Alleinerziehend: "Aus diesem Kind kann ja nichts werden!"

Aus der wird nie was werden - das dachten zahlreiche Menschen aus dem Umfeld von Sonya, 26. Grund für die schlechte Prognose: Ihre Mutter zog sie alleine groß. Ohne Vater.  

Protokoll: Verena Carl

Ich werde nie den Blick meiner Mutter vergessen, als wir gemeinsam das Zimmer des Schuldirektors betraten. Ihr ermunterndes Kopfnicken: Wir schaffen das gemeinsam. Dabei war ich kein Unschuldslamm. Sondern ein rebellischer Teenager, der die Wände der Schule mit Graffiti besprüht hatte. Leugnen war zwecklos. Aber statt mir Vorwürfe zu machen, hat meine Mutter gefragt: Warum hast du das getan, aus Frust, aus Wut? Ihre Worte an den Direktor habe ich vergessen, aber nicht dieses warme Gefühl: Da steht jemand voll und ganz hinter mir. Das hat mich durch meine Kindheit und Jugend getragen und mich zu dem gelassenen, vertrauensvollen Menschen gemacht, der ich heute bin.

Meine Mutter hatte immer viel um die Ohren, aber wenn ich sie brauchte, war sie voll und ganz für mich da. Mit 13 im Schulbüro; mit 15, als sie mir eine Spiegelreflexkamera kaufte und wir danach wochenlang nur Nudeln mit Ketchup aßen. Und auch mit 22, als ich verloren am Fenster stand, einen Schwangerschaftstest in der Hand: Mama, was soll ich nur tun?


"Da fehlt doch der Vater"


Meine Mutter hat mich und meine drei Geschwister nahezu allein großgezogen. Mein Vater und sie führten eine extreme Beziehung voller Dramen, Rauswürfe, Versöhnungen. Zwei junge, starke Persönlichkeiten, die nicht miteinander konnten und nicht ohne. Er muss ein ziemlicher Hallodri gewesen sein. Sie hat nie schlecht über ihn geredet, aber ich habe schon als Vierjährige gespürt: Der tut meiner Mama nicht gut. Zwischendrin war sie mit einem anderen Mann zusammen, hat meinen Halbbruder bekommen, aber auch diese Beziehung hielt nicht. Danach waren meine Eltern noch mal ein Paar, so kam der Jüngste auf die Welt. Aber dass mein Vater sich wirklich involviert hätte, habe ich nie erlebt. Einmal schmierte er mir Schulbrote, als ich bei ihm zu Besuch war. Das hat mir imponiert, denn zu Hause habe ich das selbstständig erledigt. So wie Wäschewaschen und Aufräumen. Meine ältere Schwester und ich haben immer mit angepackt, das war gar keine Frage.



Trotz der widrigen Umstände habe ich mich immer geborgen gefühlt. Meine Mutter hat uns vorgelesen, auf dem Flohmarkt nach Anziehsachen gefahndet, sogar dafür gesorgt, dass wir Mädchen reiten konnten. Und sie hat es uns zu Hause schön gemacht. Auch wenn das Zuhause ein hölzerner 60-Quadratmeter-Anbau am Haus meiner Oma war, mit einem Schlafboden für alle, so niedrig, dass man nur gebückt ins Bett krabbeln konnte. Als kleines Mädchen fand ich das normal, erst als ich in die Schule kam, habe ich mich manchmal geschämt. Andere Kinder trugen neue Kleidung, wohnten in Häusern mit Garten und Putzhilfe, Trinkwasser kam aus Sprudelflaschen. Damals habe ich bemerkt, dass andere über uns reden. Die Mädchen in meiner Klasse: „Die hat ja schon den dritten Tag nacheinander dieselbe Hose an!“ Die Nachbarn: „Das ist diese Lotter-Familie, die Töchter haben Dreck im Gesicht und laufen im Badeanzug durchs Dorf, was soll aus denen werden?“



Ich bin sicher, dass meine Mutter unter diesen Vorwürfen gelitten hat. Sie kann Fremden gegenüber hart und kaltherzig wirken. Aber mit ihrer durchsetzungsstarken, zähen Art hat sie mir vorgelebt: Lass dich nie in eine Opferrolle drängen! Meine Mutter hat sich nie abhängig gemacht, auch nicht vom Staat, hat immer ihr eigenes Geld verdient, in einem Laden für Edelsteine gearbeitet, Fotos verkauft, später eine Ausbildung zur Heilpraktikerin gemacht. Damit war sie mir ein Vorbild. In meinem Lieblingsgedicht von William Ernest Henley heißt es: „I am the master of my fate, I am the captain of my soul“. Das heißt: Ich habe selbst in der Hand, wie ich mein Schicksal bewältige. Egal, wie hart es kommt. Diese Worte gehen mir buchstäblich unter die Haut, ich habe sie mir später als Tattoo stechen lassen.

Die Stärke, die meine Mutter mir mitgegeben hat, hat zwei Seiten. Die helle ist: Verantwortung schreckt mich nicht. Schon mit 16 bin ich zu Hause ausgezogen, habe in einem Fotostudio gearbeitet, war mit 18 Geschäftsführerin einer Bar – da genießen andere noch Rundumversorgung im Hotel Mama. Ich bin früh erwachsen geworden, vielleicht zu früh. Die dunkle Seite ist: Es fiel mir lange schwer, Kontrolle abzugeben. Mich fallen zu lassen. In meinen ersten Liebesbeziehungen war ich sehr dominant, konnte kaum zugeben, wenn es mir mal schlecht ging und ich Trost gebraucht hätte. Dass mir das nun besser gelingt, verdanke ich einer intensiven Psychotherapie. Und meinem Freund, dem Vater meiner dreijährigen Tochter.


Vorbild für gute Beziehungen


Es ist erstaunlich, wie Familiengeschichten sich wiederholen. Aber manchmal auch in einer besseren Version. Meine Mutter war bei meiner Geburt 24, ich wurde selbst mit 22 schwanger. Ein Schock für meinen Freund und mich, wir kannten uns da kaum. Aber meine Mutter blieb ganz ruhig und sagte: „Sonya, es gibt keinen Menschen auf der Welt, den ich mir besser als Mutter vorstellen kann.“ Das hat mir Kraft gegeben, es durchzuziehen, notfalls ohne ihn. Weil ich ja wusste: Auch mit einer alleinerziehenden Mutter kann ein Kind glücklich sein. Mein Freund und ich sind am Elternsein gewachsen. Als Paar, aber auch jeder für sich. Ich weiß heute, wie erleichternd es ist, Aufgaben zu teilen. Und für ihn ist es ungewohnt und wohltuend, dass ich ihn nicht alleinlasse mit der finanziellen Verantwortung. Er hatte immer die Vorstellung, er müsste seiner Familie etwas bieten, mir ist das nicht so wichtig. Der Kühlschrank ist voll, unsere Tochter hat genügend zum Anziehen, und wenn sie später auf Klassenfahrt geht, können wir auch das aufbringen. Was brauchen wir mehr?


Keine Vorwürfe an meine Mutter


Mir wird warm ums Herz, wenn ich Vater und Tochter zusammen erlebe: Wie er mit ihr Bilderbücher anschaut, mit ihr schmust, mir ihr durch die Waschstraße fährt, weil sie nicht genug bekommt von den rotierenden Reinigungsmaschinen. Nicht, dass ein Kind unbedingt Vater und Mutter braucht, um sich heil zu fühlen – aber schöner ist es schon. Und erst jetzt kann ich voll ermessen, was meine Mutter geleistet hat. Was es bedeutet, jede Entscheidung ganz allein zu tragen. Oft lässt sie mich wissen, wie stolz sie auf mich ist. Auf mein Leben, meinen Beruf als Fotografin, meine heile kleine Familie. Aber umgekehrt gilt das auch: Ich war noch nie so stolz auf sie wie heute.

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