losgehen. Die Kinder müssen auch hier erst einmal wieder zurechtkommen.

Wie können wir als Eltern dabei unterstützen?

Es ist ganz wichtig als Bezugsperson, Sicherheit und Orientierung zu vermitteln, auch wenn wir wegen Corona auf vieles verzichten müssen. Das macht natürlich auch sehr viel mit uns Erwachsenen. Auch für die Kinder stark zu sein, ist sicher nicht einfach, aber wir müssen es einfach sein. Wir haben da leider kaum Strategien, auf die wir zurückgreifen können – unsere Großeltern hätten das vielleicht gehabt – aber wir sind natürlich auch teilweise hilflos. Daher sollten wir das machen, was wir eigentlich schon immer gemacht haben: Strukturen und gewohnte Tagesabläufe aufrechterhalten. Also gemeinsam essen, gemeinsame Aktivitäten durchführen, die Kinder dazu anhalten, mitzumachen und nicht alles über Bord zu werfen und völlig plan- und strukturlos in den Tag zu leben. Das macht unzufrieden und lethargisch und im schlimmsten Fall krank. Gleichzeitig sollte es bestenfalls auch klare Abgrenzungen zu notwendigen (Haus-) Aufgaben und Freizeit und Entspannung geben.

Was sollten LehrerInnen tun?

Rückmeldung ist unglaublich wichtig, vor allem, weil die Unterrichtskonzepte so unterschiedlich sind. Die Schüler brauchen aber Feedback von uns Erwachsenen, damit sie sich nicht allein gelassen fühlen. Aber auch der Vergleich mit Gleichaltrigen fehlt. Viele denken: Nur mir geht’s so schlecht, nur ich muss das alles machen. Aber gerade deshalb sind natürlich auch die Austauschmöglichkeiten über die digitalen Kanäle sehr wertvoll. Leider haben nicht alle Kinder die Möglichkeit diese Angebote zu nutzen, weil es zuhause keine technische Ausstattung gibt. Die Kinder müssen definitiv mehr in den Kontakt miteinander kommen und das ist schwierig. Selbst Telefonate durch die LehrerInnen mit Eltern sind hier hilfreich und unterstützend.

Aktuell spielt auch der Tod eine große Rolle und schon jüngere Kinder setzen sich mit diesen Themen auseinander. Ist das normal in dem Alter?

Ja, das ist auf jeden Fall altersangemessen und hat weniger mit Corona zu tun. Kinder setzen sich ja schon früh mit „Tabu“- Themen wie Tod oder auch Sexualität, auseinander. Das sollte man einfach begleiten und kindgerecht erklären. Es gehört nun mal zum Leben dazu. Mit Corona ist es natürlich nochmal sehr erschreckend, vor allem wenn es im näheren Umfeld passiert, das heißt aber natürlich nicht, dass die Kinder automatisch Angst bekommen, dass alle sterben und die Welt untergeht.

Wie erklärt man den Tod kindgerecht?

Das kommt natürlich auch auf das Alter an. Im Grundschulalter kann man schon erklären, dass meistens Menschen sterben, weil sie älter sind und vielleicht Krankheiten haben. Aber auch deutlich machen, dass man selbst ja auf sich achtgibt, dass wir uns gesund ernähren, uns regelmäßig bewegen und an die frische Luft gehen. Wir haben gute Bedingungen hier zu leben und müssen uns deswegen keine so großen Sorgen machen. Es hilft auch immer, Kinderbücher zu den Themen zu Rate zu ziehen, wenn man selbst nach den richtigen Worten sucht. Natürlich kann man sich da auch an Religionen orientieren und dem Kind verschiedene Erklärungen aufzeigen, auch wenn man vielleicht selbst nicht daran glaubt. Dann kann sich das Kind aussuchen, was es selbst tröstlich findet. Am Ende geht es ja meist nicht um einen grausamen Tod, sondern ums Abschied nehmen, auch beispielsweise, wenn das geliebte Haustier stirbt. Das tut weh und man darf dann traurig sein und weinen. Das ist es, was unsere Kinder lernen sollen. Pathologisch wird es, wenn es sagt: „Mir kann jederzeit etwas passieren, deshalb verlasse ich das Haus nicht mehr.“ „Oder ich habe Angst um meine Eltern und muss immer auf sie aufpassen und deswegen gehe ich jetzt nicht mehr in die Schule.“ Da sollte man dann tatsächlich Hilfe in Anspruch nehmen.

Wie können wir die Resilienz unserer Kinder noch stärken – vor allem in solchen Zeiten?

Die Grundlage für das Wohlbefinden unserer Kinder ist unser eigenes Wohlbefinden. Das heißt, wenn Eltern gestresst sind oder finanzielle Sorgen haben, dann sind eigene Ressourcen schon so aufgebraucht, dass es zu Streit und im schlimmsten Fall sogar zu Handgreiflichkeiten kommen kann. Erwachsene sollten schauen, was hilft, um die Situation zu entspannen und das kann dann z.B. auch sein, die Notbetreuung in Anspruch zu nehmen. Gerade, wenn die Nerven blank liegen, sollten wir nicht zögern, uns Hilfe in Beratungszentren zu holen, um Schlimmeres zu vermeiden. Im Kleinen helfen auch hier Alltagsstrukturen aufrecht zu erhalten, Aufgaben verteilen, wie Müll rausbringen, Tisch decken etc. und kleine Erfolgserlebnisse, beim Uno spielen zum Beispiel. Also im Grunde aktiv und im Gespräch bleiben, aber auch die Welt erklären, wenn Fragen auftauchen und Kontakt zu Freunden und Großeltern halten. Schlussendlich: Wir Erwachsenen müssen den Kindern Orientierung geben, damit sie handlungsfähig bleiben, Alltagsstrukturen sind wichtig sowie über Gefühle sprechen und schöne Erlebnisse. Was auch hilft, ist über Normen und Werte unseres Lebens nachzudenken und zu sprechen, denn das ist etwas, an dem man sich immer orientieren kann, wenn es im Leben schwierige Zeiten gibt.

Juliane Haupt
© Privat

Juliane Haupt ist Dipl. Sozialpädagogin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Sie arbeitet als stellvertr. Ambulanzleitung im Ausbildungsinstitut der KJP Hamburg und des Psychotherapiezentrums Spaldingstraße.


Mehr zum Thema